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»Cällate! Verschwenden Sie nicht meine Zeit.« Miguel packte den Telefonhörer fester und versuchte, seine Wut zu beherrschen, damit die anderen im Cafe nichts verstanden. »Das ist ein Befehl. Besorgen Sie sich die fünfzig Kisten. Ich werde auf die übliche Art mit Ihnen Verbindung aufnehmen, kurz vor Mittag. Wenn Sie versagen, dann wissen Sie genau, wie wütend unsere gemeinsamen Freunde werden können und wie weit ihr Arm reicht.«

»Nein, nein! Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen.« Salaverrys Stimme hatte schnell einen einlenkenden Ton angenommen. Die Androhung eines Racheakts des berüchtigten Medellin-Kartells durfte man nicht auf die leichte Schulter nehmen. »Ich werde tun, was ich kann.«

»Sie werden noch mehr tun, als Sie können«, sagte Miguel barsch. »Bis morgen dann.« Er hängte ein und verließ das Cafe.

Im Versteck in Hackensack bewachte Socorro die drei noch immer betäubten Gefangenen sehr aufmerksam. Während der ganzen Nacht injizierte sie ihnen, nach Baudelios Anweisungen, immer wieder Dosen des Propofol. Sie überwachte ihre Lebensfunktionen und machte sich Notizen. Kurz vor Tagesanbruch wachte Baudelio auf. Er warf einen kurzen Blick auf Socorros Notizen, nickte befriedigt und löste sie ab.

Gleich am frühen Morgen schaltete Miguel, der nur unruhig geschlafen hatte, wieder die Nachrichten ein. Die Entführung der Sloanes war zwar noch immer die Schwerpunktmeldung, doch gab es noch keine neuen Erkenntnisse.

Kurz darauf sagte Miguel zu Luis, daß sie beide gegen elf Uhr im Leichenwagen nach Manhattan fahren würden.

Der Leichenwagen war das sechste Fahrzeug der Gruppe, ein Cadillac, den sie in gutem Zustand gebraucht gekauft hatten. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten sie ihn erst zweimal benutzt; ansonsten hatte er immer versteckt in einem der Nebengebäude gestanden. Die anderen nannten ihn el ängel negro, den schwarzen Engel. Der Boden im Inneren des Wagens war aus hübschem Rosenholz, eingebaute Gummirollen sorgten für ein problemloses Hineingleiten des Sargs. Der Himmel und die Seitenwände waren mit dunkelblauem Samt ausgeschlagen.

Miguel hatte ursprünglich geplant, den Leichenwagen nur für die letzte Fahrt zum Flughafen vor ihrer Abreise nach Peru zu verwenden, doch inzwischen war er ganz offensichtlich das sicherste Fahrzeug. Die Personenwagen und der GMC Laster waren schon zu oft benutzt worden, vor allem während der Beschattung in Larchmont, und es bestand die Gefahr, daß die Polizei inzwischen Beschreibungen der Fahrzeuge besaß.

Das Wetter war schlechter geworden. Der Himmel war düster und wolkenverhangen, es regnete heftig, und es ging ein böiger Wind. Luis, der am Steuer saß, fuhr viele Umwege, er änderte öfters die Richtung und blieb zweimal stehen, um ganz sicherzugehen, daß sie nicht verfolgt wurden. Wegen der nassen Straßen und der schlechten Sicht fuhr Luis den Leichenwagen besonders vorsichtig. Nachdem sie am New Jersey-Ufer des Hudson in südlicher Richtung bis Weehawken gefahren waren, fuhren sie in den Lincoln Tunnel ein und waren um 11 Uhr 45 in Manhattan.

Miguel und Luis trugen beide dunkle Anzüge und Krawatten, dem Leichenwagen angemessen.

Nach Verlassen des Tunnels fuhren sie auf der Fortieth Street in östlicher Richtung. Wegen des heftigen Regens hatten sich Staus gebildet, und sie kamen nur quälend langsam voran. Miguel sah den Fußgängern zu, die sich auf überfüllten Bürgersteigen vorsichtig und unbeholfen bewegten.

Das Paradox, in einem Leichenwagen durch New York City zu fahren, amüsierte ihn. Einerseits war das Fahrzeug viel zu auffällig für ihre Zwecke, andererseits verlangte es aber auch Respekt. An einer Kreuzung hatte ein uniformierter Verkehrspolizist - ein »Brownie«, wie die New Yorker ihn nannten - den übrigen Verkehr angehalten und sie durchgewunken.

Miguel fiel auch auf, daß viele Leute nur einen flüchtigen Blick auf den Leichenwagen warfen und dann gleich wieder wegsahen. Er hatte dies schon öfters beobachtet und fragte sich nun: War es das Erinnertwerden an den Tod, an das große Vergessen, das sie aufschreckte? Miguel hatte keine Angst vor dem Tod; er hatte aber auch nicht die Absicht, anderen die Möglichkeit zu geben, den seinen zu beschleunigen.

Aber eigentlich war ihm die ganze Sache gleichgültig. Wichtig war nur, daß offenbar niemand in dieser Menschenmenge auf den Gedanken kam, in diesem Leichenwagen könnten zwei der meistgesuchten Männer Amerikas sitzen, zwei Täter eines Verbrechens, das die Sensation des gesamten Landes war. Der Gedanke faszinierte Miguel. Und er fand ihn sogar beruhigend.

An der Third Avenue bogen sie nach Osten ab, und kurz vor der Forty-fourth Street hielt Luis an und ließ Miguel aussteigen. Miguel stellte den Kragen auf und ging die letzten zwei Blocks in östlicher Richtung bis zu den Vereinten Nationen zu Fuß. Trotz seiner früheren Überlegungen hätte seine Ankunft in einem Leichenwagen für unnötige Aufmerksamkeit gesorgt. Luis hatte Anweisung, in der Zwischenzeit herumzufahren und in einer Stunde an der Stelle zu warten, wo er Miguel hatte aussteigen lassen. Wenn Miguel nicht auftauchte, sollte Luis es jede halbe Stunde wieder versuchen.

An der Ecke Forty-fourth Street kaufte Miguel einen Regenschirm, hatte aber wegen des Windes Schwierigkeiten beim Aufspannen. Wenige Minuten später überquerte er die First Avenue und ging auf die weiße Fassade des UN-Gebäudes zu. Wegen des Regens ragten die vielen Fahnenstangen nackt und unbeflaggt in den Himmel. Er ging an einem Gitterzaun und am Delegierteneingang vorbei und stieg schließlich eine breite Plattform zum Besuchereingang hoch. Da er nichts bei sich trug, winkte man ihn an der Kontrolle schnell durch, während andere ihre Taschen und Pakete öffnen mußten.

In der großen Eingangshalle warteten auf Bänken zahlreiche Besucher, deren Kleider und Gesichter so vielfältig waren wie die Vereinten Nationen selbst. Eine bolivianische Frau mit einer Melone auf dem Kopf saß stoisch auf ihrem Platz. Neben ihr spielte ein kleines schwarzes Kind mit einem weißen Stofflamm. In der Nähe saß ein alter, wettergegerbter Mann mit afghanischer Kopfbedeckung. Zwei bärtige Israelis stritten sich über Papiere, die sie zwischen sich ausgebreitet hatten. Und zwischendurch waren immer wieder weißhäutige amerikanische und britische Touristen zu sehen.

Miguel achtete nicht weiter auf die Wartenden, sondern ging auf ein Schild mit der Aufschrift »Führungen« im hinteren Teil der Halle zu. Neben dem Schild stand Jose Antonio Salaverry mit einem Diplomatenkoffer in der Hand.

Wie ein Wiesel, dachte Miguel, als er Salaverrys schmales, zusammengekniffenes Gesicht, den zurückweichenden Haaransatz und den dünnen Schnurrbart betrachtete. An diesem Tag schien der peruanische Diplomat, der sonst Ruhe und Selbstbewußtsein ausstrahlte, nervös zu sein.

Sie nickten sich zur Begrüßung nur knapp zu, dann führte Salaverry Miguel zu einem Informationsschalter, wo er ihn unter falschem Namen anmeldete. Miguel erhielt einen Besucherausweis. Für einen Delegierten wie Salaverry war ein solcher Vorgang kein Problem.

Während die beiden einen Säulengang entlanggingen, wurde durch die großen Glasscheiben ein Garten sichtbar und dahinter der East River. Ein Aufzug brachte sie in den ersten Stock, wo sie die Indonesian Lounge, die nur Diplomaten und ihren Gästen zugänglich war, betraten.

Der große, eindrucksvolle Saal, in dem Staatsoberhäupter empfangen wurden, enthielt einige wertvolle Kunstwerke, darunter auch den Türvorhang der heiligen Kaaba in Mekka, ein schwarzer, mit Gold und Silber eingelegter Teppich, den die Saudis den Vereinten Nationen zum Geschenk gemacht hatten. Auf einem dunkelgrünen Teppich standen weiße Ledersofas und Ledersessel, die alle so plaziert waren, daß gleichzeitig mehrere Unterredungen stattfinden konnten. Miguel und Salaverry nahmen in einer etwas abseits stehenden Sitzgruppe Platz.

Als sie sich ansahen, zuckten Jose Antonio Salaverrys Lippen verärgert. »Ich habe Sie gewarnt, daß es gefährlich ist, hierherzukommen! Das Risiko ist doch auch so schon groß genug.«