»Warum ist es ein Risiko, wenn ich hierherkomme?« fragte Miguel gelassen. Er mußte herausfinden, was dieser Schwächling wußte.
»Sie Narr! Sie wissen genau, warum. Das Fernsehen, die Zeitungen, alles ist voll von dem, was Sie getan haben, von den Leuten, die Sie entführt haben. FBI und Polizei suchen Sie unter Einsatz aller verfügbaren Mittel.« Salaverry schluckte und fragte dann ängstlich: »Wann werden Sie - Sie alle aus dem Land verschwinden?«
»Angenommen, es stimmt, was Sie da sagen, warum wollen Sie denn das wissen? Was geht denn Sie das an?«
»Helga ist fast wahnsinnig vor Angst. Und ich auch.«
Dann hatte das Plappermaul also dieser Bankhure erzählt, was er wußte. Das bedeutete, daß die undichte Stelle sich vergrößert hatte und nun eine unmittelbare Gefahr darstellte, die man aus dem Weg räumen mußte. Obwohl Salaverry es noch nicht wußte, hatte sein törichtes Geständnis sein Schicksal und das seiner Freundin besiegelt.
»Bevor ich antworte«, sagte Miguel, »geben Sie mir das Geld.«
Salaverry stellte die Kombination an seinem Aktenkoffer ein. Er nahm eine dicke, mit einem Band verknotete Mappe heraus und gab sie Miguel.
Miguel öffnete sie, sah hinein und verknotete sie wieder.
»Wollen Sie das Geld nicht zählen?« fragte Salaverry gereizt.
Miguel zuckte mit den Achseln. »Sie würden es nicht wagen, mich zu betrügen.« Nach kurzer Überlegung fügte er mit gespielter Beiläufigkeit hinzu: »Sie wollen also wissen, wann ich und gewisse andere Leute das Land verlassen?«
»Ja.« »Wo werden Sie und die Frau heute abend sein?«
»In meiner Wohnung. Wir sind viel zu aufgeregt, um auszugehen.«
Miguel war bereits in der Wohnung gewesen und hatte sich die Adresse gemerkt. »Bleiben Sie dort«, sagte er Salaverry. »Anrufen kann ich Sie nicht, aus Gründen, die Sie erst später verstehen werden. Deshalb wird Ihnen heute abend ein Bote alles sagen, was Sie wissen wollen. Er wird den Namen Plato benutzen. Wenn Sie diesen Namen hören, können Sie ihn unbesorgt einlassen.«
Salaverry nickte eifrig. Er schien erleichtert.
Dann fügte Miguel hinzu: »Betrachten Sie es als Gegenleistung für die prompte Geldbeschaffung.« Er berührte die Mappe.
»Vielen Dank. Sie müssen verstehen, ich will ja nicht unvernünftig sein... «
»Ich verstehe. Aber bleiben Sie heute abend zu Hause.«
»Das werde ich bestimmt.«
Miguel verließ das UN-Gebäude, überquerte die First Avenue und ging auf das United Nations Plaza Hotel zu. Er betrat das Foyer und blieb am Telefon neben dem Zeitungskiosk stehen.
Er wählte die Nummer seines Kontaktmanns in Queens. Als eine Stimme sich meldete, wußte er sofort, daß er mit einem festungsähnlichen Haus in Little Columbia verbunden war. Miguel faßte sich kurz, er nannte keinen Namen, sondern nur die Nummer des Münzfernsprechers, von dem er telefonierte, und hängte dann ein.
Er wartete geduldig neben dem Apparat; als zwei andere Leute sich näherten, gab er vor zu telefonieren. Nach sieben Minuten klingelte es. Eine Stimme bestätigte, daß auch der Sprecher von einem Münzapparat aus telefoniere. So konnte das Gespräch weder zurückverfolgt noch abgehört werden.
Mit leiser Stimme nannte Miguel, was er brauchte. Man versicherte ihm, daß es erledigt werden könnte. Nach Festlegung der Modalitäten einigte man sich auf einen Preis von sechstausend Dollar. Miguel gab Salaverrys Adresse durch und erklärte, der Name »Plato« verschaffe Zugang zu der Wohnung. Schließlich sagte er mit Nachdruck: »Die Sache muß heute abend passieren und muß aussehen wie Mord und Selbstmord.«
Man versprach ihm, daß seine Anweisungen präzise ausgeführt würden.
Wenige Minuten vor dem vereinbarten Termin stand Miguel bereits wieder am Treffpunkt an der Third Avenue. Kurz danach fuhr Luis im Leichenwagen vor.
Während Miguel sich aus dem Regen ins Trockene des Wagens flüchtete, sagte er zu Luis: »Wir fahren jetzt zu dem Bestattungsinstitut, demselben wie beim letzten Mal. Weißt du noch, wo das ist?«
Luis nickte und fuhr in östlicher Richtung auf die Queensboro Bridge zu.
5
Zu Zeiten einer Nachrichtenflaute wirkte ein großer Nachrichtensender wie ein schlafender Riese.
Er arbeitete dann nur mit verminderter Kapazität, und eine ganze Reihe seiner Talente mußte »Zeit absitzen«, wie man es in der Branche nannte, und das hieß, daß sie nichts zu tun hatten.
Es hieß aber auch, daß man, wenn etwas Wichtiges passierte, immer eine Menge erfahrener Leute da hatte, die man, so der Jargon, »anheizen« konnte.
Am Freitagmorgen, dem Tag nach der Entführung der Sloane-Familie, war dieser Anheizungsprozeß in vollem Gange, denn die Sondereinheit unter der Leitung von Harry Partridge und mit Rita Abrams als Chefproduzentin informierte sich in der Zentrale von CBA News.
Rita, die bereits in der Nacht zuvor aus Minnesota in New York angekommen war, betrat Punkt 8 Uhr die Büroräume, die man der Sondereinheit zugewiesen hatte. Harry Partridge hatte die Nacht in einer vom Sender bereitgestellten Luxussuite im Inter-Continental verbracht und traf kurz nach Rita ein.
Harry kam direkt zur Sache: »Schon was Neues?«
»Null, was die Entführung selbst angeht«, antwortete Rita. »Aber vor Crawfs Haus hat sich 'ne Menschenmenge angesammelt.«
»Was für Leute?«
Die beiden saßen in dem als Konferenzraum geplanten Zimmer, und Rita lehnte sich in ihrem Drehstuhl zurück. Trotz der Kürze ihres Urlaubs schien sie erfrischt, ihre gewohnte Vitalität und Energie waren wiederhergestellt. Und auch den launigen Zynismus, den ihre Mitarbeiter so an ihr schätzten, hatte sie nicht verloren.
»Heutzutage will doch jeder den Saum eines Moderators berühren. Jetzt, da Crawfs Fans seine Adresse kennen, strömen sie zu Hunderten, ja zu Tausenden nach Larchmont. Die Polizei weiß nicht mehr, was sie mit ihnen anfangen soll und hat bereits Straßensperren errichtet.«
»Haben wir ein Kamerateam vor Ort?«
»Klar doch. Sie haben die ganze Nacht draußen kampiert. Ich hab' Ihnen gesagt, sie sollen bleiben, bis Crawf zur Arbeit fährt. Danach laß' ich sie von einem anderen Team ablösen.«
Partridge nickte zustimmend.
»Man kann wohl davon ausgehen, daß die Entführer nicht mehr in der Nähe von Larchmont sind und sich die Dinge jetzt woanders abspielen«, sagte Rita, »aber ich glaube, wir sollten zur Sicherheit noch ein paar Tage dort auf Posten bleiben, falls sich noch irgend etwas ergibt. Außer natürlich, du hast andere Vorstellungen.«
»Bis jetzt noch nicht«, erwiderte Partridge und fügte dann hinzu: »Du weißt, daß wir bei der Auswahl unserer Leute so ziemlich freie Hand haben?«
»Das habe ich bereits letzte Nacht erfahren. Ich habe deshalb gleich drei Produzenten angefordert - Norman Jaeger, Iris Everly und Karl Owens. Die werden bald hiersein.«
»Eine hervorragende Wahl.« Partridge kannte die drei gut. Bei CBA gab es kaum bessere.
»Ach, und ich habe bereits die Büros aufgeteilt. Willst du deins sehen?«
Rita führte ihn durch die fünf nebeneinanderliegenden Büros, die zur Operationsbasis der Sondereinheit werden sollten. Die Nachrichtenabteilungen großer Sender waren ständig im Umbruch, da laufend Projekte angefangen und wieder aufgegeben wurden; Räumlichkeiten waren deshalb fast immer verfügbar, wenn sie gebraucht wurden.
Partridge hatte ein eigenes Büro, Rita ebenfalls. Zwei weitere, bereits mit Tischen vollgestellte Büros waren für die übrigen Reporter, Kamerateams und die Hilfskräfte gedacht. Der Einzug war schon in vollem Gange. Partridge und Rita begrüßten die Neuankömmlinge, bevor sie in das fünfte und größte Zimmer, den Konferenzraum, zurückkehrten und sich wieder an die Planung machten.
Partridge nahm den Faden wieder auf. »Ich möchte mich zuerst mit allen Leuten zusammensetzen, die mit uns arbeiten werden. Wir können die Verantwortlichkeiten abstecken und dann gleich mit der Arbeit am Bericht für die Abendausgabe beginnen.«