Rita sah auf die Uhr: 8 Uhr 45.
»Ich werde die Konferenz für zehn Uhr ansetzen«, sagte sie. »Aber im Augenblick möchte ich erst einmal wissen, was in Larchmont so alles passiert.«
»In all den Jahren, die ich jetzt schon hier lebe«, sagte der Polizeisergeant aus Larchmont, »habe ich so etwas noch nie gesehen.«
Er sprach mit FBI-Sonderagent Havelock, der vor ein paar Minuten das Haus verlassen hatte, um sich die Masse der Schaulustigen anzusehen. Schon seit Tagesanbruch wurde die Menge immer größer, sie drängte sich auf dem Bürgersteig vor dem Haus der Sloanes. Mit wenig Erfolg versuchte die Polizei, die Menge von der Straße fernzuhalten, da sie den Verkehr behinderte. Otis Havelock, der im Haus übernachtet hatte, befürchtete, daß Sloane, der sich im Haus zur Arbeit fertigmachte, von der Menge belästigt würde. Vor dem Tor drängten sich Fernsehteams und andere Reporter. Als Havelock auftauchte, richteten sich die Kameras auf ihn, Fragen wurden ihm zugerufen.
»Haben Sie von den Entführern schon etwas gehört?«
»Wie geht es Sloane?«
»Können wir mit Crawford sprechen?«
»Wer sind Sie?«
Als Antwort schüttelte Havelock nur den Kopf und winkte ab.
Die Menge hinter der Presse schien sich noch diszipliniert zu verhalten, doch Havelocks Erscheinen hatten das Stimmengemurmel beträchtlich anwachsen lassen.
Der FBI-Mann beklagte sich bei dem Sergeant. »Können Sie und Ihre Leute nicht wenigstens diese Straße freihalten?«
»Wir versuchen es. Der Chief hat Straßensperren angeordnet. Wir lassen keine Autos und Fußgänger mehr durch, bis auf die Anwohner natürlich. Und dann versuchen wir, die Leute von hier wegzubekommen. Das wird mindestens eine Stunde dauern. Bei den ganzen Kameras will der Chief nicht, daß wir den Leuten zu nahe treten.«
»Wissen Sie schon, woher die alle kommen?«
»Ich hab' ein paar gefragt«, antwortete der Sergeant. »Die meisten sind von außerhalb Larchmonts. Die haben wahrscheinlich die ganze Aufregung im Fernsehen gesehen, und jetzt wollen sie persönlich einen Blick auf Mr. Sloane werfen. Die Straßen in der Nachbarschaft sind voll mit ihren Autos.«
Es hatte zu regnen begonnen, aber das schien die Schaulustigen nicht zu entmutigen. Sie spannten höchstens Regenschirme auf oder schlugen die Kragen ihrer Mäntel hoch.
Havelock kehrte ins Haus zurück. Drinnen sagte er zu Crawford Sloane, der müde und erschöpft aussah: »Wir nehmen zwei zivile FBI-Autos. Sie sitzen im zweiten und gehen im Fond in Deckung. Dann fahren wir so schnell wie möglich los.«
»Ausgeschlossen«, erwiderte Sloane. »Da draußen warten Leute von den Medien. Ich bin einer von ihnen und kann mich nicht davonschleichen, als wäre ich der Präsident.«
»Es ist aber auch möglich, daß einige der Leute, die Ihre Familie entführt haben, da draußen auf Sie warten.« Havelocks Stimme nahm einen schärferen Ton an. »Was glauben Sie, was da passiert? Wollen Sie sich vielleicht abknallen lassen? Also stellen Sie sich nicht so an, Mr. Sloane.«
Schließlich einigten sie sich darauf, die Kamerateams und Reporter in den Flur zu bitten, wo Sloane eine improvisierte Pressekonferenz abhalten wollte. Beim Eintreten sahen sich viele Journalisten neugierig und manche mit unverhohlenem Neid in dem luxuriösen Haus um. Die Fragen und Antworten, die nun folgten, waren zum Großteil eine Wiederholung derer vom Tag zuvor, denn die einzige neue Information war die, daß es während der Nacht keine Nachricht von den Entführern gegeben hatte.
»Mehr kann ich Ihnen nicht mitteilen«, sagte Sloane schließlich. »Es gibt einfach nicht mehr. Ich wäre auch froh, wenn es mehr gäbe.«
Havelock stand aufmerksam in der Nähe, weigerte sich aber, Fragen zu beantworten, und am Ende verließen die Reporter, von denen einige über den Mangel an Neuigkeiten enttäuscht schienen, das Haus so, wie sie es betreten hatten.
»Und nun, Mr. Sloane«, sagte Havelock, »will ich, daß wir das Haus genauso verlassen, wie ich es vorhin beschrieben habe, also Sie zusammengekauert im Fond des zweiten Wagens, damit Sie niemand sieht.« Sloane stimmte widerwillig zu.
Aber bei der Ausführung des Plans kam es zu einem unvorhergesehenen Unglück.
Crawford Sloane verschwand so schnell in dem FBI-Wagen, daß er nur von wenigen Leuten bemerkt wurde. Aber diese wenigen erzählten es sofort weiter, und die Nachricht breitete sich aus wie ein Lauffeuer: »Sloane ist im zweiten Wagen.« Havelock und ein anderer FBI-Agent saßen ebenfalls auf dem Rücksitz des Wagens, und Sloane kauerte unbequem zwischen ihnen. Ein dritter FBI-Agent saß am Steuer.
Im ersten Wagen saßen zwei weitere FBI-Männer. Die beiden Fahrzeuge setzten sich sofort in Bewegung.
Da die Menge nun von Sloanes Abfahrt wußte, drängten einige im Hintergrund nach vorne, was die Vorderen auf die Straße zwang. Und in diesem Augenblick passierten mehrere Dinge kurz hintereinander.
Das erste Auto verließ die Auffahrt, ein Polizist hatte es herausgewunken. Es fuhr schnell, und das zweite folgte in kurzem Abstand. Plötzlich wurden die vorderen Schaulustigen noch weiter in die Straße geschoben, und dem ersten Auto war überraschend der Weg versperrt. Der Fahrer stieg, entsetzt über die Leute, die plötzlich vor ihm auftauchten, auf die Bremse.
Unter anderen Umständen wäre das erste Auto noch rechtzeitig zum Stehen gekommen. Da aber die Straße naß vom Regen war, brach es seitlich aus. Dem Quietschen der Reifen folgten entsetzliche, dumpfe Aufprallgeräusche und Schreie, während sich das Auto einen Weg durch die vorderen Zuschauerreihen bahnte.
Die Insassen des zweiten Autos - bis auf Sloane, der nichts sehen konnte - rissen entsetzt die Augen auf und machten sich auf eine ähnliche Kollision gefaßt. Doch als die Leute hastig auf die andere Straßenseite liefen, teilte sich die Menge, und Havelock befahl mit entschlossenem Gesicht: »Nicht anhalten! Weiterfahren!« Seine offensichtlich so gefühllose Handlung rechtfertige Havelock später mit der Erklärung: »Es ging alles so schnell, daß ich gar nicht wußte, was los war und sofort an einen Überfall dachte.«
Als Crawford Sloane merkte, daß etwas Unerwartetes vorgefallen war, hob er den Kopf, um hinauszuspähen. In diesem Augenblick fing eine Kamera, die bereits auf das Auto gerichtet war, sein Gesicht in Großaufnahme ein und blieb dran, während das Auto davonraste. Das Publikum, das diese Bilder später im Fernsehen sah, hatte natürlich keine Ahnung, daß Sloane seinen Beschützer anflehte, umzukehren, und daß Havelock ihn mit barschen Worten zurückwies: »Die Polizei ist an Ort und Stelle. Sie wird sich darum kümmern.«
Die Polizei hatte die Situation wirklich unter Kontrolle und alarmierte sofort mehrere Krankenwagen. Am Ende stellte sich heraus, daß acht Personen verletzt worden waren, sechs nur leicht, doch zwei schwer. Von den Schwerverletzten hatte ein Mann einen gebrochenen Arm und Rippenbrüche davongetragen, während bei einer Frau das linke Bein so stark zerquetscht war, daß es amputiert werden mußte.
Der Unfall war zwar tragisch, hätte aber unter anderen Umständen kaum größere Aufmerksamkeit erregt. Da er aber mit der Entführung der Sloanes in Verbindung stand, wurde im ganzen Land darüber berichtet, und es wurden auch Stimmen laut, die, zumindest andeutungsweise, Crawford Sloane die Schuld in die Schuhe schoben.
Der Ermittlungsspezialist aus London, Teddy Cooper, traf, wie versprochen, noch an diesem Vormittag mit einer Concorde ein. Kurz vor 10 Uhr kam er im Büro der Sondereinheit an und meldete sich erst bei Harry Partridge, dann bei Rita. Anschließend gingen die drei in den Konferenzraum, wo sich eben der Rest der Gruppe versammelte.
Auf dem Weg dorthin traf Cooper Crawford Sloane, der, noch immer erschüttert über den Vorfall in Larchmont, ebenfalls vor wenigen Minuten angekommen war.
Cooper, ein dünner, drahtiger junger Mann, strahlte Energie und Selbstvertrauen aus. Seine glatten, dunklen Haare, die er länger trug, als es im Augenblick Mode war, rahmten sein blasses Gesicht ein, das noch immer Spuren pubertärer Akne aufwies. So wirkte er insgesamt noch jünger als die fünfundzwanzig Jahre, die in seinem Paß standen. Cooper war durch und durch Londoner, hatte sich aber schon öfters in Amerika aufgehalten - und kannte sich in New York gut aus.