»Ich will Ihnen eins sagen, Mr. Havelock«, sagte Partridge, »ich habe schon öfters mit dem FBI gemeinsam an einem Fall gearbeitet, und Ihre Leute sind bekannt dafür, daß sie jede Information, die sie bekommen können, an sich reißen, aber selbst nie etwas liefern.«
»Das FBI ist nicht verpflichtet, irgend etwas zu liefern«, fauchte Havelock. Seine Beherrschung war verschwunden. »Wir sind eine Regierungsbehörde mit der Macht des Präsidenten und des Kongresses im Rücken. Und Sie scheinen sich hier als unsere Konkurrenz aufspielen zu wollen. Da kann ich Ihnen nur sagen, jeder, der offizielle Ermittlungen behindert, indem er Informationen zurückhält, muß mit ernsten Strafen rechnen.«
Chippingham hielt es für an der Zeit, einzugreifen.
»Mr. Havelock«, sagte er, »ich kann Ihnen versichern, wir sind die letzten, die das Gesetz mißachten. Aber wir haben das Recht, eigene Nachforschungen anzustellen, und manchmal sind die erfolgreicher als das, was Sie >offizielle Ermittlungen< nennen.«
»Worum es hier eigentlich geht«, fuhr Chippingham fort, »ist das, was man >journalistische Freiheit< nennt. Ich muß zugeben, daß es da gewisse Graubereiche gibt, wichtig ist aber, daß ein Reporter das Recht hat, zu ermitteln, ohne seine Quellen preisgeben zu müssen, es sei denn, ein Gericht hebt dieses Privileg auf. Sie sehen also, es wäre eine Beschränkung unserer Freiheit, wenn wir Ihnen sofortigen und uneingeschränkten Zugang zu allen hereinkommenden Informationen gewähren würden. Ich muß Ihnen deshalb mitteilen, daß wir zwar froh über Ihre Anwesenheit sind, daß Sie aber nicht überall uneingeschränkt Zugang haben und daß es eine Grenze gibt, die Sie nicht überschreiten dürfen - genau dort.« Er deutete auf die Tür des Konferenzraums.
»Nun, Sir«, erwiderte Havelock. »Ich weiß noch nicht, ob ich damit einverstanden bin, aber Sie haben doch sicher nichts dagegen, wenn ich die Angelegenheit mit meinen Vorgesetzten abkläre.«
»Ganz im Gegenteil. Ich bin mir sicher, man wird Ihnen dort sagen, daß wir uns im Rahmen des Gesetzes bewegen.«
Was Chippingham ihm natürlich nicht sagte, war die Tatsache, daß CBA, wie jede andere Nachrichtenorganisation auch, selbst entschied, wann man welche Informationen preisgab, auch wenn das bedeutete, sich mit dem FBI anzulegen. Er wußte, daß die meisten bei CBA News ebenso dachten. Und um Konsequenzen hatte sich der Sender erst zu kümmern, wenn und falls sie eintraten.
Nachdem Havelock zum Telefonieren gegangen war, sagte Chippingham zu Rita: »Ruf den Hausmeister an. Laß dir die Schlüssel für dieses Büro geben und schließ ab.«
In der Abgeschiedenheit von Partridges Büro begannen er und Sloane bei laufendem Cassettenrecorder ihre Unterhaltung. Partridge ging die inzwischen vertraute Geschichte noch einmal durch und stellte frühere Fragen präziser und detaillierter, aber es ergab sich nichts Neues. Schließlich fragte er: »Fällt dir noch irgend etwas ein, Crawf, vielleicht ganz tief in deinem Unterbewußtsein, was mit der Entführung zu tun haben könnte? Vielleicht nur eine winzige Kleinigkeit, die dir kurz aufgefallen ist, die du aber gleich wieder verdrängt hast?«
»Du hast mich das gestern schon gefragt«, antwortete Sloane nachdenklich. Während der letzten vierundzwanzig Stunden hatte sich seine Haltung Partridge gegenüber merklich verändert. Er war nicht nur freundlicher zu Partridge, er war auch weniger auf der Hut vor ihm, ja er verließ sich innerlich auf ihn, wie er es noch nie zuvor getan hatte. Eigenartigerweise hatte Sloane beinahe Ehrfurcht vor Partridge, so als setze er in ihn seine größte Hoffnung, um Jessica, Nicky und seinen Vater zurückzubekommen.
»Ich weiß, daß ich das bereits gefragt habe«, sagte Partridge. »Und du hast versprochen, darüber nachzudenken.«
»Das habe ich letzte Nacht auch getan, und vielleicht ist da etwas, aber ich bin mir nicht sicher, es ist nur ein sehr vages Gefühl.« Sloane drückte sich etwas unbeholfen aus, mit verschwommenen, unausgegorenen Gedanken tat er sich immer schwer.
»Red weiter«, drängte ihn Partridge.
»Ich glaube, ich hatte schon irgendwann, bevor das alles passierte, das Gefühl, verfolgt zu werden. Aber darauf könnte ich natürlich auch erst gekommen sein, nachdem ich erfahren habe, daß mein Haus beschattet wurde... «
»Vergiß das. Du glaubst also, daß du verfolgt wurdest. Wo und wann?«
»Das ist ja das Problem. Das Ganze ist so vage, daß ich es mir vielleicht nur einbilde, vielleicht aus dem Gefühl heraus, etwas finden zu müssen.«
»Glaubst du, daß du es dir nur einbildest?«
Sloane zögerte. »Nein, das glaube ich nicht.«
»Erzähl mir mehr.«
»Ich habe den Eindruck, daß ich manchmal auf dem Heimweg verfolgt wurde. Und irgendwie ist da das Gefühl, daß mich auch hier im Haus jemand beobachtet hat - jemand, der hier nicht reingehört.«
»Und wie lange?«
»Einen Monat vielleicht?« Sloane streckte die Hände in die Luft. »Ich bin mir einfach nicht sicher, ob ich es mir nicht doch nur einbilde. Aber so oder so, welche Bedeutung hat denn das jetzt noch?«
»Ich weiß es nicht«, antwortete Partridge, »aber ich werde mit den anderen darüber reden.«
Anschließend tippte Partridge eine Zusammenfassung des Gesprächs mit Sloane und heftete sie an die Tafel »Vermischtes«. Dann kehrte er in sein Büro zurück und machte sich an eine Prozedur, die unter Journalisten »Telefone strapazieren« heißt.
Vor ihm lag geöffnet sein privates »blaues Buch« - eine Aufstellung von Leuten in der ganzen Welt, die ihm schon einmal weitergeholfen hatten und es vielleicht wieder tun konnten, und von solchen, denen er mit Informationen ausgeholfen hatte. Jeder im Nachrichtengewerbe hatte gewisse Bestände an Soll und Haben; und zu Zeiten wie diesen wurden die Habenbestände abgerufen. Hilfreich war auch, daß viele Leute sich geschmeichelt fühlten, wenn sie von Fernsehreportern um Hilfe gebeten wurden.
Schon am Abend zuvor hatte Partridge sich all jene in seinem blauen Buch angemerkt, die er nun anrufen wollte. Dazu gehörten Kontakte im Justizministerium, im Weißen Haus, im Außenministerium, bei der CIA, der Einwanderungsbehörde, beim Kongreß, in einigen ausländischen Botschaften, im New Yorker Polizeipräsidium, bei der Royal Canadian Mounted Police in Ottawa und bei der mexikanischen Polizei sowie ein Autor von Sachbüchern über Kriminalität und ein Anwalt mit Verbindungen zum organisierten Verbrechen.
Die einzelnen Telefongespräche waren meistens sehr höflich, unverbindlich gehalten und begannen etwa so: »Hallo, hier ist Harry Partridge. Wir haben schon eine ganze Weile nichts mehr voneinander gehört. Wollte nur mal wissen, wie es Ihnen geht.« Er erkundigte sich meist noch nach Ehefrauen, Geliebten oder Kindern, denn auch deren Namen hatte er sich notiert, und kam dann zum eigentlichen Grund seines Anrufs. »Ich arbeite gerade an dieser Sloane-Entführung. Und da habe ich mich gefragt, ob Sie vielleicht irgend etwas gehört oder irgendwelche Vermutungen haben.«
Manchmal waren die Fragen auch konkreter. Gibt es in Ihrer Umgebung irgendwelche Spekulationen, wer dafür verantwortlich sein könnte? Halten Sie es für möglich, daß Terroristen in die Sache verwickelt sind? Wenn ja, aus welchem Land? Sind Gerüchte im Umlauf? Würden Sie sich bitte umhören und mich anrufen, wenn Sie etwas erfahren?
Es war eine reine Routineangelegenheit, manchmal langweilig und immer sehr zeitraubend. Manchmal zeigten sich Ergebnisse, wenn auch gelegentlich verspätet, oft kam nichts dabei heraus, wie auch an diesem Tag; am interessantesten, so fand Partridge rückblickend, war vielleicht noch das Gespräch mit dem Anwalt, der Verbindungen zum organisierten Verbrechen hatte.
Vor etwa einem Jahr hatte Partridge diesem Anwalt einen Gefallen getan, oder das glaubte zumindest der Anwalt. Die Tochter des Mannes war auf einer Studienreise nach Venezuela in eine unschöne Drogengeschichte hineingeraten, die auch in den Vereinigten Staaten für Schlagzeilen sorgte. Acht weitere Studenten waren ebenfalls in die Affäre verwickelt, zwei starben. Über eine Agentur in Caracas war CBA-News an Liveaufnahmen von den Verhaftungen herangekommen, die auch die Tochter des Anwalts zeigten. Partridge, der sich zu dieser Zeit in Argentinien aufhielt, flog nach Venezuela, um über die Affäre zu berichten.