In New York hatte der Vater inzwischen von den Aufnahmen Wind bekommen und Partridge telefonisch aufgespürt. Er flehte ihn an, Namen und Bild seiner Tochter nicht zu verwenden, weil sie die jüngste der Gruppe und bisher unbescholten sei, und weil das Bekanntwerden ihrer Beteiligung ihr ganzes Leben ruinieren würde.
Zu diesem Zeitpunkt kannte Partridge die Bilder bereits, er wußte über das Mädchen Bescheid und hatte beschlossen, sie in seinem Bericht nicht zu erwähnen. Er hielt sich aber dennoch alle Möglichkeiten offen und versprach dem Mann nur, er werde sehen, was er tun könne.
Als sich dann später herausstellte, daß in dem Bericht von CBA das Mädchen weder erwähnt noch gezeigt wurde, schickte der Anwalt Partridge einen Scheck über tausend Dollar. Mit einem höflichen Begleitschreiben ließ Partridge ihn wieder zurückgehen, und seitdem hatte er nichts mehr von dem Mann gehört.
Bei Partridges Anruf kam der Anwalt nach den Begrüßungsfloskeln gleich sehr unverblümt zur Sache: »Ich stehe in Ihrer Schuld. Und jetzt wollen Sie etwas von mir. Sagen Sie mir, worum es sich handelt.«
Partridge erklärte es ihm.
»Ich weiß nur, was das Fernsehen darüber bringt«, sagte der Anwalt. »Und ich bin mir absolut sicher, daß keiner meiner Klienten in die Sache verwickelt ist. An so etwas wagen die sich nicht heran. Aber manchmal kommen ihnen Sachen zu Ohren, von den andere nichts erfahren. Ich werde mich in den nächsten Tagen einmal diskret umhören. Wenn ich etwas herausfinde, rufe ich Sie an.«
Partridge war sich ziemlich sicher, daß er es tun würde.
Als er nach einer Stunde die Hälfte der Namen abgehakt hatte, machte Partridge eine Pause und ging in den Konferenzraum, um sich einen Kaffee einzugießen. Wieder in seinem Büro, tat er, was fast jeder von der Nachrichtenredaktion täglich tat - er las die New York Times und die Washington Post. Besucher waren immer überrascht, wenn sie sahen, wie viele Exemplare dieser Zeitungen in den Nachrichtenabteilungen des Fernsehens herumlagen. Aber es war einfach so, daß sich trotz der unbestrittenen Leistungen des Fernsehens die unausgesprochene, aber tief verwurzelte Meinung hielt, wirklich solide Nachrichten seien nur die Meldungen, die in der Times oder der Post gedruckt wurden.
Chuck Insens laute Stimme unterbrach Partridge bei seiner Lektüre.
»Ich bringe dir die Sendefolge für heute abend«, sagte der Sendeleiter. »Wir werden die Moderation heute abend übrigens aufteilen. Du nimmst die eine Hälfte.«
»Die erste oder die zweite?«
Insen lächelte schwach. »Das weiß nur Gott im Himmel. Auf jeden Falls wirst du von heute abend an alles moderieren, was mit der Sloane-Entführung zu tun hat. Und das wird auch wieder unser Aufmacher sein, außer der Präsident wird vorher erschossen. Crawf moderiert den Rest wie gewohnt, weil wir alle verdammt noch mal keine Lust haben, uns von diesem Verbrecherpack, wer immer sie sind, vorschreiben zu lassen, wie das Leben bei CBA ablaufen soll.«
»Ich bin einverstanden«, erwiderte Partridge. »Und ich nehme an, Crawf auch.«
»Offen gesagt, der Vorschlag stammt von ihm selbst. Wie jeder König wird er unsicher, wenn er zu lange von seinem Thron entfernt ist. Außerdem bringt es uns nicht weiter, wenn er unsichtbar bleibt. Ach, und noch was: Gleich nach den Meldungen wird Crawf ein paar spontane Worte des Dankes an alle jene richten, die ihm in Anrufen und Briefen ihr Mitgefühl bekundet haben.«
»Spontan?«
»Natürlich. Im Augenblick feilen drei Texter daran.«
Partridge mußte trotz der Umstände lächeln und fragte: »Und ihr beide habt euch für den Augenblick arrangiert?«
Insen nickte. »Zwischen uns besteht ein unausgesprochener Waffenstillstand, bis diese Sache vorüber ist.«
»Und danach?« »Wir werden sehen.«
6
Fast einen Monat vor der Entführung, bereits kurz nach Miguels Ankunft in den Vereinigten Staaten, hatte er versucht, die Särge zu kaufen, in denen die beiden Entführungsopfer nach Peru transportiert werden sollten. Der Plan war schon vor seiner Ankunft ausgearbeitet worden, und Miguel nahm an, daß die Sache schnell und in aller Stille erledigt werden konnte. Doch dann mußte er feststellen, daß es gar nicht so einfach war.
Er hatte sich an ein Bestattungsinstitut in Brooklyn gewandt, weil er seine Aktivitäten über die Stadt verteilen und nicht nur auf Little Columbia, seine damalige Operationsbasis, konzentrieren wollte. Das Institut, das er sich ausgesucht hatte, lag in der Nähe des Prospect Park, ein elegantes, weißes Gebäude mit der Aufschrift Field's und einem großen Parkplatz.
Durch eine schwere Eichentür trat Miguel in eine Empfangshalle mit goldbeigem Teppichboden, riesigen Topfpflanzen und friedvollen Landschaftsansichten an den Wänden. Ein Mann mittleren Alters in schwarzem Frack mit weißer Nelke im Knopfloch, schwarz-grau gestreifter Hose, weißem Hemd und dunkler Krawatte begrüßte ihn mit angemessenem Ausdruck.
»Guten Morgen, Sir«, sagte der Traum aller Schneider. »Ich bin Mr. Field. Zu Ihren Diensten.«
Miguel hatte sich genau überlegt, was er sagen wollte. »Meine Eltern befinden sich bereits in einem fortgeschrittenen Alter und möchten nun gerne gewisse Vorbereitungen treffen für ihr späteres... äh, Ableben.«
Mit einer leichten Verbeugung brachte Field seine Zustimmung und sein Mitgefühl zum Ausdruck. »Ich verstehe, Sir. Viele ältere Leute hegen an ihrem Lebensabend den Wunsch, sich für das Kommende versorgt zu wissen.«
»Richtig. Meine Eltern hätten nun gerne...«
»Verzeihen Sie, Sir, es wäre passender, wenn wir uns in mein Büro begeben würden.«
»Bitte.«
Field ging voraus. Es war wahrscheinlich durchaus beabsichtigt, daß sie dabei an einigen mit ihren Sofas und Sesseln wie Salons wirkenden Zimmern und einem offensichtlich für einen Gottesdienst vorbereiteten Saal mit Stuhlreihen vorbeigingen. In jedem Zimmer lag eine Leiche, geschminkt, der Kopf auf einem Spitzenkissen ruhend, in einem offenen Sarg. Miguel bemerkte nur wenige Besucher, die meisten Zimmer waren leer.
Das Büro lag versteckt am Ende des Gangs. An den Wänden hingen gerahmte Diplome, fast wie im Sprechzimmer eines Arztes, nur daß die Auszeichnungen hier für die »Verschönerung« von Leichen (sie war mit violetten Bändern verziert) und eine andere fürs Einbalsamieren verliehen worden waren. Auf Fields Einladung setzte sich Miguel auf einen Stuhl.
»Darf ich Ihren Namen erfahren, Sir?«
»Novack«, log Miguel.
»Nun, Mr. Novack, wir sollten zunächst die allgemeinen Vorkehrungen besprechen. Haben sich Ihre Eltern bereits eine Grabstelle ausgesucht?«
»Eigentlich nicht.«
»Dann werden wir uns zunächst diesem Problem zuwenden müssen. Wir sollten das gleich für Sie erledigen, da es immer schwieriger wird, angemessene Grabstellen zu erhalten. Es sei denn, Sie ziehen eine Einäscherung in Betracht.«
Miguel, der seine Ungeduld bekämpfen mußte, schüttelte den Kopf. »Nein. Worüber ich eigentlich mit Ihnen sprechen wollte... «
»Dann ist da die Frage der Konfession Ihrer Eltern. Welcher Gottesdienst wird nötig sein? Es müssen auch noch einige andere Entscheidungen getroffen werden. Wenn Sie sich vielleicht das hier einmal durchlesen würden.«
Field gab Miguel etwas, das aussah wie eine umfangreiche Speisekarte. Es war eine lange Liste verschiedener Dienstleistungen mit den dazugehörigen Preisen wie etwa: »Baden, Desinfizieren, Herrichten und Schminken des Verstorbenen - $ 250«, »Sonderbehandlung für Autopsiefälle -$125« sowie »Geistlicher Beistand verschiedener Konfessionen - $ 100.« Ein »kompletter traditioneller Gottesdienst« zu $ 5900 schloß unter anderem ein Kruzifix im Wert von $ 30 ein, das dem Verstorbenen in die Hand gelegt wurde. Särge kosteten extra, und zwar bis zu $ 20600.