»Einen Sarg. Bar bezahlt wie beim letzten Mal.«
Godoy warf ihm einen verschlagenen Blick zu. »Ich habe hier ein Geschäft. Klar, ab und zu bin ich Ihren Freunden gefällig, das beruht auf Gegenseitigkeit. Aber von Ihnen will ich jetzt eins wissen: Reite ich mich da in eine Riesensache hinein?«
»Es gibt keine Sache. Nicht wenn Sie kooperieren.« Miguel senkte drohend die Stimme.
»Also gut, Sie bekommen ihn«, sagte Godoy in etwas gemäßigterem Tonfall. »Aber die Preise sind gestiegen seit dem letzten Mal. Das Modell für Erwachsene kostet jetzt viertausend.«
Wortlos öffnete Miguel die Mappe, die er von Jose Antonio Salaverry erhalten hatte, und zählte vierzig Hundertdoll arscheine ab, die er Godoy gab. »Plus zweihundertfünfzig Verkaufssteuer.«
Während Miguel die Bänder der Mappe wieder verknotete, sagte er zu Godoy: »Sie können mich mal mit Ihrer Steuer.« Und dann: »Ich habe draußen einen Wagen stehen. Schaffen Sie den Sarg zur Laderampe.«
An der Rampe war Godoy dann etwas überrascht, als ein Leichenwagen erschien. Die beiden ersten Särge waren in einem Laster weggeschafft worden, das wußte er noch. Da er seinem Besucher noch immer nicht traute, prägte er sich das New Yorker Kennzeichen des Leichenwagens ein. Sobald er wieder in seinem Büro saß, schrieb er sich die Nummer auf, obwohl er eigentlich nicht genau wußte, wieso. Er legte den Zettel in eine Schublade und vergaß ihn sofort wieder.
Obwohl Godoy das unbestimmte Gefühl hatte, in etwas verwickelt zu sein, von dem er besser nichts wußte, lächelte er, als er die viertausend Dollar in seinen Bürosafe legte. Ein Teil des Geldes, das sein Besucher bereits vor einem Monat bezahlt hatte, lag ebenfalls in dem Safe, und Godoy hatte nicht nur nicht die Absicht, die Verkaufssteuer abzuführen, sondern wollte beide Transaktionen generell am Finanzamt vorbeischmuggeln. Die drei Särge aus seinen Inventarbüchern verschwinden zu lassen, war kein Problem. Der Gedanke stimmte ihn so fröhlich, daß er beschloß, etwas zu tun, was er sehr oft tat - in die Bar nebenan zu gehen.
In der Bar warteten bereits einige seiner Saufkumpane auf ihn. Kurze Zeit später, als ihm drei Jack Daniel's die Zunge schon etwas gelöst hatten, erzählte er der Runde, daß ein Spinner bei ihm zwei Särge gekauft und dann angeblich bei sich zu Hause aufgestellt habe, für den Fall, daß seine Alten abkratzen. Und nun sei er zurückgekommen und habe noch einen dritten gekauft, so als wären es Stühle oder Bratpfannen.
Unter dem dröhnenden Gelächter seiner Zuhörer erzählte er weiter, er habe den Kerl übers Ohr gehauen und ihm das Dreifache des normalen Preises abgenommen. Daraufhin mischte sich Beifall unter das Gelächter, und das brachte Godoy dazu, noch eine Runde auszugeben. Die Befürchtungen von zuvor waren längst vergessen.
Bei dieser Clique in der Bar saß auch ein gebürtiger Kolumbianer mit amerikanischem Paß, der für eine obskure in Spanisch erscheinende Wochenzeitung aus Queens eine Kolumne schrieb. Mit einem Bleistiftstummel notierte sich der Mann die wesentlichen Punkte von Godoys Geschichte auf dem Rücken eines Briefumschlags und übersetzte sie dabei gleichzeitig ins Spanische. Die Episode würde ein hervorragendes Thema für seine nächste Kolumne abgeben, dachte er sich.
7
Bei CBA News war es ein hektischer Tag gewesen, vor allem für die Spezialeinheit.
Fast die gesamte Arbeit konzentrierte sich auf die Produktion eines umfassenden Berichts über die Entführung für die National Evening News, obwohl es auch an anderen Orten der Welt zum Teil sehr bedeutende Ereignisse gab.
Für die Entführungsgeschichte waren fünfeinhalb Minuten vorgesehen - eine außergewöhnlich lange Zeit in einem Geschäft, in dem man sich um Sendeanteile von nur fünfzehn Sekunden Länge stritt. Aus diesem Grund war praktisch die ganze Sondereinheit nur mit diesem Bericht beschäftigt, für längerfristige Planung oder intensives Nachdenken blieb fast keine Zeit mehr.
Harry Partridge, der den ersten Teil der Sendung moderierte, begann:
»Auch nach sechsunddreißig Stunden quälenden Wartens gibt es noch immer keine Nachricht von der Familie des Chefsprechers von CBA News, Crawford Sloane, dessen Frau, Sohn und dessen Vater gestern vormittag in Larchmont, New York, entführt wurden. Der Aufenthaltsort von Mrs. Jessica Sloane, dem elfjährigen Nicholas und Mr. Angus Sloane ist bis jetzt noch unbekannt.«
Bei jedem Namen wurde das entsprechende Foto über Partridges Schulter eingeblendet.
»Unbekannt sind darüber hinaus Identität, Motive und Herkunft der Entführer.«
Dann erschien Crawford Sloanes sorgenvolles Gesicht auf dem Bildschirm. Mit verzweifelter Stimme flehte er: »Gleichgültig, wer Sie sind oder wo Sie sind, melden Sie sich in Gottes Namen. Schicken Sie uns eine Nachricht!«
Zu einer Außenansicht der FBI-Zentrale, dem J. Edgar Hoover Building in Washington, hörte man nun wieder Partridges Stimme. »Während das FBI, das die Ermittlungen übernommen hat, offiziell jeden Kommentar verweigert...«
Ein kurzer Szenenwechsel ins Pressebüro des FBI. Ein Sprecher erklärt: »Im Augenblick würden Verlautbarungen die Ermittlungen nur behindern.«
Dann wieder Partridge: »...geben FBI-Beamte unter der Hand zu, daß noch keine Fortschritte gemacht wurden.«
»Seit gestern ergießt sich ein Strom der Entrüstung und der Besorgnis über unser Land. So an höchster Stelle...«
Schnitt zum Pressesaal des Weißen Hauses. Der Präsident sagt: »Eine solche Untat hat in Amerika keinen Platz. Diese Verbrecher werden zur Strecke gebracht und bestraft werden.«
Partridge: »... und an bescheideneren Orten...«
Aus Pittsburgh meldete sich ein hartgesottener schwarzer Stahlkocher, dessen Gesicht im Schein des Schmelzofens glänzte: »Ich schäme mich, daß so etwas in meinem Land passieren kann.«
Und aus einer freundlichen Küche in Topeka eine weiße Hausfrau: »Ich kann nicht verstehen, daß das niemand vorausgesehen und entsprechende Vorkehrungen getroffen hat.«
In einem Klassenzimmer in Kalifornien sagte ein junges, eurasisches Mädchen mit leiser Stimme: »Es tut mir leid wegen Nicholas Sloane. Es ist nicht richtig, daß sie ihn entführt haben.«
Während des Tages hatten sich Kamerateams von CBA und einigen Tochtergesellschaften auf die Suche nach Stellungnahmen gemacht. Aus fünfzig Interviews hatte man diese drei ausgewählt.
Szenenwechsel zu Sloanes Haus: Bilder vom vergangenen, regnerischen Vormittag wurden gezeigt, zuerst eine Distanzaufnahme von der wartenden Menge auf der Straße, dann ein langsames Heranfahren an die Gesichter. Über den Bildern Partridges Stimme: »Nicht zuletzt wegen des großen öffentlichen Interesses kam es heute zu einer neuen Tragödie.«
Der Sprecherkommentar wechselte sich ab mit Umweltgeräuschen, und dazu immer neue Bilder: Die beiden zivilen FBI-Autos in der Auffahrt... die Masse der Schaulustigen, die dem ersten Wagen plötzlich den Weg versperren... das Ausbrechen des ersten Autos... quietschende Reifen und die Schreie der Verletzten... die verzweifelten Versuche der anderen, sich vor dem zweiten Wagen in Sicherheit zu bringen... eine Nahaufnahme von Sloanes Gesicht... die überstürzte Abfahrt des zweiten Autos.
Während des Schneidens war Kritik an der Verwendung der letzten beiden Szenen laut geworden. Sloane selbst behauptete: »Es vermittelt einen vollkommen falschen Eindruck.«
Aber Iris Everly, die zusammen mit Bob Watson, einem der besten Cutter von CBA, den Bericht zusammenstellte, stimmte für die Verwendung und setzte sich schließlich durch. »Ob es Crawf gefällt oder nicht«, sagte sie, »es sind wichtige Informationen, und wir sollten objektiv bleiben. Außerdem ist sonst seit gestern nichts passiert.« Rita und Partridge hatten ihr zugestimmt.