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Nun folgte eine geschickt gemachte Rekapitulation des vergangenen Tages. Sie begann mit Priscilla Rhea, der alten und gebrechlichen pensionierten Lehrerin, die noch einmal den brutalen Überfall auf Jessica, Nicky und Angus Sloane beschrieb.

Minh Van Canh hatte seine Kamera sehr kreativ eingesetzt und brachte Miss Rheas Gesicht in extremer Nahaufnahme. Sie zeigte überdeutlich die tiefen Furchen des Alters in ihrem Gesicht, brachte aber auch ihre Intelligenz und ihr robustes Wesen zur Geltung. Minh hatte sie mit behutsamen Fragen aus der Reserve gelockt. Wenn kein Korrespondent zur Stelle war, kam es ab und zu vor, daß ein erfahrener Kameramann die Leute, die er filmte, selbst befragte. Im Studio wurden dann die Fragen gelöscht, während die Antworten als Stellungnahmen erhalten blieben.

Nach der Beschreibung des Kampfes auf dem Parkplatz und der Abfahrt des Nissan, hob Miss Rhea wütend die Stimme und sagte über die Entführer: »Das waren brutale Männer, Ungeheuer! Richtige Wilde!«

Als nächstes bestätigte der Polizeichef von Larchmont, daß es in dem Fall noch keinen Durchbruch gegeben habe und auch von den Entführern noch keine Nachricht eingetroffen sei. Auf diese Rekapitulation folgte ein Interview mit dem Kriminologen Ralph Salerno.

Das Gespräch via Satellit zwischen Harry Partridge in New York und Ralph Salerno in einem Studio in Miami war bereits am Nachmittag aufgezeichnet worden. Karl Owens' Empfehlung hatte sich als zutreffend erwiesen, denn Salerno war beredt, überzeugend und gut informiert. Rita Abrams war von ihm so beeindruckt, daß sie mit ihm für die Dauer der Krise einen Exklusivertrag aushandelte. Er sollte $ 1000 pro Sendung bekommen, mindestens vier Auftritte waren garantiert.

Viele Sender behaupteten zwar, Interviewpartnern kein Geld zu bezahlen - was bei weitem nicht immer stimmte -, doch in diesem Fall handelte es sich um ein Beraterhonorar und war als solches durchaus akzeptabel.

»Der Fortschritt der Ermittlungen nach einer geschickt durchgeführten Entführung«, erklärte Ralph Salerno, »hängt davon ab, ob die Entführer sich melden. Falls und solange das nicht passiert, ergibt sich meist keine Möglichkeit zum Handeln.«

Als Antwort auf Anfrage Partridges fuhr er fort: »Das FBI kann bei Entführungen eine Erfolgsquote von zweiundneunzig Prozent aufweisen. Aber wenn man sich genau ansieht, welche Verbrecher und wie sie gefangen wurden, wird man erkennen, daß es zu den meisten Aufklärungen dann kam, wenn die Entführer sich meldeten und man ihnen während der Verhandlungen oder bei der Lösegeldübergabe eine Falle stellen konnte.«

Partridge griff das Stichwort auf: »Dann ist es also wahrscheinlich, daß auch in diesem Fall nicht viel passiert, solange die Entführer sich nicht melden.«

»Ganz richtig.«

Die letzte Stellungnahme in diesem Sonderbericht kam von der CBA-Präsidentin, Margot Lloyd-Mason.

Es war Leslie Chippinghams Idee gewesen, Margot mit in die Sendung zu nehmen. Er hatte ihr am Tag zuvor, kurz nach der Programmunterbrechung durch die Sondermeldung, telefonisch Bericht erstattet und an diesem Vormittag wieder. Sie hatte im großen und ganzen sehr mitfühlend reagiert und gleich nach dem Gespräch mit Les Crawford Sloane angerufen und ihm gesagt, sie hoffe, daß man seine Familie bald wiederfinden werde. Bei dem zweiten Gespräch mit Chippingham jedoch machte sie Einschränkungen.

»So etwas passiert unter anderem auch deshalb, weil die Sender ihre Moderatoren zu überlebensgroßen Stars gemacht haben und die Öffentlichkeit sie nun als etwas ganz Besonderes, als halbe Götter ansieht.« Sie ließ sich nicht weiter darüber aus, inwieweit ein Sender, auch wenn er es wollte, die öffentliche Meinung in dieser Hinsicht beeinflussen könnte, und Chippingham hatte wenig Lust, mit ihr über das Offensichtliche zu streiten.

Ihr zweiter Vorbehalt betraf die Spezialeinheit.

»Ich will nicht, daß irgend jemand - und das heißt vorwiegend Sie«, sagte Margot Lloyd-Mason, »nun plötzlich wild mit Geld um sich wirft. Sie sollten fähig sein, das Notwendige innerhalb des bestehenden Budgetrahmens zu tun.«

»Ich bin mir da nicht so sicher«, erwiderte Chippingham zweifelnd.

»Dann betrachten Sie es als verbindliche Richtlinie. Ohne meine vorherige Zustimmung darf nichts unternommen werden, was unser Budget überschreitet. Ist das klar?«

Insgeheim fragte sich Chippingham, ob diese Frau Blut in den Adern hatte oder Eis.

Laut antwortete er: »Ja, Margot, es ist klar, aber ich möchte Sie daran erinnern, daß die Einschaltquoten für die National Evening News gestern abend in die Höhe geschossen sind, und ich gehe davon aus, daß das für die Dauer dieser Krise auch so bleiben wird.«

»Was nur beweist«, erwiderte sie kühl, »daß auch tragische Ereignisse profitbringend sein können.«

Während es durchaus angebracht schien, die Präsidentin in der Sendung auftreten zu lassen, erhoffte sich Chippingham auch, daß diese ihr harte Haltung gegenüber Sonderausgaben etwas abmildern würde, denn die waren seiner Meinung nach nötig.

Vor der Kamera sprach Margot sehr selbstbewußt und überzeugend einen vorbereiteten Text, den sie jedoch an einigen Stellen verändert hatte.

»Ich spreche im Namen aller Angehörigen dieses Senders und auch unserer Muttergesellschaft, Globanic Industries, wenn ich Ihnen versichere, daß wir alle verfügbaren Mittel für die Suche nach den verschwundenen Mitgliedern der Familie Sloane bereitstellen werden. Denn das Schicksal dieser Familie geht uns alle an.

Wir bedauern sehr, was geschehen ist, und wir bitten die Behörden mit Nachdruck, alles zu tun, um die Verbrecher ihrer gerechten Strafe zuzuführen. Wir alle hoffen, unseren Freund und Kollegen Crawford Sloane möglichst bald wieder mit seiner Frau, seinem Sohn und seinem Vater vereint zu sehen.«

Im ursprünglichen Text wurde Globanic Industries nicht erwähnt. Als Margot bei der Durchsicht des Manuskripts in Chippinghams Büro die Erwähnung vorschlug, riet Chippingham ab. »Ich würde das nicht tun. Für die Öffentlichkeit ist CBA eine unabhängige Größe, ein Stück amerikanische Lebensart. Die Erwähnung von Globanic verwischt dieses Bild, und das bringt keinem einen Vorteil.«

»Sie tun doch nur gern so«, entgegnete Margot, »als wäre CBA eine Art Kronjuwel und außerdem unabhängig. Aber der Sender ist weder das eine noch das andere. Bei Globanic hält man CBA eher für 'nen Pickel am Arsch des Konzerns. Der Hinweis kommt rein. Was Sie rausnehmen können, ist dieses >unser Freund und Kollegec, Entführung hin oder her, am Ende ersticke ich noch dran.«

»Wie wär's mit einem Kompromiß?« fragte Chippingham lakonisch. »Ich verspreche, Globanic zu lieben, wenn Sie die eine Sendung lang Crawfords Freund sind.«

Zum ersten und einzigen Mal mußte Margot laut lachen. »Verdammt, ja.«

Der Mangel an Fortschritten nach dem ersten hektischen Tag für die Spezialeinheit überraschte Harry Partridge nicht. Er war in der Vergangenheit schon an mehreren ähnlichen Projekten beteiligt gewesen und wußte, daß jedes neu zusammengestellte Team mindestens einen Tag brauchte, um sich zu orientieren. Dennoch durfte es bei der Ausarbeitung ihrer Pläne keine weitere Verzögerung geben.

»Wie wär's mit einem Arbeitsessen?« fragte er Rita im Verlauf des Nachmittags.

Ohne lange zu zögern, bestellte Rita einen Tisch in einem chinesischen Restaurant, wo sich die sechs wichtigsten Mitglieder der Spezialeinheit unmittelbar nach den Abendnachrichten treffen konnten. Sie entschied sich für das Shun Lee West an der West Sixty-fifth Street in der Nähe des Lincoln Center, ein beliebter Treffpunkt der Fernsehleute. Bei der Reservierung sagte sie zu dem maitre d' hotel, Andy Yeung: »Kommen Sie uns nicht mit Speisekarten. Sie stellen einfach ein gutes Menü zusammen und geben uns einen Tisch etwas abseits, damit wir reden können.«