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Genau daran dachte sie, als es klingelte und ihr Liebhaber aufsprang und zu der Sprechanlage an der Wand lief, die ihn mit dem Haupteingang verband. Er drückte auf einen Knopf und fragte: »Hallo?«

Metallisch verzerrt kam die Stimme aus der Leitung: »Hier ist Plato.«

Erleichtert rief Jose Antonio Helga zu: »Er ist es.« Dann sagte er in die Sprechmuscheclass="underline" »Kommen Sie doch bitte herauf.« Mit einem Knopfdruck öffnete er unten die Tür.

Siebzehn Stockwerke tiefer betrat der Mann, der eben mit Salaverry gesprochen hatte, durch eine schwere Spiegelglastür das Haus. Er war von durchschnittlicher Statur und hatte ein dunkles, schmales Gesicht mit tiefen, düster blickenden Augen und glänzende schwarze Haare. Über einem unauffälligen braunen Anzug trug er einen vorne offenen Trenchcoat. Sein Hände steckten in dünnen Handschuhen, die er trotz der Wärme im Haus nicht ablegte.

Der uniformierte Portier, der ihn an der Sprechanlage gesehen hatte, winkte ihn zu einem Aufzug. Drei Personen, die in der Halle gewartet hatten, betraten mit ihm den Lift. Der Mann im Trenchcoat ignorierte sie. Er drückte den Knopf für den achtzehnten Stock und stand dann ausdruckslos, mit starr nach vorne gerichtetem Blick in einer Ecke. Als er sein Stockwerk erreichte, hatten die anderen den Aufzug bereits verlassen.

Er folgte einem Pfeil zu der Wohnung, die er suchte, und dabei registrierte er, daß es auf diesem Stock noch drei weitere Wohnungen und auf der rechten Seite eine Nottreppe gab. Er glaubte zwar nicht, daß er diese Information brauchen würde, aber er hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, sich immer einen Fluchtweg einzuprägen. An der Wohnungstür drückte er auf einen Knopf und hörte von drinnen eine sanftes Läuten. Fast im gleichen Augenblick ging die Tür auf.

»Mr. Salaverry?« fragte der Mann. Er hatte eine weiche Stimme mit einem hispanischen Akzent.

»Ja, ja. Kommen Sie nur herein. Darf ich Ihnen den Mantel abnehmen?«

»Nein, danke. Ich bleibe nicht lange.« Der Besucher sah sich schnell um. Als er Helga entdeckte, fragte er: »Ist sie die Frau von der Bank?«

Obwohl Salaverry über die unhöfliche Art etwas verwundert war, antwortete er: »Ja. Miss Efferen. Und Ihr Name?«

»Plato genügt.« Er deutete mit dem Kopf auf den offenen Kamin. »Können wir dorthin gehen?«

»Natürlich.« Salaverry fiel auf, daß der Mann seine Handschuhe anbehielt. Vielleicht ist es nur ein Tick von ihm, dachte er, oder er ist verkrüppelt.

Sie standen nun vor dem Kamin. Nachdem der Mann Helga kaum merklich zugenickt hatte, fragte er: »Ist sonst noch jemand in der Wohnung?«

Salaverry schüttelte den Kopf. »Wir sind alleine. Sie können offen reden.«

»Ich habe eine Nachricht für Sie«, sagte der Mann und griff in den Mantel. Als er die Hand wieder herauszog, hielt sie eine Browning neun Millimeter mit Schalldämpfer.

Der Alkohol in Salaverrys Blut verlangsamte seine Reaktionen, doch auch unter normalen Umständen hätte er das, was nun geschah, nicht verhindern können. So stand er nur schreckensstarr da, und bevor er sich rühren konnte, hielt der Mann ihm schon die Pistole an die Schläfe und drückte ab. Mit überrascht und ungläubig aufgerissenem Mund starb Salaverry.

Das Einschußloch war nur klein, ein sauberer roter Kreis. Die Austrittsöffnung aber war groß und ausgefranst, Knochensplitter, Gehirnmasse und Blut spritzten heraus. In dem Augenblick, bevor die Leiche zu Boden fiel, sah der Mann im Mantel die Pulverspuren - eine Wirkung, die beabsichtigt war. Dann wandte er sich der Frau zu.

Auch Helga stand wie festgenagelt. Doch nun wurde aus der Überraschung Entsetzen. Sie begann zu schreien und versuchte wegzulaufen.

Doch es war zu spät. Der Mann, ein exzellenter Schütze, jagte ihr eine Kugel durchs Herz. Sie stürzte sterbend zu Boden, und ihr Blut tränkte den Teppich.

Der Killer, den Miguel bei seinem Anruf in Little Columbia angeheuert hatte, stand still da und lauschte. Der Schalldämpfer auf der Browning hatte die beiden Schüsse fast unhörbar gemacht, doch der Mann ging kein Risiko ein und wartete auf eine mögliche Reaktion von draußen. Falls er Geräusche von den Nachbarn oder andere Anzeichen von Neugier bemerkt hätte, wäre er sofort verschwunden. Aber alles blieb still, und so erledigte er schnell und geschickt den Rest seines Auftrags.

Zuerst schraubte er den Schalldämpfer von der Pistole und steckte ihn ein. Die Pistole legte er neben Salaverrys Leiche. Dann zog er aus der anderen Manteltasche eine Spraydose und sprühte in schwarzen Buchstaben das Wort CORNUDO an eine Wand.

Er kehrte zu Salaverry zurück, ließ etwas von dem schwarzen Lack auf die rechte Hand des Toten tropfen, legte dann die schlaffen Finger um die Dose und drückte sie an, damit später Salaverrys Fingerabdrücke auf der Dose gefunden würden. Der Killer stellte die Dose auf einen Tisch in der Nähe, hob dann die Pistole auf und legte sie dem Toten in die Hand, wobei er wieder die Finger an den Griff drückte, um Salaverrys Abdrücke auf der Waffe zu hinterlassen. Schließlich plazierte er Hand und Pistole so, daß es aussah, als hätte Salaverry sich erschossen und wäre dann zu Boden gefallen.

Die Frau rührte der Killer nicht an, sondern ließ sie so liegen, wie sie gefallen war.

Als nächstes zog der Eindringling ein gefaltetes Blatt Briefpapier aus der Tasche. Darauf standen, mit Schreibmaschine getippt, die Zeilen:

Du wolltest mir also nicht glauben, als ich dir sagte, daß sie eine nymphomanische Hure und deiner nicht wert ist. Du glaubst, sie liebt dich, wo sie doch nur Verachtung für dich empfindet. Du hast ihr vertraut und ihr einen Schlüssel für deine Wohnung gegeben. Und was macht sie damit? Sie bringt andere Männer für ihren dreckigen Sex in deine Wohnung. Hier sind Fotos, die das beweisen. Sie hat sich von einem Freund des Mannes, mit dem sie es getrieben hat, dabei fotografieren lassen. Ihre Sexbesessenheit geht so weit, daß sie solche Bilder von sich sogar sammelt. Daß sie deine Wohnung auf eine so abscheuliche Art mißbraucht, muß doch für einen Macho wie dich die größte Beleidigung sein.

Dein früherer (und wahrer) Freund

Vom Wohnzimmer ging der Killer in Salaverrys Schlafzimmer. Er zerknüllte das Blatt Papier zu einem Ball und warf ihn in einen Abfallkorb. Wenn die Polizei die Wohnung durchsuchte, würde sie das Papier mit Sicherheit finden und es wahrscheinlich als halbanonymen Brief betrachten, dessen Absender nur Salaverry kannte.

Als letztes zog nun der Mann einen Briefumschlag mit angesengten Schnipseln von Schwarzweißfotos aus der Tasche. Er ging in das angrenzende Badezimmer und leerte den Inhalt des Umschlags in die Toilettenschüssel. Die Schnipsel trieben auf der Wasseroberfläche.

Die einzelnen Fetzchen war zu klein, um identifiziert werden zu können. Aber sie legten die Vermutung nahe, daß Salaverry, nachdem er den denunzierenden Brief erhalten hatte, die Fotos verbrannte und die Asche in der Toilette hinunterspülte, wobei einige unverbrannte Reste in der Schüssel zurückblieben. Anschließend, so würde die Polizei weiter folgern, hatte er seine Geliebte, in blinder Wut über ihre vermeintliche Untreue, erschossen.

Auch die restlichen Indizien würden analog interpretiert werden: Salaverry selbst hatte das einzelne Wort auf die Wand gesprüht, eine klägliche Botschaft, die beschrieb, wie er sich fühlte. (Falls die Ermittlungsbeamten kein Spanisch sprachen, würden sie bald von anderer Seite erfahren, daß das Wort »Hahnrei« bedeutete.)

Dieser in der Erregung schnell hingesprühte Abschiedsschrei hatte sogar eine gewisse künstlerische Note. Während dies nicht unbedingt etwas war, das ein Amerikaner oder ein Angelsachse tun würde, schien es doch typisch für einen heißblütigen Latin Lover zu sein.