Schließlich die letzte Schlußfolgerung: Aus Verzweiflung und weil er die Konsequenzen seiner Tat nicht auf sich nehmen wollte, hatte Salaverry sich selbst erschossen. Die Pulverspuren an der Stirn waren typisch für eine selbst beigebrachte Wunde.
Da in New York unaufgeklärte Morde an der Tagesordnung und sämtliche Polizeieinheiten stark überlastet waren, würde man in ein Verbrechen, dessen Umstände und Motive so eindeutig waren, nur wenig Zeit und Mühe investieren. Und eben damit hatten die erfahrenen Planer dieses Anschlags gerechnet.
Der Killer sah sich noch ein letztes Mal prüfend im Wohnzimmer um und verließ dann die Wohnung. Als er kurze Zeit später ungehindert wieder auf die Straße trat, hat er sich kaum fünfzehn Minuten in dem Gebäude aufgehalten. Wenige
Blocks entfernt zog er die Handschuhe aus und warf sie in eine Mülltonne.
9
»Glaubst du, daß Teddy Cooper etwas herausfindet?« fragte Norman Jaeger.
»Es würde mich nicht überraschen«, antwortete Partridge. »Es ist ihm schon öfters gelungen.«
Es war 22 Uhr 30, und die beiden gingen auf dem Broadway in der Nähe des Central Park in südlicher Richtung. Eine Viertelstunde zuvor war das Arbeitsessen im Shun Lee West zu Ende gegangen, kurz nachdem Cooper seine Hypothese aufgestellt hatte, das Hauptquartier der Entführer befinde sich innerhalb eines Fünfundzwanzig-Meilen-Radius um Larchmont. Doch bevor sie sich trennten, hatte er seiner ersten Hypothese eine zweite folgen lassen.
Seiner Meinung nach hielten sich Entführer und Opfer noch im Hauptquartier der Bande auf, wo die Gangster solange ausharren würden, bis die Suche nachließ und die Straßensperren verringert oder aufgehoben wurden - was beides in nächster Zeit passieren würde. Danach würden die Entführer ihre Opfer an einen weit entfernten Ort bringen, vielleicht noch in den Vereinigten Staaten, möglicherweise aber auch außerhalb.
Die anderen hatten Coopers Argumente sehr ernst genommen. Rita Abrams meinte dazu: »Das ist das Einleuchtendste, was ich bisher gehört habe.«
Aber Carl Owens gab zu bedenken: »Wir reden da von einem riesigen, dichtbesiedelten Gebiet, das man nicht einmal mit einer Armee effektiv durchsuchen könnte.« Und dann, mit einem Seitenhieb auf Cooper: »Außer du hast noch eine deiner brillanten Ideen in der Hinterhand.«
»Im Augenblick nicht«, erwiderte Cooper. »Ich brauch' erst mal eine Mütze voll Schlaf. Vielleicht fällt mir dann morgen früh etwas >Brillantes< ein, wie du so schön sagst.«
Damit beendeten sie die Diskussion, und obwohl der folgende Tag ein Samstag war, setzte Partridge für 10 Uhr ein weiteres Treffen der Spezialeinheit an. Danach trennten sie sich. Die meisten fuhren mit dem Taxi, und nur Partridge und Jaeger beschlossen, zu Fuß zu ihren Hotels zu gehen, um noch etwas die Nachtluft zu genießen.
»Wo hast du diesen Cooper denn eigentlich aufgegabelt?« fragte Jaeger.
Partridge erzählte, wie er Teddy beim BBC entdeckt hatte, von seiner Arbeit beeindruckt gewesen war und ihm bei CBA einen besser bezahlten Job verschafft hatte.
»Eins der ersten Probleme, die er für uns löste«, fuhr Partridge fort, »war damals, 1984, die Sache mit der Verminung des Roten Meeres. Dabei wurden eine Menge Schiffe in die Luft gejagt und sanken, aber kein Mensch wußte, wer die ganzen Minen gelegt hatte. Erinnerst du dich noch?«
»Natürlich erinnere ich mich«, erwiderte Jaeger. »Der Iran und Libyen waren die Hauptverdächtigen. Offensichtlich erledigte ein Schiff die Drecksarbeit, aber keiner wußte, welches und wem es gehörte.«
Partridge nickte. »Teddy nahm also die Ermittlungen auf und verbrachte einige Tage bei Lloyds, wo er geduldig sämtliche Aufzeichnungen der Versicherung über Schiffsbewegungen durchsah. Er ging von der Hypothese aus, daß das Schiff, das die Minen gelegt hatte, durch den Suezkanal gekommen sein mußte. Also schrieb er sich alle Schiffe heraus, die kurz vor Beginn der Verminung den Suezkanal passiert hatten - und das waren nicht wenige.
Dann verfolgte er die Bewegungen der Schiffe, die er sich herausgeschrieben hatte, von einem Hafen zum anderen und verglich diese Bewegungen mit den Daten über die von Minen verursachten Havarien in den einzelnen Gebieten. Schließlich, und das heißt nach einer sehr, sehr langen Suche, stieß er auf den Namen eines Schiffes, die Ghat. Sie war überall dort gewesen, wo andere Schiffe auf Minen aufgefahren waren, und in jedem Fall nur ein oder zwei Tage zuvor. Damit hatte Teddy den unwiderlegbaren Beweis erbracht, daß nur dieses Schiff die Minen gelegt haben konnte.«
Partridge fuhr fort: »Wie wir heute wissen, war es ein libysches Schiff, und nachdem der Name bekannt war, dauerte es nicht mehr lange, bis man beweisen konnte, daß Gaddafi hinter der ganzen Sache steckte.«
»Ich wußte zwar, daß wir bei der Geschichte die Nase vorn hatten«, sagte Jaeger, »aber wer und was da alles dahintersteckte, wußte ich nicht.«
»Das ist doch immer so«, meinte Partridge grinsend. »Wir Korrespondenten werden für eine Arbeit gelobt, die wir Leuten wie dir und Teddy zu verdanken haben.«
»Ich beklage mich nicht«, entgegnete Jaeger. »Und ich sag' dir eins, Harry: Ich möchte nicht mit dir tauschen, vor allem in meinem Alter nicht mehr.« Er überlegte eine Weile und fuhr dann fort: »Cooper ist ja noch ein Junge. Alle sind sie noch Jungs. Inzwischen aber schmeißen die unseren Laden. Sie haben die Energie und den Grips. Hast du auch manchmal Tage wie ich, wo du merkst, daß du alt wirst?«
Partridge schnitt eine Grimasse. »In letzter Zeit viel zu oft.«
Sie hatten den Columbus Circle erreicht. Links von ihnen erstreckte sich die furchteinflößende Dunkelheit des Central Park, in den sich nachts nur wenige New Yorker hineintrauten. Direkt vor ihnen lag die West Fifty-ninth Street und dahinter die hellen Lichter von Mid-Manhattan. Partridge und Jaeger schlängelten sich vorsichtig durch den dichten Verkehr der am Circle zusammenlaufenden Straßen.
»Du und ich, wir haben beide schon eine Menge Veränderungen in diesem Geschäft miterlebt«, sagte Jaeger. »Und wenn wir Glück haben, sind wir bei den nächsten auch noch mit dabei.«
»Was glaubst du, was noch alles passieren wird?«
Jaeger überlegte, bevor er antwortete. »Ich sage dir zuerst, was nicht passieren wird. Die landesweit ausgestrahlten Nachrichtensendungen von CBA und den anderen werden nicht verschwinden, und sie werden sich auch nicht groß ändern, trotz aller Unkenrufe. Vielleicht wird sich CNN noch mit an die Spitze setzen, aber da ist noch genug Platz. Auf jeden Fall gibt es einen großen Appetit auf Nachrichten, größer als je zuvor, und das weltweit.«
»Das hat das Fernsehen geschafft.«
»Genau! Das Fernsehen ist für das zwanzigste Jahrhundert das, was Gutenberg und Caxton für andere Zeitalter waren. Und mehr noch, das Fernsehen hat, trotz all seiner Fehler, die Leute mit seinen Nachrichtensendungen hungrig nach Wissen gemacht. Nur deshalb stehen die Zeitungen so gut da, und das wird auch in Zukunft so bleiben.«
»Ich glaube nicht, daß die uns dafür dankbar sind«, bemerkte Partridge.
»Sie sind uns vielleicht nicht dankbar, aber sie schenken unserer Arbeit große Beachtung. Don Hewitt von CBS hat darauf hingewiesen, daß bei der New York Times in der Abteilung Fernsehen viermal so viele Leute beschäftigt sind wie die Zeitung Korrespondenten bei den Vereinten Nationen hat. Und vieles, was die schreiben, betrifft uns - die Fernsehnachrichten, die Leute, die sie machen, die Arbeit, die dahintersteckt.«
»Und dreh's doch mal um«, fuhr Jaeger fort. »Wann war an der Times je etwas so interessant, daß es das Fernsehen gebracht hätte. Dasselbe gilt auch für alle anderen Printmedien. Und jetzt überleg dir mal, welches Medium im allgemeinen für das wichtigere gehalten wird.«