Partridge kicherte. »Erst mal bin ich wichtig, und das kannst du dir schön dick und farbig unterstreichen.«
»Farbig!« Jaeger nahm das Stichwort auf. »Auch in der Hinsicht hat das Fernsehen etwas verändert. Inzwischen sehen Zeitungen immer mehr wie Fernsehbilder aus - USA Today hat damit angefangen. Wir beide, Harry, werden noch erleben, daß die New York Times eine vierfarbige Titelseite bringt. Das Publikum wird es fordern, und die alte graue Times wird sich schön brav danach richten.«
»Du steckst heute abend ja voller Weisheiten«, sagte Partridge. »Was siehst du denn sonst noch alles voraus?«
»Die Wochenzeitschriften werden verschwinden. Das sind Dinosaurier. Wenn Time und Newsweek zu den Abonnenten kommen, sind viele Artikel schon eine Woche bis zehn Tage alt, und wen interessieren denn heutzutage noch alte Nachrichten? Soweit ich weiß, hat sich die Werbung übrigens die gleiche Frage gestellt.«
Er fuhr fort: »Trotz ihres großen Talents im Aufwärmen von abgestandenen Nachrichten und der hochklassigen Schreibe werden die Wochenzeitschriften den Weg gehen, den auch Collier's, Look und die Saturday Evening Post gegangen sind. Die meisten von den Jüngeren übrigens, die heute bei den Nachrichten arbeiten, kennen die überhaupt nicht.«
Sie waren beim Parker-Meridien an der West Fifty-seventh angelangt, in dem Jaeger wohnte. Partridge hatte das Inter-Continental an der East Forty-eighth vorgezogen, weil er es für gemütlicher hielt.
»Wir beide sind zwei alte Schlachtrösser, Harry«, sagte Jaeger. »Bis morgen dann.« Zum Abschied gaben sie sich die Hand.
Eine halbe Stunde später lag Partridge, umgeben von Zeitungen, im Bett und begann zu lesen. Aber bald verschwamm ihm die Schrift vor den Augen, und er legte die Zeitungen beiseite. Er nahm sich vor, sie am nächsten Morgen zu lesen, zusammen mit den Neuausgaben, die mit dem Frühstück eintrafen.
Dennoch konnte er nicht schlafen. Zu viel war in den vergangenen sechsunddreißig Stunden passiert. Sein Kopf war voll - ein Kaleidoskop von Ereignissen, Ideen, Verantwortlichkeiten und dazwischen immer wieder der Gedanke an Jessica, die Vergangenheit, die Gegenwart... lebendige Erinnerungen...
Wo war Jessica im Augenblick? Hatte Teddy recht mit seinem Fünfundzwanzig-Meilen-Radius? War es wirklich möglich, daß er, Harry, der schlachtenerprobte Kämpfer, wie ein mittelalterlicher Ritter in glänzender Rüstung einen erfolgreichen Kreuzzug anführen und seine frühere Geliebte finden und befreien konnte?
Laß die Träumereien! Spar dir die Gedanken an Jessica und die anderen für morgen auf. Er wollte endlich Ruhe finden und an nichts mehr denken, oder zumindest an etwas anderes.
Aus diesem anderen wurde, wie so häufig, die Erinnerung an Gemma... die zweite große Liebe in seinem Leben.
Am Tag zuvor, auf dem Flug von Toronto, hatte er sich die denkwürdige Papstreise wieder in Erinnerung gerufen: Die DC-10 der Alitalia... die Pressekabine und die Begegnung mit dem Papst... Partridges Entscheidung, die Bemerkung über die »Sklaven« nicht zu verwenden, und die Rose von Gemma als Belohnung... der Beginn ihrer gegenseitigen Zuneigung und Liebe...
Nun verdrängte er den Gedanken an Gemma nicht mehr, wie er es so lange getan hatte, sondern nahm die Erinnerung an der Stelle wieder auf, wo er tags zuvor abgebrochen hatte.
Die Reise durch Mittelamerika und die Karibik war lang und anstrengend gewesen und das bis dahin ehrgeizigste Unternehmen des Papstes. Sie führte in acht Länder und erforderte lange Flüge, zum Teil bei Nacht.
Bereits nach ihrer ersten Begegnung hatte Harry beschlossen, Gemma näher kennenzulernen, aber seine journalistischen Aufgaben ließen ihm auch während der Aufenthalte wenig Zeit, sie zu sehen. Dennoch nahmen sie einander immer stärker wahr, und wenn es die Arbeit im Flugzeug zuließ, setzte sich Gemma zu ihm. Bald fingen sie an, Händchen zu halten, und als Gemma sich einmal zum Abschied an ihn schmiegte, küßten sie sich.
Als es geschah, spürte er, wie sein Verlangen wuchs.
Sie sprachen miteinander, sooft sie konnten, und Gemma erzählte ihm von ihrem Leben.
Sie stammte aus dem kleinen Ferienort Vallombrosa in den Bergen der Toskana, unweit von Florenz, und war die jüngste von drei Schwestern. »Es ist kein mondäner Ort, wo die Reichen Urlaub machen, Harry caro, aber sehr schön.«
Vallombrosa, sagte sie ihm, war ein Zufluchtsort für die italienische Mittelklasse, die dort ihre Sommer verbrachte. Etwa zwei Kilometer entfernt lag Il Paradisino, wo einst John Milton lebte und wo er angeblich seine Inspiration für Paradise Lost fand.
Gemmas Vater war ein begabter Künstler, der sich als Gemälde- und Freskenrestaurator einen Namen gemacht hatte und der häufig in Florenz arbeitete. Ihre Mutter war Musiklehrerin. Kunst und Musik waren ein fester Bestandteil des Familienlebens und blieben es für Gemma auch in ihrem späteren Leben.
Vor drei Jahren hatte sie bei Alitalia angefangen. »Ich wollte die Welt sehen. Anders hätte ich es mir nicht leisten können.«
Partridge fragte: »Und wieviel hast du gesehen, bei dem Job?«
»Ein bißchen was schon, wenn auch nicht so viel, wie ich wollte. Aber langsam bin ich es leid, immer nur eine cameriera del cielo zu sein.«
Er lachte. »Du bist viel mehr als eine Kellnerin des Himmels. Hast du nicht auch viele Leute kennengelernt?« Und mit gespielter Eifersucht fügte er hinzu: »Viele Männer?«
Gemma zuckte nur mit den Achseln. »Den meisten möchte ich außerhalb des Flugzeugs nicht begegnen.«
»Aber es gab doch sicher auch andere?«
Sie lächelte auf ihre unwiderstehliche, sanfte Art. »Niemand, den ich so gern hatte wie dich.«
So einfach sie das gesagt hatte, fragte Partridge sich dennoch, ob er nicht naiv und dumm war, wenn er ihren Worten glaubte. Warum soll ich ihr nicht glauben, dachte er dann, wenn ich genauso empfinde wie sie, und wenn seit Jessica keine Frau mehr eine solche Wirkung auf mich hatte?
Sie hatten beide das Gefühl, daß die Reise zu schnell vorüberging. So wenig Zeit blieb ihnen noch. Und dann würden sie wahrscheinlich auseinandergehen und sich nie wiedersehen.
Vielleicht war es dieses Gefühl für die verrinnende Zeit, das Gemma in jener denkwürdigen Nacht bewegte, zu ihm zu kommen und sich an ihn zu schmiegen, als die meisten in der schwach erleuchteten Kabine schon schliefen. Unter dem Schutz der Decke liebten sie sich zum ersten Mal. Nicht einmal der unbequeme Dreiersitz einer Touristenklasse machte ihnen etwas aus, und für Partridge blieb diese Nacht eines seiner schönsten Erlebnisse.
»Gemma, willst du meine Frau werden?« flüsterte er, nachdem sie miteinander geschlafen hatten. Es war eine plötzliche Eingebung, ausgelöst durch die Erinnerung an den Verlust Jessicas.
Sie hatte zurückgeflüstert: »Oh, amor mio, natürlich will ich.«
Das nächste Reiseziel war Panama. Mit leiser Stimme stellte Partridge Fragen und machte Pläne, während Gemma im Halbdunkel nur verschmitzt lachte und allem zustimmte.
Bei Tageslicht landeten sie auf dem Flughafen Tocumen in Panama. Die DC-10 der Alitalia rollte aus. Der Papst verließ die Maschine, ganz der gelernte Schauspieler von einst, und küßte geschickt den Boden, während sich zahllose Objektive auf ihn richteten. Danach begannen die hinlänglich bekannten Formalitäten.
Vor der Landung hatte Partridge mit seinem Produzenten und dem Kamerateam gesprochen und sie gebeten, während der ersten Stunden des Papstbesuchs ohne ihn zu arbeiten. Er würde später dazukommen, um seinen Bericht für die National Evening News aufzunehmen und beim Schneiden zu helfen. Da es in Panama keine Sommerzeit gab, betrug der Zeitunterschied zu New York nur eine Stunde, was ihnen aber reichlich Zeit ließ.