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Bei aller Neugierde hüteten sich seine Kollegen von CBA, Fragen zu stellen, obgleich ihnen die wachsende Bindung zwischen ihm und Gemma kaum entgangen sein durfte.

Er hatte sich auch an den Reporter der New York Times, seinen alten Bekannten Graham Broderick, gewandt und ihn gefragt, ob er für den einen Tag dessen Notizen für seinen Bericht verwenden dürfe. Broderick zog nur spöttisch seine Augenbrauen hoch und willigte ein. Solche Arrangements waren unter Journalisten durchaus üblich, zumal man ja nie wußte, wann man selbst Hilfe brauchte.

Als die anderen ausstiegen, wartete Partridge noch auf Gemma. Er hatte keine Ahnung, welche Erklärung sie ihrem Vorgesetzten, dem Chefsteward, geben wollte, doch kam sie kurz darauf, und sie verließen gemeinsam die DC-10. Als Gemma sich entschuldigte, weil sie immer noch ihre Uniform anhatte, nahm er ihren Arm und sagte: »Ich liebe dich so, wie du bist.«

Mit ernstem Ausdruck wandte sie sich ihm zu. »Wirklich, Harry?«

Er nickte ihr ruhig zu. »Wirklich.«

Sie schauten sich in die Augen und schienen glücklich über das, was sie sahen.

Im Terminal ließ Partridge Gemma kurz allein. Er ging zur Touristenauskunft, wo er einem pickligen Jüngling mehrere Fragen stellte. Grinsend erklärte ihm dieser, daß er mit der Senora zu den Las Bovedas, einem Teil der Alten Stadtmauer an der Plaza de Francia, gehen müsse. Dort würde er den Juzgado Municipal finden.

Partridge und Gemma nahmen ein Taxi zur Altstadt. Sie stiegen bei einem gewaltigen Obelisk aus, auf dessen Spitze ein Hahn thronte und mit dem man den französischen Kanalbauern, darunter auch dem berühmten Ferdinand de Lesseps, ein Denkmal gesetzt hatte.

Etwa zwanzig Minuten später standen sie innerhalb der Alten Stadtmauern vor einem juez in einem üppig ausgeschmückten Raum, einer ehemaligen Gefängniszelle. Hier wurden Harry Partridge und Gemma Baccelli Mann und Frau. Nach einer fünfminütigen Zeremonie unterzeichnete der mit einer baumwollenen guayabera recht lässig bekleidete Richter eine Acta Matrimonial, die fünfundzwanzig Dollar kostete. An die beiden Stenografen, die als Trauzeugen fungierten, zahlte Partridge jeweils zwanzig Dollar.

Braut und Bräutigam erfuhren nun, daß sie sich auf Wunsch in das Heiratsregister eintragen lassen konnten, was jedoch nur notwendig sei, wenn sie eines Tages zurückkommen wollten, um sich scheiden zu lassen.

»Wir werden uns eintragen lassen«, sagte Partridge, »undwir werden nicht zurückkommen.«

Schließlich wünschte ihnen der Richter »Que vivan los novios!«, doch es klang nicht sehr überzeugend. Sie hatten den Eindruck, als hätte er das schon sehr oft gesagt.

Damals, wie auch später, fragte sich Harry, wie Gemma, die der zivilen Trauung ohne Zögern zugestimmt hatte, das mit ihrer Religion vereinbaren konnte. Sie war katholisch getauft und wurde in den ersten Schuljahren von Nonnen erzogen. Aber jedesmal, wenn er fragte, zuckte sie nur mit den Achseln und sagte: »Der liebe Gott wird das schon verstehen.« Sie hatte offenbar ein recht ungezwungenes Verhältnis zur Religion, was Harry bei vielen Italienern aufgefallen war, die, wie ihm jemand einmal gesagt hatte, immer davon ausgingen, daß Gott selbst Italiener sei.

An Bord des Flugzeugs hatte sich die Nachricht von der Heirat schneller als »die vier Winde der Erde« verbreitet, wie es ein Korrespondent der Londoner Times in Anspielung auf die Offenbarung formulierte. Nach dem Abflug von Panama wurde in der Pressekabine mit reichlich Champagner, Schnaps und Kaviar gefeiert. Das Bordpersonal schloß sich ihnen an, soweit es seine Pflichten erlaubten, während Gemma für den Rest des Tages frei bekam. Sogar der Flugkapitän verließ kurz das Cockpit, um zu gratulieren.

Inmitten des Trubels und der Glückwünsche spürte Harry, daß einige starke Zweifel hatten, was die mögliche Dauer der Ehe betraf. Aber er spürte auch, daß ein paar der Männer ihn beneideten.

Die demonstrative Abwesenheit des Klerus hatte man ohne große Verwunderung zur Kenntnis genommen. Auch im weiteren Verlauf der Reise mußte Harry feststellen, daß von dieser Seite nur Reserviertheit und Ablehnung kamen. Ob der Papst über das Geschehen informiert war oder nicht, konnte keiner der Journalisten in Erfahrung bringen. In der Pressekabine erschien er auf dieser Reise jedenfalls nicht mehr.

In der kurzen Zeit, die sie gemeinsam verbringen konnten, begannen Partridge und Gemma, Pläne für die Zukunft zu machen.

In dem New Yorker Hotelzimmer verblaßte... langsam... leider... die Erinnerung an Gemma. Schließlich schlief Harry Partridge erschöpft ein.

10

Im Unterschlupf der Entführer in Hackensack erhielt Miguel um 7 Uhr 30 am Samstagmorgen einen Anruf. Er nahm ihn in dem kleinen Zimmer im Erdgeschoß des Hauptgebäudes entgegen, das er für sich als Büro und Schlafzimmer eingerichtet hatte.

Eins der sechs Funktelefone der Bande war für besondere Anrufe reserviert, und die Nummer des Anschlusses kannten nur diejenigen, die solche Anrufe auch tätigen durften. Miguel hatte den Apparat immer in seiner Nähe.

Der Anrufer benutzte befehlsgemäß eine öffentliche Telefonzelle, damit das Gespräch nicht zurückverfolgt werden konnte.

Miguel wartete schon eine Stunde ungeduldig auf diesen Anruf. Gleich beim ersten Klingelzeichen hob er ab und fragte:

»St?«

Der Anrufer benutzte nun ein Codewort, »Tiempo?«, worauf Miguel antwortete: »Relämpago.«

Er hätte noch eine zweite Antwortmöglichkeit gehabt. Wenn er auf die Frage »Wetter?« »Donner« anstatt »Blitz« erwidert hätte, so hätte das bedeutet, daß seine Gruppe aus irgendeinem Grund einen Aufschub um vierundzwanzig Stunden benötigte. Aber seine Antwort »Relämpago« hieß: »Wir sind bereit zum Aufbruch. Nennen Sie Zeit und Ort.«

Nun folgte die eigentliche Botschaft: »Sombrero profundo sur zwanzighundert.«

Sombrero hieß Teterboro Airport, der ja nur eine knappe Meile entfernt lag, profundo sur der südlichste Flugsteig. »Zwanzighundert« bedeutete den Zeitpunkt - 20 Uhr 00 -, an dem die Entführungsopfer und ihre Begleiter einen in Kolumbien registrierten Learjet 55LR besteigen sollten, der dort auf sie wartete. Der 55er, das wußte Miguel bereits, war größer und geräumiger als die sonst gebräuchlichen 20er und 30er Learjets. Das LR bedeutete Long Range, langstreckentauglich.

»Lo comprendo«, erwiderte Miguel knapp, und das Gespräch war beendet.

Der Anrufer war wiederum ein Diplomat gewesen, diesmal einer, der beim kolumbianischen Generalkonsulat in New York akkreditiert war. Seit Miguels Ankunft in den Vereinigten Staaten vor einem Monat diente er als Nachrichtenübermittler. Die diplomatischen Corps Perus und Kolumbiens waren mit Verrätern durchsetzt, Sympathisanten des Sendero Luminoso oder bezahlte Söldner des Medellin-Kartells und manchmal auch beides. Das große Geld, das die lateinamerikanischen Drogenkönige zahlten, lockte sie alle an.

Gleich nach dem Anruf ging Miguel durch das Haupthaus und Nebengebäude, um die anderen zu informieren. Die Vorbereitungen zur Abreise waren bereits in vollem Gange, und jeder wußte, was er zu tun hatte. Es war vereinbart, daß nur Miguel, Baudelio, Socorro und Rafael als Begleitung für die Opfer in ihren Särgen im Learjet mitflogen. Julio sollte in den Vereinigten Staaten bleiben, seine frühere Identität wieder annehmen und erneut ein Schläfer des Medellin-Kartells werden. Carlos und Luis sollten innerhalb der nächsten Tage das Land in aller Stille verlassen und getrennt nach Kolumbien fliegen.