Julio, Carlos und Luis hatten nach dem Abflug des Learjet noch etwas Wichtiges zu erledigen: Sie mußten die Fahrzeuge loswerden. Miguel hatte lange darüber nachgedacht, was mit ihrem Unterschlupf in Hackensack passieren sollte. Anfangs wollte er, sozusagen als Schlußstrich, das ganze Anwesen niederbrennen, einschließlich der Fahrzeuge. Die Gebäude waren alt und würden brennen wie Zunder, vor allem wenn man mit Benzin etwas nachhalf.
Aber ein Feuer würde Aufmerksamkeit erregen, und in der Asche ließen sich bei einer Untersuchung Spuren finden. Obwohl das wenig Bedeutung hatte, da alle bereits verschwunden sein würden, wäre es doch unklug, den amerikanischen Behörden die Sache einfacher zu machen als nötig.
Wenn sie das Anwesen einfach räumten und alles so ließen, wie es war, würde es Wochen, Monate oder noch länger dauern, bis man entdeckte, daß es den Entführern als Durchgangsstation gedient hatte. Aber das hieß, daß man die Fahrzeuge loswerden mußte, daß man sie an verschiedene, möglichst weit entfernte Ort fahren und dort abstellen mußte. Es war natürlich ein gewisses Risiko dabei, vor allem für die Leute, die den Laster, den Leichenwagen und die drei Personenautos fuhren, aber Miguel schätzte dieses Risiko sehr gering ein. Und deshalb hatte er sich auch für diesen Weg entschieden.
Bei seinem Rundgang traf er Rafael als ersten und sagte zu ihm: »Heute abend um 19 Uhr 40 geht's los.«
Der stämmige Handwerker, der gerade in der provisorischen Lackierwerkstatt in einem der Nebengebäude arbeitete, nickte nur grunzend und schien mehr interessiert an dem Wagen, den er am Tag zuvor umgespritzt hatte. Der zuvor weiß lackierte Laster mit der Aufschrift Superbread war nun schwarz und trug den Namen eines fiktiven Bestattungsinstituts, Serene Funeral Homes, in dezent goldenen Buchstaben auf beiden Seiten.
Miguel hatte ihm diese Veränderung befohlen. Nun sagte er zufrieden zu Rafaeclass="underline" »Bien hecho! Richtig schade, daß er nur einmal benutzt wird.«
Ganz offensichtlich froh über dieses Lob, drehte sich Rafael zu ihm um, ein dünnes Lächeln in seinem narbigen, groben Gesicht. Eigenartig, dachte Miguel, daß dieser Rafael, der so wild sein konnte und mit dämonischem Vergnügen anderen Leid zufügte und tötete, manchmal wie ein kleines Kind war, das Zustimmung und Aufmunterung brauchte.
Miguel deutete auf die Nummernschilder des Lasters mit Kennzeichen aus New Jersey. »Sind das neue?«
Wieder nickte Rafael. »Aus dem letzten Satz. Sind bis jetzt noch nicht benutzt worden, und die anderen hab' ich auch ausgetauscht.«
Das bedeutete, daß alle fünf Fahrzeuge nun Nummernschilder hatten, die während der Beschattung nicht verwendet worden waren. So konnte man die Autos viel leichter verschwinden lassen.
Miguel ging nach draußen, wo Julio und Luis unter einer Baumgruppe ein tiefes Loch gruben. Die Erde war schwer vom Regen des vergangenen Tages, die Arbeit mühsam. Julio durchtrennte eben mit einem Spaten ein Baumwurzel, und als er Miguel kommen sah, richtete er sich auf, wischte sich den Schweiß von der Stirn und fluchte.
»Pinche ärbol! Das ist eine Scheißarbeit, für Ochsen und nicht für Menschen.«
Miguel wollte ihn schon anschreien, beherrschte sich aber. Die häßliche Messerwunde in Julios Gesicht färbte sich rot, ein Zeichen, daß er schlecht gelaunt war und auf einen Kampf nur wartete.
»Mach 'ne Pause«, sagte Miguel knapp. »Wir haben noch Zeit. Um 19 Uhr 40 fahren wir los.«
Ein Streit in diesen letzten paar Stunden wäre absolut unsinnig. Außerdem brauchte er die Männer noch, um das Loch fertig zu graben, in dem sie die Funktelefone und einen Teil von Baudelios medizinischer Ausrüstung verstecken wollten.
Das Vergraben vor allem der Telefone war nicht eben die ideale Lösung, und Miguel hätte es vorgezogen, sie irgendwo in tiefes Wasser zu werfen. Es gab in der Gegend zwar genug
Wasser, doch die Chancen, sich der Apparate auf diese Art zu entledigen, ohne beobachtet zu werden, waren gering -zumindest in der kurzen Zeit, die ihnen noch zur Verfügung stand.
Sobald die überflüssige Ausrüstung versteckt und das Loch wieder zugeschüttet war, würden Julio und Luis Blätter darüberrechen und so die Spuren verwischen.
Carlos, den Miguel als nächsten traf, war in einem anderen Nebengebäude und verbrannte Papiere in einem Eisenofen. Er war ein gebildeter, junger Mann, der die Beschattung der Sloanes organisiert hatte und nun die Berichte und Fotos dieser Beschattung in den Ofen steckte.
Als Miguel ihm den Abreisetermin nannte, schien er erleichtert. Seine dünnen Lippen zuckten, und er sagte: »Que bueno!« Dann nahm sein Blick wieder die gewohnte Härte an.
Miguel wußte sehr wohl, wie belastend die letzten vierundzwanzig Stunden für jeden einzelnen gewesen waren, vor allem für Carlos, vielleicht wegen seiner Jugend. Aber der junge Mann hatte sich vorbildlich unter Kontrolle, und Miguel sah für ihn über kurz oder lang eine führende Rolle im Terrorismus voraus.
Ein kleiner Stapel Kleider, die offensichtlich Carlos gehörten, lag neben dem Ofen. Miguel, Carlos und Baudelio würden während der Abreise schwarze Anzüge tragen, um bei einer möglichen Kontrolle durch Polizei oder Zoll mit einer sorgfältig ausgearbeiteten Tarngeschichte als Trauernde auftreten zu können. Die restliche Kleidung wollten sie zurücklassen.
Miguel deutete auf die Kleidungsstücke. »Verbrenn die nicht - zu viel Rauch. Durchsuch die Taschen, nimm alles raus und reiß die Etiketten ab.« Er deutete in die Richtung der beiden Grabenden. »Sag's den anderen auch.«
»Okay.« Carlos wandte sich wieder dem Feuer zu und sagte nach einer Weile: »Eigentlich bräuchten wir Blumen.«
»Blumen?«
»Für den Sarg im Leichenwagen und vielleicht für die anderen auch. Eine trauernde Familie würde Blumen auf die Särge legen.«
Miguel zögerte. Er wußte, daß Carlos recht hatte und daß er, Miguel, bei der Vorbereitung der Reise diesen Aspekt nicht beachtet hatte. Die Route dieser Reise war sorgfältig geplant: Von Teterboro aus flogen sie im Learjet zuerst zum Opa Locka Airport in Florida und von dort dann ohne weitere Zwischenlandung direkt nach Peru.
Da Miguel am Anfang nur mit zwei bewußtlosen Gefangenen gerechnet hatte, war ursprünglich geplant gewesen, zweimal zum Flughafen zu fahren, da der Leichenwagen jeweils nur einen Sarg transportieren konnte. Aber drei Fahrten mit drei Särgen waren ein zu großes Risiko, Miguel hatte sich deshalb einen neuen Plan ausgedacht.
Ein Sarg - Baudelio hatte zu entscheiden, welcher - sollte im Leichenwagen zum Flugplatz transportiert werden, die beiden anderen in dem umgespritzten Laster.
Der Lear 55LR, das wußte Miguel, besaß eine Ladeklappe, durch die man problemlos zwei Särge hineinschieben konnte. Beim dritten würde es vielleicht Probleme geben, aber er war sich ziemlich sicher, daß sie es schafften.
Er dachte noch immer über Carlos' Vorschlag nach. Die Blumen würden ihre Tarngeschichte wirklich überzeugender machen. In Teterboro mußten sie durch die Flughafenkontrolle. Wegen des Entführungsalarms war vermutlich zusätzliche Polizei anwesend, und mit ziemlicher Sicherheit würden Fragen nach den Särgen und ihrem Inhalt gestellt werden. Einige kritische Augenblicke standen ihnen noch bevor, und Miguel wußte sehr gut, daß Teterboro der Schlüssel zu ihrer sicheren Ausreise war. In Opa Locka, von wo aus sie die Vereinigten Staaten verlassen würden, sah er keine Probleme mehr.