Выбрать главу

Miguel beschloß, das kleinere Risiko einzugehen, um später ein größeres zu vermeiden. Er nickte. »Okay, Blumen.«

»Ich nehme einen der Personenwagen«, sagte Carlos. »Ich weiß, wo man in Hackensack Blumen kaufen kann. Ich werde vorsichtig sein.«

»Nimm den Plymouth.« Er war inzwischen dunkelblau lackiert und hatte bisher noch nicht benutzte Nummernschilder, wie Miguel von Rafael wußte.

Nachdem Miguel Carlos verlassen hatte, suchte er Baudelio. Er fand ihn, zusammen mit Socorro, in dem großen Zimmer im ersten Stock des Haupthauses, das sie als Krankenstation eingerichtet hatten. Baudelio sah selbst aus wie ein Patient, denn er trug einen Verband über der inzwischen genähten Schnittwunde an der rechten Gesichtshälfte.

Wirkte Baudelio für gewöhnlich schon hager, blaß und älter, als er war, so wurde dieser Eindruck nun noch verstärkt. Sein Gesicht war kränklich weiß, und jede Bewegung kostete ihn ganz offensichtlich Überwindung. Aber er erledigte seine Arbeit, und als Miguel ihn über die Abfahrtszeit informierte, sagte er nur: »Wir werden bereit sein.«

Auf Miguels Nachfrage bestätigte der ehemalige Arzt, daß er nach seinen eineinhalbtägigen Experimenten mit Propofol nun wisse, welche Dosis er den einzelnen Gefangenen jeweils geben müsse, um sie für eine bestimmte Zeit zu betäuben. Dieses Wissen war notwendig für die Zeitspanne, in der die »Patienten« unbeobachtet in den versiegelten Särgen lagen.

Auch die Dauer des Nahrungsentzugs - bei der Abreise wären es sechsundfünfzig Stunden - sei ausreichend. Zur Einatmung von Erbrochenem werde es nicht kommen, sagte Baudelio, und außerdem werde er, als weitere Vorsichtsmaßnahme gegen das Ersticken, bei allen drei Patienten einen Luftröhrenkatheter einführen und sie in den Särgen auf die Seite legen. Die Flüssigkeitsinfusionen hätten in der Zwischenzeit eine Dehydrierung verhindert, bemerkte Baudelio abschließend. An Ständern neben den Betten hingen transparente Beutel mit Glucose, die über Infusionsschläuche in die Armvenen der Betäubten tröpfelte.

Miguel betrachtete die drei Gestalten. Sie wirkten friedlich, ihre Gesichter waren entspannt. Die Frau besaß eine gewisse Schönheit, vielleicht würde er sie später, falls sich die Gelegenheit ergab, einmal sexuell benutzen. Der Mann sah würdevoll aus, wie ein schlafender alter Soldat, und das war er den Berichten zufolge ja auch. Der Junge wirkte zerbrechlich, sein Gesicht war sehr dünn; vielleicht hatte ihn der Nahrungsentzug geschwächt, doch das machte nichts, solange er nur lebend in Peru ankam. Alle drei waren sehr blaß, aber sie atmeten regelmäßig. Befriedigt wandte Miguel sich ab.

Die Särge, in die Angus, Jessica und Nicky erst kurz vor der Abfahrt gelegt würden, lagen geöffnet auf Böcken. Miguel hatte zugesehen, wie Rafael unter Baudelios Anleitung eine Reihe winziger Luftlöcher in die Seiten gebohrt hatte. Sie waren praktisch nicht zu sehen, sorgten aber für frische Luft in den Särgen.

»Was ist das?« Miguel deutete auf eine Schale mit Kristallen neben den Särgen.

»Natronkalkgranulat«, antwortete Baudelio. »Das wird im Sarg verstreut, um das Kohlendioxid der ausgeatmeten Luft zu kompensieren. Von außen regulierbare Sauerstofflaschen kommen ebenfalls hinein.«

Da Miguel nur zu gut wußte, daß in den schwierigen Stunden, die vor ihnen lagen, Baudelios medizinische Fähigkeiten für sie alle von höchster Bedeutung waren, fragte er weiter: »Was gibt es sonst noch zu wissen?«

Der Arzt wies auf Socorro. »Erzähl du es ihm. Du machst es ja mit mir zusammen.«

Mit unerforschlicher Miene, wie immer, hatte Socorro den beiden zugehört und zugesehen. Miguel hatte noch immer leichte Zweifel an ihrer Zuverlässigkeit, aber in diesem Augenblick war er abgelenkt von ihrem provozierenden Körper, den sinnlichen Bewegungen und der offenkundigen Sexualität. Und als könnte sie seine Gedanken lesen, legte sie einen leicht spöttischen Unterton in ihre Stimme.

»Falls einer von denen pissen muß, kann es sein, daß sie sich trotz der Betäubung bewegen und Lärm schlagen. Bevor wir die da zumachen« - Socorro wies auf die Särge - »werden wir Katheter einführen. Das sind Röhren in den Schwänzen der Männer und in der Möse der Frau. Entiendes?«

»Ich weiß, was Katheter sind«, erwiderte Miguel pikiert. Er hätte ihr beinahe schon gesagt, daß sein Vater Arzt war, hielt sich dann aber zurück. Ein kurzer Augenblick der Schwäche und der Einfluß einer Frau hätten ihn beinahe dazu verleitet, Einzelheiten seiner Herkunft preiszugeben, etwas, das er sonst nie tat.

Statt dessen fragte er Socorro: »Kannst du weinen, falls es nötig sein sollte?«

Denn in ihrer Tarngeschichte war auch ihr die Rolle einer trauernden Hinterbliebenen zugedacht. »Si.«

Mit professionellem Stolz, der noch ab und zu an die Oberfläche kam, fügte Baudelio hinzu: »Ich werde ihr je ein Pfefferkorn unter die unteren Lider klemmen. Und mir auch. Dann fließen die Tränen reichlich.« Er sah Miguel an. »Wenn du willst, kann ich das bei dir auch machen.«

»Wir werden sehen.«

Nun beendete Baudelio die Aufzählung der medizinischen Vorsichtsmaßnahmen. »In jeden Sarg kommt dann noch ein winziger EKG-Monitor, der Atmung und Betäubungstiefe registriert. Ich kann die Werte von außen abrufen. Und auch die Propofol-Injektionen kann ich von außen korrigieren.«

Im Verlauf des Gesprächs hatte Miguel, trotz seiner früheren Zweifel, die Überzeugung gewonnen, daß Baudelio genau wußte, was er tat. Und auch Socorro.

Nun hieß es nur noch den Abend abwarten. Doch die Stunden, die noch vor ihnen lagen, dehnten sich schier endlos.

11

In der Zentrale von CBA News hatte die Konferenz der Spezialeinheit am Samstagmorgen noch kaum begonnen, als sie plötzlich und sehr abrupt unterbrochen wurde.

Harry Partridge, der am Kopfende des Konferenztisches saß, hatte eben die Diskussion eröffnet, als eine Lautsprecherdurchsage aus dem Redaktionssaal dazwischenplatzte. Partridge hielt inne, und alle sieben am Tisch hörten zu.

»Hier Disposition. Richardson. Eben kam diese Meldung von UPI...

»Vor wenigen Minuten explodierte in White Plains, New York, ein Kleinbus. Man nimmt an, daß es sich dabei um das Fahrzeug handelte, das bei der Sloane-Entführung am letzten Donnerstag verwendet wurde. Mindestens drei Personen starben, mehrere sind verletzt. Die Polizei war bereits unterwegs, um den Kleinbus zu überprüfen, als es in einem Parkhaus neben dem Center City Einkaufszentrum zu der Explosion kam. Zur fraglichen Zeit befanden sich eine größere Anzahl von Personen, die ihre Wochenendeinkäufe erledigen wollten, in dem Parkhaus. Feuerwehr, Rettungsmannschaften und Krankenwagen sind pausenlos im Einsatz. Ein Augenzeuge beschrieb die Szene als >einen Alptraum wie aus Beirut<.«

Noch während der Durchsage wurden im Konferenzraum Stühle nach hinten gerückt, die Mitglieder der Spezialeinheit sprangen hastig auf. Als der Lautsprecher verstummte, war Partridge bereits auf dem Gang und rannte hinunter in den Redaktionssaal. Rita folgte ihm dicht auf den Fersen.

Am Samstagmorgen ging es in jeder Nachrichtenredaktion relativ formlos zu. Viele, die von Montag bis Freitag arbeiteten, waren zu Hause. Die wenigen, die Wochenenddienst hatten, standen zwar manchmal etwas unter Druck, doch wirkte sich die Abwesenheit von Vorgesetzten deutlich auf das Arbeitsklima aus. Die Kleidung war deshalb eher lässig, Jeans dominierten, die Männer trugen keine Krawatte.

Im Redaktionssaal war es fast gespenstisch ruhig. Nur etwa ein Drittel der Schreibtische war besetzt, und der diensthabende Disponent, Orv Richardson, fungierte gleichzeitig als Inlandsredakteur. Richardson, jung, aufgeweckt und sehr ehrgeizig, war erst kürzlich aus einer regionalen Redaktion in die Zentrale gekommen. Er war zwar nicht gerade unglücklich über die Verantwortung, die er an diesem Tag trug, aber diese wichtige Meldung aus White Plains machte ihn doch etwas nervös.