Rita schnappte nach Luft. »Hast du überhaupt eine Vorstellung, wie viele Tages- und Wochenzeitungen und wie viele Leute... «
Partridge unterbrach sie: »Ich denke in die gleiche Richtung, aber laß ihn erst mal ausreden.«
Cooper zuckte mit den Achseln. »Ob ich weiß, wie viele Zeitungen es sind? Nicht genau, aber daß es eine Wahnsinnsmenge ist, weiß ich schon. Wir müßten eben Leute einstellen - junge, helle Köpfe -, die sich sämtliche Zeitungen vornehmen. Soweit ich weiß, gibt es da ein Buch...« Cooper warf einen Blick auf seine Notizen. »....Publisher and Editor International Yearbook. In dem sind sämtliche Zeitungen, sogar die winzigsten, aufgeführt. Damit müßten wir anfangen. Von dort gehen wir in die Bibliotheken, die Zeitungen archivieren, einige sogar auf Mikrofilm. Bei den anderen gehen wir direkt in die Redaktionen und lassen uns die alten Nummern zeigen. Wir bräuchten 'ne Menge Leute, und die Sache müßte sehr schnell passieren, bevor die Spur kalt wird.«
»Und du glaubst, daß ein Zeitraum von drei Monaten ausreicht?«
»Wir wissen doch, daß diese Leute die Sloanes ungefähr einen Monat lang ausspioniert haben, und ich würde wetten, daß die ihr Hauptquartier bereits eingerichtet hatten, als sie damit anfingen. Deshalb sind drei Monate eine vernünftige Zeitspanne.«
»Was passiert, wenn wir eine Anzeige finden, die auf das Objekt, das wir suchen, paßt?«
»Wahrscheinlich wird es auch davon wieder eine ganze Menge geben«, erwiderte Cooper. »Wir sortieren sie nach Prioritäten und lassen dann ein paar von den Leuten, die die Zeitungen durchgegangen sind, weiterforschen. Zuerst, indem sie bei den Leuten, die diese Anzeigen aufgegeben haben, nachfragen. Je nachdem, wie die Antworten ausfallen, entscheiden wir dann, welche Anwesen wir uns ansehen.« Cooper zuckte mit den Achseln. »Bei den meisten Besichtigungen werden wir Nieten ziehen, aber vielleicht haben wir Glück. Ich habe vor, mich selber an diesen Nachforschungen zu beteiligen.«
In dem Schweigen, das folgte, wägten Partridge und Rita ab, was sie eben gehört hatten.
Partridge war der erste, der sprach. »Meinen Glückwunsch zu deiner originellen Idee, Teddy, aber du hast selber gesagt, daß es eine sehr unsichere Sache ist, und das ist es wirklich. Verdammt unsicher sogar. Im Augenblick kann ich mir nicht vorstellen, daß es funktioniert.«
»Offen gesagt«, meinte nun Rita, »ich glaube, du versuchst das Unmögliche. Erstens wegen der vielen in Frage kommenden Zeitungen - eine Unmenge geradezu! Zweitens, weil die Leute, die wir dazu brauchen, ein Vermögen kosten würden.«
»Wäre es denn das nicht wert«, fragte Cooper zurück, »wenn wir damit Mr. Sloanes Familie zurückbekommen würden?«
»Natürlich wäre es das. Aber was du vorschlägst, würde sie nicht zurückbringen. Es würde uns höchstens ein paar Informationen liefern, und sogar das ist unwahrscheinlich.«
»Ob nun so oder so«, warf Partridge ein, »nicht wir treffen hier die Entscheidung. Wenn's um Geld geht, ist Les Chippingham zuständig. Und da wir den später noch sehen, kannst du ihm ja deine Idee vorschlagen, Teddy.«
Der zweieinhalbminütige Bericht, den Iris Everly für die Samstagsausgabe der National Evening News produzierte, war dramatisch, schockierend und bildintensiv, wie es im Fachjargon hieß. Auch in White Plains hatte Minh Van Canh seine Kamera sehr kreativ eingesetzt. In der Zentrale hatte Iris dann, zusammen mit dem Cutter Bob Watson, aus dem Bildmaterial eine Fernsehdokumentation zusammengestellt, die fast schon ein kleines Meisterwerk war.
Iris und Partridge hatten sich mit Watson in einem winzigen Schneideraum getroffen, einem aus einer ganzen Reihe nebeneinanderliegender, die alle besetzt waren, da sich der Sendetermin näherte. Die drei sahen sich alle vorliegenden Videobänder an, und Iris machte sich Notizen über deren Inhalt. Ein spät aufgenommenes Band, das sie mit Sicherheit verwenden würden, zeigte die Ankunft von FBI-Agenten am Ort der Explosion. Auf die Frage, ob sie schon eine Nachricht von den Entführern erhalten hätten, wies der ranghöchste Beamte lediglich auf den Schauplatz und sagte mit verbissenem Gesicht: »Nur die da.«
Andere Bänder zeigten Szenen der Verwüstung und Partridges Interviews.
Nach diesem ersten Überblick sagte Iris: »Ich glaube, wir sollten mit den brennenden Autos und den Löchern in Boden und Decke der Parketage beginnen und dann den Abtransport der Toten und Verwundeten zeigen.« Partridge stimmte zu, und nun wurde gemeinsam der Aufbau der Sendung erarbeitet.
Als nächstes sprach Partridge noch im Schneideraum seinen Kommentar auf eine Tonspur, mit der später das fertig geschnittene Bildmaterial unterlegt würde. Er hatte sein in aller Eile zusammengeschriebenes Manuskript vor sich liegen und begann: »Wer noch daran zweifelte, daß es sich bei den Entführern der Familie Crawford Sloanes um skrupellose Terroristen handelte, wurde heute auf entsetzliche Weise eines Besseren belehrt...«
War Partridge in den beiden vergangenen Tagen als Moderator beziehungsweise, zusammen mit Crawford Sloane, als Co-Moderator der Abendnachrichten eingesprungen, so beschränkte er sich in der nun bevorstehenden Sendung auf seine gewohnte Rolle als Korrespondent, denn die Samstagsausgabe wurde von Teresa Toy gemacht, einer charmanten und sehr beliebten Moderatorin chinesischer Abstammung. Teresa hatte anfangs mit Partridge und Iris über den allgemeinen Aufbau ihres Berichts gesprochen. Doch da sie wußte, daß sie es mit zwei Vollprofis zu tun hatte, hielt sie es für klüger, die beiden bei der Feinarbeit alleine zu lassen.
Nach Fertigstellung der Tonspur verließ Partridge den Schneideraum. Iris und Bob Watson brauchten dann noch drei Stunden, um den mühseligen Schneideprozeß zu beenden, ein Aspekt der Fernsehberichterstattung, dem die Zuschauer, die nur das perfekte Endprodukt sehen, kaum Beachtung schenken.
Vom Äußeren her schien Bob Watson für diese penible, Geduld erfordernde Arbeit denkbar ungeeignet. Er war kräftig und untersetzt und hatte kurze, dicke Finger. Obwohl er sich jeden Morgen rasierte, sah er bereits mittags aus, als trage er einen Dreitagebart. Er rauchte beständig dicke, stinkende Zigarren, über die sich die anderen, die mit ihm in dem winzigen Zimmer arbeiten mußten, beklagten. Aber er hielt ihnen entgegen: »Wenn ich nicht rauchen darf, funktioniert mein Hirn nicht so gut, und ihr kriegt eine schlechte Arbeit.« Und so ertrugen Producer wie Iris Everly wegen Watsons überragender Fähigkeiten lieber den Rauch.
Das Schneiden der einzelnen Reportagen geschah in der Senderzentrale, in den über die ganze Welt verteilten Redaktionen und manchmal auch direkt vor Ort, am Schauplatz des Geschehens. Die täglichen Nachrichtensendungen enthielten alle drei Arten von Berichten.
Das Handwerkszeug eines Cutters, vor dem Watson und die schöne und sehr eigensinnige Iris nun saßen, bestand im wesentlichen aus zwei komplizierten Videorecordern mit präzise funktionierenden Kontrollanzeigen und Reglern. Angeschlossen an die beiden Recorder waren eine Reihe von über den Geräten selbst angebrachten Monitoren und Lautsprechern. Neben und hinter dem Cutter standen Regale mit Dutzenden von Cassetten, die er von den Kameramännern, aus der Videothek oder von angeschlossenen Sendern erhalten hatte.
Der Cutter mußte nun auf das Masterband in der linken Maschine Bildsequenzen und Geräusche von einer Vielzahl anderer Bänder übertragen, die er auf der rechten Maschine immer und immer wieder ablaufen ließ. Das Übertragen von Szenen, die selten länger als drei Sekunden dauerten, erforderte künstlerisches und journalistisches Urteilsvermögen, eine unendliche Geduld und die Feinfühligkeit eines Uhrmachers. Auf dem Masterband entstand so das Endprodukt, das schließlich gesendet wurde.