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Watson stellte nun die Eröffnungssequenz zusammen, auf die man sich bereits geeinigt hatte - die brennenden Autos und das zerstörte Gebäude. Mit der Geschwindigkeit eines Briefsortierers nahm er die verschiedenen Cassetten vom Regal, schob sie in den rechten Recorder und suchte mit dem Schnellvorlauf die gewünschte Szene. Offenbar unzufrieden mit dem Gefundenen, spulte er wieder hin und her, hielt bei einer anderen Szene an und kehrte dann zur ersten zurück. »Nein«, sagte er, »da muß noch irgendwo eine Totale aus der anderen

Perspektive sein, die mir besser gefällt.« Er legte eine andere Cassette ein, überflog sie kurz, nahm dann noch eine dritte und fand dort, was er suchte. »Mit dem sollten wir anfangen, und dann bringen wir die Nahaufnahme aus der ersten.«

Iris war einverstanden, und Watson kopierte Bilder und Geräusche auf das Masterband. Die beiden ersten Ergebnisse gefielen ihm nicht, er löschte sie wieder und war schließlich mit dem dritten zufrieden.

Etwas später sagte Iris: »Zeig mir doch noch mal diesen Werbespot von Nissan.« Sie sahen sich das Band an, es zeigte einen neuen, makellosen Nissan Kleinbus, der in strahlendem Sonnenschein über eine baumbestandene Landstraße fuhr. »Idyllisch«, bemerkte Iris. »Was hältst du davon, wenn wir zuerst den bringen und dann das Wrack nach der Explosion?«

»Müßte klappen.« Nach einigen Versuchen hatte Watson die wirkungsvollste Kombination gefunden.

»Ausgezeichnet!« flüsterte Iris.

»Du bist ja selbst auch nicht gerade von gestern.« Der Cutter nahm seine Zigarre in den Mund und stieß eine dichte Rauchwolke aus.

Unter regem Gedankenaustausch ging die Arbeit voran. Das Zusammenspiel von Produzent und Cutter hatte einmal jemand als Duett bezeichnet, was häufig zweifellos zutraf.

Während des Schneidevorgangs gab es unendliche Möglichkeiten der Verzerrung und der tendenziösen Färbung des Faktenmaterials. Handlungen von Personen konnten aus dem Zusammenhang gerissen werden. So konnte man zum Beispiel einen Politiker beim Anblick von Obdachlosen lachen lassen, obwohl er in Wirklichkeit geweint hatte, und das Lachen aus einer ganz anderen Bildsequenz stammte. Mit einer Technik, die man »Audioslipping« nannte, konnte man Sprache oder Geräusche so von einer Szene auf eine andere übertragen, daß nur der Produzent und der Cutter von dem Tausch wußten und ihn sonst niemand bemerkte. Wenn man so etwas vorhatte, bat man den Korrespondenten, falls der anwesend war, den Schneideraum zu verlassen. Er konnte sich zwar denken, was beabsichtigt war, doch war es ihm vermutlich lieber, wenn er es nicht genau wußte.

Offiziell sah man solche Praktiken nicht gern, doch sie kamen bei allen Sendern vor.

Iris hatte Bob Watson einmal gefragt, ob seine politischen Überzeugungen - er war strammer Sozialist - seine Schneidearbeit beeinflußten. »Klar, bei Wahlen, wenn ich das Gefühl habe, damit durchzukommen. Es ist ja nicht schwer, jemand gut, schlecht oder einfach lächerlich aussehen zu lassen. Voraussetzung ist nur, daß der Produzent mitmacht.«

»Versuch es nie bei mir«, hatte Iris erwidert, »sons t bekommst du Schwierigkeiten.«

In gespieltem Gehorsam hatte Watson die Hand an die Stirn gelegt.

Während sie nun weiter an dem White Plains-Bericht arbeiteten, schlug Iris plötzlich vor: »Versuch doch diese Szene mal mit dem Fischaugen-Effekt.«

»Das ist besser - ach, dieser verdammte Trottel!« Der Kopf eines Fotografen war plötzlich im Bild aufgetaucht und hatte die Aufnahme ruiniert - ein Beispiel für den beständigen Kampf zwischen Pressefotografen und Kameramännern.

An einer Stelle paßten die Bilder auf dem Masterband nicht zum Kommentar. »Harry muß da ein paar Worte ändern«, sagte Watson.

»Das kann er später. Laß uns zuerst unser Zeug hier fertigmachen.«

Watson ärgerte sich, weil er einige Einstellungen auf drei Sekunden kürzen mußte. »Im Britischen Fernsehen lassen sie ihre Einstellungen fünf Sekunden laufen; so kann man besser eine Stimmung aufbauen und die Umweltgeräusche effektiver einsetzen. Hast du gewußt, daß die Briten eine längere Aufmerksamkeitsspanne haben als wir?«

»Ich hab' schon mal davon gehört.«

»Und wenn du bei uns ab und zu mal 'ne Einstellung fünf Sekunden laufen läßt, wird's zwanzig Millionen Idioten langweilig, und sie schalten auf einen anderen Kanal.«

Nach einer Weile legte sie eine Kaffeepause ein, und Watson zündete sich eine neue Zigarre an. »Wie bist du eigentlich zu dem Job gekommen?« wollte Iris wissen.

Er kicherte. »Du wirst es mir nicht glauben, wenn ich's dir erzähle.«

»Wollen mal sehen.«

»Ich hab' in Miami als Hausmeister im Nachtdienst bei einem Lokalsender gearbeitet. Einer der Jungs in der Nachtschicht hat gemerkt, daß ich mich für das Zeug interessiere, und hat mir gezeigt, wie die Schneidemaschinen funktionieren; damals wurde noch Film verwendet, keine Videobänder. Von da ab hab' ich mich mit dem Putzen immer sehr beeilt. Um drei oder vier saß ich dann regelmäßig im Schneideraum und hab' aus den Schnipseln, die die anderen weggeworfen hatten, meine eigenen Geschichten zusammengestellt. Na, und nach einer Weile konnt' ich das dann ziemlich gut.«

»Und dann?«

»Eines Nachts, ich war noch immer Hausmeister, kam's in Miami zu Rassenunruhen. Totales Chaos, ein Großteil des Schwarzenviertels, Liberty City, brannte. Der Sender, für den ich arbeitete, hatte seine ganzen Leute alarmiert, aber einige blieben unterwegs stecken. Und so hatten sie keinen Cutter, brauchten aber unbedingt einen.«

»Da hast du dich angeboten«, sagte Iris.

»Zuerst wollte mir niemand glauben, daß ich das überhaupt kann. Doch als es dann immer enger wurde, ließen sie es mich versuchen. Mein Zeug ging sofort auf Sendung. Einiges davon ging an einen der großen Sender. Und der brachte es den ganzen nächsten Tag. Zehn Stunden durfte ich den Job machen. Danach hat mich der Direktor gefeuert.«

»Gefeuert?«

»Als Hausmeister. Sagte, ich würde nur Mist bauen und sei mit den Gedanken nicht bei der Arbeit.« Watson lachte. »Und dann hat er mich als Cutter wieder eingestellt. Ich hab' dem alten Job nie eine Träne nachgeweint.«

»Eine nette Geschichte«, sagte Iris. »Falls ich je ein Buch schreibe, werde ich sie verwenden.«

Kurze Zeit später glich Partridge, auf Watsons und Iris' Bitte, seinen Text den Bildern an, und Watson kopierte die Neuaufnahme auf das Masterband. Vor der Fassade der CBA News-Zentrale nahm Partridge außerdem noch einen Schlußkommentar für die Reportage auf.

Seit seiner Rückkehr aus White Plains hatte Partridge sich darüber den Kopf zerbrochen, was er sagen sollte. Bei einer normalen Reportage wäre es kein Problem gewesen. Die Schwierigkeit lag darin, daß Crawford Sloane in diese Geschichte verwickelt war. Partridge wußte, daß einige der Formulierungen, die er sich überlegt hatte, Crawf Angst einjagen würden. Sollte er sie deshalb abschwächen und ein wenig herumreden, oder sollte er der hartgesottene Reporter mit einem einzigen Maßstab sein - dem der Objektivität?

Am Ende löste sich das Problem von selbst. Während das Kamerateam und einige Schaulustige bereits auf ihn warteten, schrieb er sich draußen vor dem Gebäude in aller Eile die wichtigsten Punkte zusammen, prägte sie sich ein und improvisierte dann.

»Was sich heute in White Plains ereignete, ist nicht nur für die unschuldigen Einwohner dieser Stadt eine entsetzliche Tragödie, sondern auch eine Schreckensmeldung für meinen Freund und Kollegen Crawford Sloane. Denn nun steht fest, daß seine Frau, sein junger Sohn und sein Vater in den Händen wilder, gnadenloser Verbrecher sind, über deren Identität und Herkunft man bis jetzt noch nichts weiß. Sicher ist nur, daß sie vor nichts zurückschrecken werden, um ihre Ziele zu erreichen.

Die Art und der Zeitpunkt dieses Anschlags in White Plains werfen eine Frage auf, die sich inzwischen viele stellen: Wurden die Entführungsopfer bereits außer Landes gebracht und an einem weit entfernten Ort versteckt, wo immer der auch sein mag?