Harry Partridge, CBA News, New York.«
13
Teddy Cooper hatte sich getäuscht. Die Entführer und ihre Opfer hatte die Vereinigten Staaten noch nicht verlassen. Doch wenn alles nach Plan lief, waren sie in wenigen Stunden verschwunden.
Für die Medellin-Gruppe, die sich an diesem Samstagnachmittag noch immer in ihrem Versteck in Hackensack aufhielt, hatte der Druck einen Höhepunkt erreicht, die Nerven waren zum Zerreißen gespannt. Der Grund für die Sorge waren die Radio- und Fernsehberichte über die Ereignisse in White Plains an diesem Vormittag.
Miguel war ruhelos und besorgt, er gab nur barsche Antworten auf die Fragen der anderen und fuhr die Frager einige Male böse an. Als Carlos, normalerweise der sanfteste der fünf Kolumbianer, wütend bemerkte, die Sprengladung in dem Kleinbus sei una idea imbecil gewesen, griff Miguel nach einem Messer. Doch dann beherrschte er sich und legte es wieder weg.
In Wirklichkeit wußte Miguel nur zu gut, daß es ein schlimmer Fehler gewesen war, den Wagen in White Plains mit einer Sprengladung zu versehen. Denn zu der Explosion, die als Warnung gedacht war, daß sie, die Entführer, es ernst meinten, hätte es erst nach ihrem Verschwinden kommen sollen.
Dieses nach war hierbei das entscheidende Wort.
Miguel hatte sich darauf verlassen, daß der Kleinbus wegen der äußerlichen Veränderungen - das Abziehen der dunklen Folien und das Auswechseln der Nummernschilder - erst nach fünf oder sechs Tagen oder vielleicht sogar noch später entdeckt würde.
Doch da hatte er sich ganz offensichtlich getäuscht. Schlimmer noch, die Explosion und ihre Folgen hatten die Entführung der Sloanes wieder in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses gerückt und Polizei und Öffentlichkeit in höchste Alarmbereitschaft versetzt, und das zu einem Zeitpunkt, als sie sich in aller Stille davonstehlen wollten.
Weder Miguel noch die anderen bedauerten die Toten und die Verwüstung, die sie in White Plains angerichtet hatten. Unter anderen Umständen hätte das sie sogar amüsiert. Sie bedauerten nur, daß sie jetzt in größerer Gefahr schwebten, denn das hätte nicht passieren müssen.
Es waren immer die gleichen Fragen, die sich die Verschwörer stellten: Wurden die Straßensperren, die Berichten zufolge seit Donnerstag bereits wieder abgebaut wurden, nun erneut errichtet? Wenn ja, wie viele waren es zwischen ihrem Unterschlupf und Teterboro Airport? Und was war mit dem Flugplatz? Waren wegen der erhöhten Alarmbereitschaft die Sicherheitsmaßnahmen verstärkt worden? Und auch wenn die vier mit ihren Gefangenen es schafften, Teterboro ungehindert zu verlassen, was war dann mit Opa Locka in Florida? Welche Gefahren warteten dort auf sie?
Keiner kannte die Antworten, auch Miguel nicht. Sicher wußten sie nur, daß sie aufbrechen mußten; die Maschinerie ihres Transfers war bereits in Gang gesetzt, und sie mußten das Risiko eingehen.
Ein weiterer, wahrscheinlich unvermeidlicher Grund für die erhöhte nervliche Belastung waren die zunehmenden Reibereien der Gruppenmitglieder untereinander. Nachdem sie über einen Monat auf engstem Raum und praktisch ohne Kontakte nach draußen gelebt hatten, waren aus geringfügigen persönlichen Animositäten Haßgefühle geworden.
Besonders lästig für alle anderen war Rafaels Gewohnheit, ständig Schleim auszuhusten und ihn auszuspucken, wo er eben war, vor allem auch beim Essen. Bei einer Mahlzeit war Carlos darüber so wütend, daß er Rafael un bruto odioso nannte, worauf Rafael ihn an den Schultern packte, gegen die Wand warf und mit seinen riesigen Fäusten auf ihn einhämmerte. Nur Miguels Eingreifen bewahrte Carlos vor Verletzungen. Nach dem Zwischenfall spuckte Rafael unbeirrt weiter, und Carlos kochte vor Wut.
Auch Luis und Julio waren Feinde geworden. In der Woche zuvor hatte Julio Luis vorgeworfen, er betrüge beim Kartenspielen. Es folgte eine Schlägerei, die keiner gewann, doch tags darauf hatten beide geschwollene Gesichter. Seitdem hatten sie kaum ein Wort miteinander gesprochen.
Inzwischen war auch Socorro ein Grund für Reibereien. Trotz ihrer früheren Zurückweisung jeder sexuellen Annäherung war sie in der letzten Nacht mit Carlos ins Bett gegangen. Ihre wilden Geräusche hatten in den anderen Männern Neid geweckt und rasende Eifersucht in Rafael, der Socorro für sich beanspruchte und sie an diesem Morgen auch daran erinnerte. Vor allen anderen erwiderte sie ihm während des Frühstücks: »Du mußt schon zuerst deine abscheulichen Manieren ablegen, bevor du deinen verga in mich stecken darfst.«
Miguels starkes Verlangen nach Socorro machte die Situation noch komplizierter. Er mußte sich beständig daran erinnern, daß er es sich als Anführer der Truppe nicht leisten konnte, in den Wettstreit um Socorro mit einzutreten.
Er merkte, daß seine Führerrolle auch noch andere Auswirkungen auf ihn hatte. Wenn er in den Spiegel sah, fiel ihm auf, daß er seine frühere Unscheinbarkeit verlor. Er glich immer weniger einem unauffälligen Angestellten oder einem kleinen Filialleiter, was ja seine frühere, natürliche Tarnung gewesen war. Alter und Verantwortung ließen ihn als den erscheinen, der er wirklich war - ein erfahrener, starker Kommandeur.
Was soll's, dachte er nun, jeder Kommandeur macht einmal Fehler. White Plains war ganz offensichtlich einer der seinen gewesen.
So war es für jeden aus unterschiedlichen Gründen eine große Erleichterung, als der Zeitpunkt des Aufbruchs näherrückte.
Julio sollte den Leichenwagen fahren, Luis den Lastwagen mit der Aufschrift Serene Funeral Homes. Beide Fahrzeuge waren bereits beladen.
In dem einzelnen Sarg im Leichenwagen lag die betäubte Jessica, Angus und Nicholas in den beiden anderen im Lastwagen. Carlos hatte auf jeden Sarg ein Bukett weißer Chrysanthemen und rosa Nelken gelegt.
Auf eigenartige Weise dämpfte der Anblick der Särge und der Blumen die Stimmung der Verschwörer, es schien, als wären die Rollen, die sie im Geiste immer wieder geprobt hatten und die sie nun bald spielen mußten, dadurch etwas leichter geworden.
Nur Baudelio, der zwischen den Särgen hin- und hereilte und noch letzte Messungen mit seinen Kontrollgeräten vornahm, war voll und ganz auf seine Arbeit konzentriert, denn er wußte, daß während der nächsten Stunden der Erfolg des ganzen Unternehmens von der Präzision seiner früheren Schätzungen abhing. Wenn einer der Gefangenen während der Fahrt und vor allem bei Kontrollen das Bewußtsein wiedererlangte und schrie oder um sich schlug, war alles verloren.
Auch schon der leiseste Verdacht, daß an den Särgen etwas ungewöhnlich sei, konnte zu einer Öffnung durch die Behörden führen und so die ganze Aktion vereiteln - wie es 1984 auf dem Stansted Airport in Großbritannien passiert war. Damals war ein Nigerianer, Dr. Umaru Dikko, entführt worden und sollte betäubt und in einem versiegelten Sarg nach Lagos geflogen werden. Flughafenangestellte hatten einen starken »medizinischen« Geruch bemerkt, und der Britische Zoll bestand deshalb auf einer Öffnung des Sarges. So wurde das bewußtlose, aber lebende Opfer entdeckt.
Miguel und Baudelio kannten den Fall und wollten es nicht zu einer Wiederholung kommen lassen.
Kurz vor der Abfahrt erschien Socorro erstaunlich verführerisch in einem schwarzen Leinenkleid mit passender bortenbesetzter Jacke. Die Haare waren unter einem schwarzen Hut hochgesteckt, sie trug goldene Ohrringe und eine dünne goldene Halskette. Sie weinte heftig, die Pfefferkörner, die Baudelio ihr unter die unteren Lider gesteckt hatte, taten ihre Wirkung. Nun mußte auch Rafael diese Behandlung über sich ergehen lassen; er hatte sich zunächst dagegen gewehrt, doch da Miguel darauf bestand, gab der große Mann nach. Er hatte sich bald an das leicht unangenehme Gefühl gewöhnt, und nun flossen auch bei ihm die Tränen.