Rafael, Miguel und Baudelio sahen in ihren schwarzen Anzügen und Krawatten überzeugend wie Trauernde aus. Wenn Fragen gestellt wurden, spielten Rafael und Socorro Bruder und Schwester einer toten kolumbianischen Frau, die während eines Besuchs in den Vereinigten Staaten bei einem Autounfall getötet und nun zum Begräbnis nach Hause geflogen wurde. Und da der kleine Sohn der Frau, so die Tarngeschichte, bei dem Unfall ebenfalls getötet wurde, waren Rafael und Socorro Nickys Onkel und Tante. Der dritte »Tote«, Angus, war ein älterer entfernter Verwandter, der die beiden auf der Reise begleitet hatte.
Baudelio war ein weiteres trauerndes Familienmitglied, das den Leichenzug zur Unterstützung der Hinterbliebenen begleitete, Miguel ein enger Freund.
Eine umfangreiche Sammlung von Dokumenten stützte die Tarngeschichte, darunter gefälschte Totenscheine aus Pennsylvania, wo der Unfall angeblich stattgefunden hatte, drastische Fotos von einer Karambolage auf einer Autobahn und sogar Zeitungsausschnitte, die angeblich aus dem Philadelphia Inquirer stammten, in Wirklichkeit jedoch auf einer privaten Presse gedruckt worden waren. Zu den Papieren gehörten neue Pässe für Miguel, Rafael, Socorro und Baudelio sowie zwei zusätzliche Totenscheine, von denen einer für Angus verwendet worden war. Miguel hatte dieses »Dokumentenpaket« für über zwanzigtausend Dollar von einem seiner Kontakte in Little Columbia gekauft.
Ein wichtiger Punkt in der Tarngeschichte, der auch von den falschen Presseberichten gestützt wurde, war die Behauptung, alle drei Leichen seien bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt. Miguel hoffte, daß dies die Behörden von einem Öffnen der Särge abhalten würde.
Leichenwagen und Laster warteten bereits mit laufenden Motoren, und hinter ihnen stand der Plymouth Reliant mit Carlos am Steuer. Er sollte den beiden Fahrzeugen mit einigem Abstand folgen, bereit zum Eingreifen, falls es zu Schwierigkeiten kam. Mit Ausnahme von Baudelio waren alle bewaffnet.
Die Truppe wollte direkt zum Flughafen fahren, was zehn, höchstens fünfzehn Minuten dauern würde.
Im Hof des Anwesens in Hackensack sah Miguel auf die Uhr. 19 Uhr 35. »Alles einsteigen!« befahl er den anderen.
Dann kontrollierte er alleine ein letztes Mal das Haupthaus und die Nebengebäude, um sicherzugehen, daß sie keine Spuren hinterlassen hatten. Nur eins machte ihm Sorgen. An der Stelle, wo sie die Funktelefone und die andere Ausrüstung vergraben hatten, war der Boden im Vergleich zur Umgebung uneben. Julio und Luis hatten versucht, die Erde glattzurechen und die Stelle mit Blättern zu bedecken, aber dennoch blieben Spuren sichtbar. Miguel hoffte, daß es nicht auffallen würde, denn er konnte nun nichts mehr dagegen tun.
Er kehrte zum Leichenwagen zurück, stieg auf den Beifahrersitz und befahl Julio: »Los!«
Es dämmerte bereits. Die letzten Sonnenstrahlen verschwanden am Horizont, während sie auf Teterboro zufuhren.
Luis war der erste, der die Blinklichter der Polizei bemerkte. Er fluchte leise und bremste. Nun sah auch Miguel vom Beifahrersitz des Leichenwagens die Lichter und streckte den Kopf zum Fenster hinaus, um sich ein Bild über die Verkehrslage zu machen. Socorro saß zwischen den beiden Männern.
Sie fuhren in südlicher Richtung auf dem State Highway 17, die Überführung des Passaic Expressway lag bereits eine Meile hinter ihnen. Der Verkehr war sehr dicht. Zwischen ihrer Position und den Blinklichtern gab es keine Ausfahrt nach rechts, und die Abtrennung zwischen den beiden Fahrtrichtungen machte ein Umkehren unmöglich. Miguel begann zu schwitzen, nahm sich aber zusammen und sagte zu Luis: »Fahr weiter.« Er sah nach hinten, um sicherzugehen, daß der Laster ihnen direkt folgte.
Carlos, im Plymouth, fuhr irgendwo hinter ihnen, doch zu sehen war er im Augenblick nicht.
Nun sahen sie, daß der Verkehr vor ihnen von einigen Bundespolizisten in die beiden rechten Fahrspuren gelenkt wurde. Zwischen den Spuren stand eine Art transportables Häuschen, von dem aus weitere Polizisten die Autos anhielten und mit den Fahrern zu sprechen schienen. Am rechten Straßenrand waren mehrere Polizeiautos mit blinkenden Lichtern zu sehen.
»Ganz ruhig«, sagte Miguel zu den anderen. »Und laßt mich reden.«
Zehn Minuten lang krochen sie Meter um Meter vorwärts. Und auch dann war noch nicht genau zu erkennen, was an der Spitze der Schlange eigentlich passierte. Es war inzwischen dunkel geworden, und die vielen Lichter verwirrten nur. Aber es sah so aus, als würden nach einem kurzen Wortwechsel zwischen den Polizisten und dem jeweiligen Fahrer einige Fahrzeuge zu einer genaueren Untersuchung an den Straßenrand gewunken.
Miguel sah auf die Uhr. Fast 20 Uhr. Man würde den Learjet bestimmt nicht mehr zum vereinbarten Zeitpunkt erreichen.
Obwohl Miguel den anderen eingeschärft hatte, ruhig zu bleiben, stieg jetzt auch in ihm die Nervosität. Sollte das nun das Ende sein, nachdem alles bislang so glatt gelaufen war, ein Ende in der Gefangennahme oder im Tod nach einer Schießerei? Miguel zog den Tod vor. Die Chancen, sich mit einem Bluff aus dieser Zwangslage zu befreien, waren ziemlich gering. Miguel fragte sich nur, ob es vernünftiger war, zum Angriff überzugehen und eine Schießerei zu provozieren, oder ruhig sitzenzubleiben, die Minuten verstreichen zu lassen und auf die hauchdünne Chance zu hoffen, daß sie mit ihrer Tarngeschichte durchkamen?
»Die Schweine suchen uns!« murmelte Luis, zog eine Walther P38 aus der Jacke und legte sie neben sich auf den Sitz.
»Versteck das Ding!« fauchte Miguel ihn an.
Luis legte eine Zeitung über die Pistole.
Miguel spürte, daß Socorro neben ihm zitterte. Er legte ihr die Hand auf den Arm, und das Zittern hörte auf. Er sah, daß sie den Blick starr nach vorne gerichtet hatte, auf einen Bundespolizisten, der nun auf sie zukam.
Der Uniformierte schien alleine zu sein, ohne Verbindung zu der Gruppe an der Spitze der Schlange. Er sah im Vorübergehen in die wartenden Autos, blieb ab und zu stehen und schien auf Fragen zu antworten. Als der Beamte nur noch wenige Meter entfernt war, beschloß Miguel, die Initiative zu ergreifen. Er öffnete das Fenster.
»Officer«, rief Miguel, »können Sie mir bitte sagen, was hier los ist?«
Der Beamte, der offensichtlich noch sehr jung war, kam näher. Ein Namensschild identifizierte ihn als »Quiles«.
»Nur ein Alkoholtest, Sir, im Interesse der öffentlichen Sicherheit«, sagte er mit einem gezwungenen Lächeln.
Miguel glaubte ihm nicht.
Der Beamte sah sich nun den Leichenwagen und dessen Inhalt genauer an und fügte hinzu: »Ich hoffe nur, Sie kommen nicht von einem feuchtfröhlichen Leichenschmaus.«
Es war nur ein schwacher, unbeholfener Versuch, witzig zu sein, aber Miguel sah seine Chance und griff danach. Er warf dem Beamten einen vernichtenden Blick zu und sagte streng: »Falls das ein Witz sein sollte, dann war es ein sehr geschmackloser.«
Der Gesichtsausdruck des jungen Polizisten veränderte sich augenblicklich. Mit betrübter Miene sagte er: »Es tut mir leid...«
Als hätte er es nicht gehört, fuhr Miguel fort: »Die Dame neben mir war gemeinsam mit ihrer Schwester zu Besuch in diesem Land. Ihre geliebte Schwester liegt nun in diesem Sarg -sie wurde bei einem tragischen Verkehrsunfall getötet, zusammen mit zwei anderen Personen, die sich in dem Transporter hinter uns befinden. Wir wollen die Leichen außer Landes fliegen, damit sie in ihrer Heimat begraben werden können. In Teterboro wartet ein Flugzeug auf uns, und wir können weder Ihren Humor noch diese Verzögerung hier gebrauchen.«
Wie aufs Stichwort wandte Socorro dem Beamten ihr tränenüberströmtes Gesicht zu.
»Ich sagte bereits, daß es mir leid tut, Sir und Madam«, lenkte Quiles reumütig ein. »Es ist mir einfach so herausgerutscht. Ich möchte mich wirklich dafür entschuldigen.«
»Wir nehmen Ihre Entschuldigung an, Officer«, entgegnete Miguel gnädig. »Aber ich frage mich, ob Sie uns vielleicht die Weiterfahrt ermöglichen könnten.«