»Die Washingtoner Redaktion hat sich gemeldet«, sagte Rita. »Soweit die wissen, hat das FBI noch nichts Neues. Ihre Spurensicherung arbeitet an dem, was von dem Nissan noch übrig ist, aber große Hoffnungen machen sie sich nicht. Wie schon Salerno in der Freitagssendung gesagt hat, bei Entführungen ist das FBI darauf angewiesen, daß die Entführer sich melden.«
Partridge sah Sloane am anderen Ende des Tisches an. »Tut mir leid, Crawf, aber das scheint alles zu sein, was wir haben.«
»Bis auf Teddys Vorschlag«, gab Rita zu bedenken.
»Welchen Vorschlag?« fragte Sloane scharf. »Davon weiß ich ja gar nichts.«
»Teddy wird's dir erklären«, sagte Partridge. Er nickte dem jungen Engländer zu, der ebenfalls am Tisch saß, und Coopers Gesicht leuchtete auf, als sich alle Aufmerksamkeit auf ihn richtete.
»Es ist eine Möglichkeit, das Versteck der Entführer ausfindig zu machen. Obwohl ich mir sicher bin, daß sie inzwischen verschwunden sind.«
»Wenn sie wirklich verschwunden sind, was bringt es uns dann noch?« fragte Chippingham.
Sloane winkte ungeduldig ab. »Das ist doch unwichtig. Ich will den Vorschlag hören.«
Trotz des Zwischenrufs antwortete Cooper zuerst auf Chippinghams Frage. »Spuren. Es besteht immer die Möglichkeit, daß die Leute Spuren hinterlassen, die uns zeigen, wer sie sind, woher sie kommen und vielleicht sogar, wohin sie verschwunden sind.«
Cooper wiederholte nun seinen Vorschlag, mit großem Personaleinsatz die Immobilienanzeigen der Zeitungen aus der Region um Larchmont zu durchforsten, um so dem Versteck der Entführer auf die Spur zu kommen.
»Ich gebe zu, daß es eine sehr unsichere Sache ist«, sagte er schließlich.
»Und das ist noch gelinde ausgedrückt«, entgegnete Chippingham. Er hatte während Coopers Erläuterung die Stirn in Falten gelegt, und diese Falten wurden bei dem Vorschlag, zusätzliches Personal einzustellen, noch tiefer. »Um wie viele Leute geht es?«
»Ich habe ein paar Nachforschungen angestellt«, antwortete Rita. »In dem Gebiet, von dem wir reden, gibt es ungefähr einhundertundsechzig Tages- und Wochenzeitungen. In den Bibliotheken werden nur die allerwenigsten davon aufbewahrt, und das heißt, daß man direkt in die Redaktionen gehen und dort die Archive durchstöbern müßte. Die Ausgaben von drei Monaten durchzulesen und sich Notizen zu machen, ist eine gigantische Arbeit. Aber wenn es etwas bringen soll, müßte es schnell geschehen... «
»Kann jetzt vielleicht jemand meine Frage beantworten«, warf Chippingham dazwischen. »Wie viele Leute?«
»Ich schätze, ungefähr sechzig«, erwiderte Rita. »Und dann noch ein paar für die Koordination.«
Chippingham wandte sich an Partridge: »Harry, willst du mir das allen Ernstes empfehlen?« Sein Tonfall deutete an: So verrückt kannst du doch gar nicht sein!
Partridge zögerte. Er teilte Chippinghams Zweifel. Auf der Rückfahrt von White Plains hatte er bereits darüber nachgedacht und Teddys Vorschlag als Spinnerei abgetan; und seitdem hatte er seine Meinung noch nicht geändert. Doch manchmal war es nicht schlecht, überlegte er nun, wenn man sich auf etwas einließ, auch wenn es nur eine unsichere Sache war.
»Ja, Les«, sagte er. »Ich empfehle es. Meiner Meinung nach sollten wir alles versuchen. Im Augenblick leiden wir ja nicht gerade unter einem Überfluß an Spuren und neuen Ideen.«
Chippingham war unglücklich über die Antwort. Ihm war unbehaglich bei dem Gedanken, über Wochen hinweg sechzig Leute bezahlen und auch noch für Reisekosten und andere Spesen aufkommen zu müssen - ganz zu schweigen von dem zusätzlichen Koordinationspersonal, das Rita erwähnt hatte. Solche Aktionen kosteten horrende Summen. Früher, als man beim Fernsehen noch spendabler war, hätte er sich darüber kaum den Kopf zerbrochen. Aber nun klang ihm noch Margot Lloyd-Masons Anweisung bezüglich der Spezialeinheit in den Ohren: »Ich will nicht, daß irgend jemand... nun plötzlich wild mit Geld um sich wirft... Ohne meine vorherige Zustimmung darf nichts unternommen werden, was unser Budget überschreitet.«
Doch Chippingham lag nicht weniger als allen anderen daran, herauszufinden, wohin man Jessica, den Jungen und den alten Mann gebracht hatte, und wenn nötig, würde er sich mit Margot um das erforderliche Geld streiten. Aber dann mußte es für etwas sein, von dem er auch selbst überzeugt war, und nicht nur ein Hirngespinst dieses arroganten Engländers.
»Harry, dieses eine Mal sage ich nein, zumindest für den Augenblick«, verkündete Chippingham. »Ich sehe einfach nicht genug Erfolgschancen, um diesen Aufwand zu rechtfertigen.« Wenn die anderen wüßten, daß der Gedanke an Margot seine Entscheidung beeinflußt hatte, dann hätten sie ihn einen Feigling genannt, das wußte er nur zu gut. Aber schließlich hatte er Probleme - nicht zuletzt die Angst, seinen Job zu verlieren -, von denen die anderen auch nichts wußten.
»Ich hätte geglaubt, Les...«, begann Jaeger.
Doch Crawford Sloane unterbrach ihn. »Laß mich reden, Norm.« Während Jaeger verstummte, wurde die Stimme des Moderators scharf: »Wenn du davon sprichst, daß der Aufwand nicht gerechtfertigt ist, Les, dann meinst du doch in Wahrheit, daß du das Geld dafür nicht ausgeben willst, oder?«
»Das ist ein Faktor, und du weißt, daß das immer eine Rolle spielt. Aber es ist vorwiegend eine Frage der Einschätzung. Ich halte den Vorschlag nicht für eine gute Idee.«
»Hast du vielleicht eine bessere?«
»Im Augenblick nicht.«
»Dann habe ich eine Frage, und ich hätte gern eine ehrliche Antwort«, sagte Sloane eisig. »Hat Margot Lloyd-Mason eine Ausgabensperre verhängt?«
»Wir haben über das Budget gesprochen, das ist alles«, antworte Chippingham unbehaglich. »Kann ich dich unter vier Augen sprechen?«
»Nein!« brüllte Sloane, sprang auf und sah Chippingham böse an. »Nicht wegen dieser kaltherzigen Hexe. Du hast meine Frage beantwortet. Es gibt eine Ausgabensperre.«
»Das ist ohne Bedeutung. Wenn es um etwas wirklich Wichtiges geht, rufe ich einfach in Stonehenge an... «
Nun explodierte Sloane: »Und ich werde eine Pressekonferenz einberufen - und zwar hier und heute abend noch. Dann werde ich der ganzen Welt erzählen, daß dieser reiche Sender wie ein pedantischer Buchhalter um Pfennige feilscht, während meine Familie in irgendeinem Höllenloch weiß Gott wo auf der Welt leidet...«
»Niemand feilscht«, protestierte Chippingham. »Crawf, das ist unnötig. Es tut mir leid.«
»Und was zum Teufel soll das nützen?«
Die anderen am Tisch trauten ihren Ohren kaum. Sie konnten einfach nicht glauben, daß über ihr Projekt in aller Stille eine Ausgabensperre verhängt worden war, und daß sie in der augenblicklichen verzweifelten Situation nicht alle Möglichkeiten ausprobieren durften.
Noch etwas anderes war ähnlich unglaublich: daß CBA seinen berühmtesten Mitarbeiter, den Chefsprecher der Abendnachrichten, auf diese Weise beleidigte. Margot Llyod-Mason war erwähnt worden; und daraus konnte man nur schließen, daß sie die axtschwingende Hand von Globanic Industries war.
Nun stand auch Norman Jaeger auf, es war die einfachste Form des Protests. »Harry glaubt, wir sollten Teddys Vorschlag eine Chance geben. Ich bin der gleichen Meinung.«
»Ich auch«, sagte Carl Owens.
»Und ich ebenfalls«, sagte Iris Everly danach.
Rita war noch etwas unentschlossen, sie machte sich Sorgen wegen Chippingham, doch schließlich sagte sie: »Na, dann schließe ich mich auch an.«
»Okay, okay, genug der großen Gesten«, sagte Chippingham. Er merkte nun, daß er sich verrechnet hatte, und da er wußte, daß er so oder so nur verlieren konnte, verfluchte er insgeheim Margot. »Ich revidiere meine Entscheidung. Vielleicht hatte ich unrecht, Crawf. Also fangen wir an.«