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Rafael im Sitz hinter ihm hatte den Blick starr auf die näher kommenden Lichter gerichtet. Socorro neben ihm schien zu dösen.

Miguel drehte sich zu Baudelio um, der noch immer mit seinen externen Kontrollgeräten die drei Särge überwachte. Baudelio nickte, es war offensichtlich alles in Ordnung, und Miguel wandte sich wieder einem Problem zu, das eben erst aufgetreten war.

Wenige Minuten zuvor war er ins Cockpit gegangen und hatte gefragt: »Wie lange braucht ihr in Opa Locka, um alles Nötige zu erledigen und uns wieder in die Luft zu bringen?«

»Normalerweise nicht länger als eine halbe Stunde«, antwortete Underbill, der Pilot. »Wir müssen nur auftanken und unseren Flugplan durchgeben.« Er zögerte und fügte dann hinzu: »Aber wenn der Zoll sich unser Flugzeug genauer ansehen will, kann es länger dauern.«

»In Opa Locka gibt es keine Zollkontrollen«, zischte Miguel.

Der Pilot nickte. »Stimmt schon. Im Normalfall kümmern die sich nicht um hinausgehende Flüge. Aber ich habe gehört, daß sie in letzter Zeit Stichproben machen, und manchmal eben auch bei Nacht.« Obwohl er versuchte, gelassen zu klingen, verriet seine Stimme, daß er sich Sorgen machte.

Miguel erschrak über diese Information. Was er und das Medellin-Kartell über die Regeln und Gepflogenheiten des amerikanischen Zolls in Erfahrung gebracht hatten, war der Grund gewesen, warum sie sich für Opa Locka als Ausreiseflugplatz entschieden hatten.

Wie Teterboro wurde auch Opa Locka ausschließlich von Privatflugzeugen benutzt. Wegen der hereinkommenden Auslandsflüge gab es dort eine Zolldienststelle - ein kleines, provisorisches Büro in einem Anhänger mit entsprechend geringer Belegschaft. Verglichen mit den großen Dienststellen in wichtigen internationalen Flughäfen wie Miami, New York, Los Angeles oder San Francisco, war die in Opa Locka wie eine arme Verwandte, die nicht die Mittel für eine umfassende Kontrolle hatte. Für gewöhnlich taten nur zwei Beamte Dienst, und auch das nur werktags zwischen 11 Uhr und 19 Uhr und sonntags zwischen 10 Uhr und 16 Uhr. Bei der Planung des Flugs mit dem Learjet war man davon ausgegangen, daß zu einer so späten Stunde die Dienststelle geschlossen und das Personal längst zu Hause sei.

Underhill fügte nun hinzu: »Falls noch jemand in der Dienststelle sitzt und sein Funkgerät eingestellt hat, kann er unseren Sprechverkehr mit dem Tower hören. Danach wird sich zeigen, ob der Zoll Interesse an uns hat oder nicht.«

Miguel merkte, daß er nichts tun konnte, außer zu seinem Platz zurückzukehren und abzuwarten. Als er wieder saß, spielte er in Gedanken alle Möglichkeiten durch.

Falls sie wirklich noch mit dem Zoll zu tun bekamen, so unwahrscheinlich das auch schien, würden sie erneut ihre Tarngeschichte benutzen. Socorro, Rafael und Baudelio mußten ihre Rollen spielen und Miguel die seine. Die Kontrollgeräte an den Särgen konnte Baudelio sehr schnell verschwinden lassen. Nein, das Problem war weniger die Tarngeschichte und alles, was dazugehörte, sondern die Vorschriften, die ein Zollinspektor befolgen mußte, wenn eine Leiche außer Landes gebracht wurde.

Miguel hatte sich die offiziellen Vorschriften genau angesehen, er kannte sie auswendig. Für jede Leiche mußten gewisse Papiere vorliegen - ein Totenschein, eine Freigabe von einem Gesundheitsamt und eine Einfuhrerlaubnis des Ziellandes. Der Paß des Toten war nicht nötig, aber - und das war der kritische Punkt - der Sarg mußte geöffnet und, nachdem der Inhalt kontrolliert war, versiegelt werden.

Miguel hatte sich in weiser Voraussicht alle nötigen Unterlagen beschafft. Zusätzlich hatte er noch die Unfallfotos, auf denen zwar nichts Konkretes zu erkennen war, die aber zu der Geschichte paßten, sowie die gefälschten Zeitungsausschnitte mit der Behauptung, die Leichen seien bis zur Unkenntlichkeit verbrannt und verstümmelt.

Wenn also in Opa Locka der Zoll noch geöffnet war und ein Beamter sie kontrollieren wollte, dann waren ihre Papiere zwar in Ordnung, aber es stellte sich die Frage, ob der Beamte darauf bestehen würde, die Särge zu öffnen. Und weiter, wenn er erst einmal sämtliche Unterlagen und Berichte gelesen hatte, ob ihm dann überhaupt noch danach zumute war.

Wieder einmal spürte Miguel, wie die Spannung in ihm wuchs, während der Learjet glatt und problemlos landete und zum Hangar Eins rollte.

Der Zollinspektor Wally Amsler ging davon aus, daß sich irgendein fanatischer Schreibtischstratege in Washington diese Operation Egress ausgedacht haben mußte. Der (oder diejenige) lag inzwischen sicher schon schlafend im Bett, und genau dort wollte Wally nun auch sein, anstatt hier auf diesem gottverlassenen Opa Locka Airport herumzustehen, der weitab von allem lag und der nachts noch dazu verflucht einsam war. Es war eine halbe Stunde vor Mitternacht, und er und die beiden anderen Zollbeamten im Sondereinsatz mußten noch zwei Stunden absitzen, bevor sie die Operation Egress abhaken und nach Hause gehen konnten.

Die schlechte Laune war ungewöhnlich für Amsler, der im Grunde immer fröhlich und freundlich war, außer zu jenen, die das Gesetz brachen, das er vertrat. Dann konnte er kalt und hart sein und unerbittlich in seinem Pflichtgefühl. Eigentlich gefiel ihm seine Arbeit, nur die Nachtschichten mochte er nicht, und er vermied sie auch, sooft es ging. Erst vor einer Woche hatte er mit Grippe im Bett gelegen, und er fühlte sich noch immer nicht ganz gesund. Er hatte schon überlegt, ob er sich an diesem Abend krank melden sollte, dann aber beschlossen, es nicht zu tun. Und dann war da auch noch etwas anderes, das ihm in letzter Zeit Kummer machte - seine Stellung beim Zoll.

Obwohl er seit mehr als zwanzig Jahren gewissenhaft seine Arbeit tat, war er nicht so weit aufgestiegen, wie er es bei seinem Alter - er stand wenige Monate vor seinem fünfzigsten Geburtstag - eigentlich hätte erwarten können. Er war Inspektor, GS-9, und das war eigentlich nur ein Mannschaftsgrad, nicht mehr. Es gab genügend andere, die jünger waren als er und viel weniger Erfahrung hatten und trotzdem bereits zum Oberinspektor, GS-11, aufgestiegen waren. Von denen mußte er Befehle entgegennehmen.

Er hatte immer angenommen, daß man ihn eines Tages zum Oberinspektor befördern würde, aber inzwischen mußte er sich eingestehen, daß die Chancen dazu nicht eben günstig standen. War das gerecht? Er wußte es nicht. Seine Beurteilungen waren durchweg positiv, und er hatte seine Pflicht immer über alles andere gestellt, vor allem auch über seine privaten Interessen. Aber gleichzeitig hatte er sich nie besonders angestrengt, um in eine Führungsposition aufzusteigen, wie er auch keine spektakulären Leistungen oder Erfolge aufweisen konnte; vielleicht lag darin das Problem. Natürlich verdiente er auch als GS-9 nicht schlecht. Mit Überstunden und einer Sechs-TageWoche kam er auf etwa $ 50000 pro Jahr, und in fünfzehn Jahren würde er eine ansehnliche Pension erhalten.

Aber Gehalt und Pension waren nicht alles. Er brauchte etwas, um seinem Leben neuen Schwung zu geben, etwas, das ihn, wenn auch nur auf bescheidene Art, unvergeßlich machte. Er wünschte sich, daß so etwas passierte, und er meinte, es auch zu verdienen. Aber in Opa Locka, so spät in der Nacht und bei dieser Operation Egress, war das eher unwahrscheinlich.

Operation Egress war der Versuch einer stichprobenartigen Kontrolle von Flugzeugen, die das Land verließen. Natürlich konnten unmöglich alle überprüft werden, dazu fehlte dem Zoll das Personal. Deswegen schickte man unangekündigt und überfallartig ein Team von Inspektoren auf gewisse Flughäfen, die dann einige Stunden lang vorwiegend Privatmaschinen mit ausländischen Zielflughäfen kontrollierten. Häufig wurden solche Aktionen nachts abgewickelt.

Offiziell wollte man mit dem Programm dem illegalen Export von High-Tech-Geräten auf die Schliche kommen. Inoffiziell suchte der Zoll auch nach Geldbeträgen, die die festgesetzten Ausfuhrquoten überstiegen, vor allem nach Drogengeld. Inoffiziell deshalb, weil die amerikanische Zollgesetzgebung die Suche nach Geld nur dann zuließ, wenn ein »gerechtfertigter Grund« vorlag. Doch wenn bei der Suche nach etwas anderem große Geldbeträge entdeckt wurden, hatte der Zoll das Recht, sich damit zu beschäftigen.