Manchmal konnte Egress Erfolge vorweisen - gelegentlich sogar sensationelle. Aber so etwas passierte nie, wenn Amsler Dienst hatte, und das war ein Grund, warum er für dieses Programm nur wenig Begeisterung aufbringen konnte. Aber trotzdem war Egress dafür verantwortlich, daß er und zwei andere Inspektoren an diesem Abend in Opa Locka herumliefen, obwohl es bis jetzt weniger Auslandsflüge gegeben hatte als gewöhnlich und es unwahrscheinlich war, daß noch viele kamen.
Eins dieser wenigen Flugzeuge traf eben letzte Startvorbereitungen - ein Learjet aus Teterboro, der vor wenigen Minuten seinen Flugplan nach Bogota in Kolumbien durchgegeben hatte. Amsler war nun auf dem Weg zum Hangar Eins, um sich die Maschine anzusehen.
Opa Locka war, im Gegensatz zum übrigen Südflorida, ein sehr unattraktiver Ort. Sein Name leitete sich aus einem Wort der Seminole Indianer ab, opatishawockalocka, was hoher, trockener Hügel bedeutete. Die Beschreibung paßte, wie auch die modernere des Schriftstellers T. D. Allman, der Opa Locka ein verarmtes »Getto« nannte, das aussah wie »ein seit langem verlassener und verwüsteter Vergnügungspark«. Der benachbarte Flugplatz hatte, trotz des regen Flugverkehrs, nur wenige Gebäude, und das trockene, flache Gelände auf der Spitze des natürlichen Hügels wirkte fast wie eine Wüste.
In dieser Wüste war der Hangar Eins eine Oase.
Er war untergebracht in einem modernen, attraktiven weißen Gebäude, das darüber hinaus noch einen Luxusterminal beherbergte, in dem die Privatmaschinen, ihre Passagiere und Piloten versorgt wurden.
Siebzig Leute arbeiteten in Hangar Eins, und ihre Pflichten reichten von Reinigungsarbeiten im Inneren der Flugzeuge über das Wiederauffüllen der Bordküchen mit Speisen und Getränken bis hin zu mechanischen Wartungsarbeiten - kleinere Reparaturen und gründliche Überholungen. Andere kümmerten sich um die VIP-Lounges, die Duschen und um einen Konferenzsaal, der mit audiovisuellen Geräten, Telex, Telefax und Kopierern ausgestattet war.
Auf der anderen Seite einer fast, aber doch nicht ganz unsichtbaren Linie gab es ähnliche Einrichtungen für die Piloten und zusätzlich einen mit allen technischen Hilfsmitteln ausgestatteten Flugplanungsbereich. In diesem Bereich ging nun Zollinspektor Wally Amsler auf Underbill, den Piloten des Learjet, zu, der gerade einen Ausdruck mit Wetterdaten studierte.
»Guten Abend, Captain. Soviel ich weiß, fliegen Sie nach Bogota.«
Underbill sah hoch, und der Anblick der Uniform überraschte ihn nicht besonders. »Das stimmt.«
In Wirklichkeit entsprachen weder diese Antwort noch die Angaben im Flugplan der Wahrheit. Das eigentliche Ziel des Learjet war eine Staubpiste in den Anden in der Nähe von Sion in Peru, und es war beabsichtigt, nonstop dorthin zu fliegen. Aber die Instruktionen, die Underbill erhalten hatte und für deren Befolgung er äußerst großzügig entlohnt wurde, legten ausdrücklich fest, daß er Bogota als Flugziel angeben mußte. Im Prinzip war die Sache ohne Bedeutung, denn sobald er, und das war kurz nach dem Start, den Bereich der amerikanischen Luftraumkontrolle verließ, konnte er fliegen, wohin er wollte, und niemand würde sich mehr für ihn interessieren oder ihn überprüfen.
»Wenn Sie nichts dagegen haben«, sagte Amsler höflich, »möchte ich gerne Ihre Maschine und Ihre Passagiere kontrollieren.«
Underbill hatte etwas dagegen, aber er wußte, daß es sinnlos war, es auch zu sagen. Er hoffte nur, daß seine Passagiere, dieses komische Quartett, den Zollbeamten zufriedenstellen konnten, damit er seine Starterlaubnis bekam und endlich abheben konnte. Doch was ihm eigentlich Sorgen machte, waren nicht die Passagiere, sondern seine mögliche Verwicklung in eine Sache, von der er ja gar nichts wußte.
Denis Underbill hatte den Verdacht, daß an den Särgen etwas ungewöhnlich, vielleicht sogar illegal war. Er vermutete, daß sie entweder etwas anderes als Leichen enthielten, oder wenn Leichen, dann die von Opfern eines peruanischkolumbianischen Bandenkriegs, die außer Landes geschafft wurden, bevor die US-Behörden etwas merkten. Keinen Augenblick hatte er die Geschichte der Unfallopfer und der trauernden Familie geglaubt, die man ihm in Bogota bei den Verhandlungen über diesen Charterflug erzählt hatte. Wenn die Geschichte stimmte, warum dann die ganze Heimlichtuerei? Underbill war sich auch ziemlich sicher, daß zumindest zwei der Leute an Bord bewaffnet waren. Warum also dieser offensichtliche Versuch, das zu vermeiden, was nun passierte -eine Kontrolle durch den amerikanischen Zoll?
Obwohl Underbill der Learjet nicht gehörte - der Besitzer war ein reicher Geschäftsmann aus Kolumbien, wo die Maschine auch registriert war -, arbeitete er doch fast in eigener Regie und erhielt neben seinem Gehalt plus Spesen noch eine großzügige Profitbeteiligung. Sein Arbeitgeber wußte, da war sich Underbill ziemlich sicher, daß Aufträge dieser Art manchmal die Grenze des Legalen überschritten, aber offensichtlich vertraute der Mann darauf, daß Underbill mit solchen Situationen umgehen konnte und sein Flugzeug nicht in Gefahr brachte.
Underbill dachte nun an dieses Vertrauen und auch an sein finanzielles Interesse, und er beschloß, das Märchen von den Unfallopfern zu benützen, in der Hoffnung, damit sich selbst und das Flugzeug aus allem, was noch passieren mochte, heraushalten zu können.
»Es ist ein trauriger Anlaß«, sagte er dem Zollbeamten und erzählte die Geschichte, die er in Bogota gehört hatte und die, ohne das Underbill das wußte, von den Unterlagen in Miguels Besitz gestützt wurde.
Amsler hörte unverbindlich zu und erwiderte dann: »Gehen wir, Captain.«
Amsler kannte Typen wie Underbill und war nicht beeindruckt. Er hielt den Piloten für einen Glücksritter, der gegen entsprechende Bezahlung jede Fracht an jeden Ort flog und sich dann, falls Probleme auftauchten, als unschuldiges Opfer hinstellte, das von seinen Auftraggebern getäuscht wurde. In Amslers Augen waren Leute wie dieser Pilot allzuoft Gesetzesbrecher, die meistens auch noch ungeschoren davonkamen.
Gemeinsam gingen sie vom Hauptgebäude des Hangar Eins zu dem unter einem Vordach abgestellten Learjet 55LR. Die Seitentür der Maschine war offen, und Underhill stieg dem Inspektor voraus die Stufen hinauf in die Passagierkabine. »Lady and Gentlemen«, verkündete er, »wir haben freundlichen Besuch vom amerikanischen Zoll.«
In den fünfzehn Minuten seit der Landung waren die Medellin-Leute auf Miguels Befehl hin an Bord geblieben. Nachdem die Turbinen abgeschaltet waren und die beiden Piloten das Flugzeug verlassen hatten - Underhill, um den Flugplan anzumelden, Faulkner, um das Auftanken zu überwachen -, setzte sich Miguel mit den drei anderen zu einem ernsten Gespräch zusammen.
Er warnte sie vor der Gefahr einer Zollinspektion und schärfte ihnen ein, sich strikt an die vereinbarten Rollen in ihrer Tarngeschichte zu halten. Eine gewisse Anspannung lag in der Luft, vielleicht sogar ein wenig Angst, aber alle signalisierten ihre Bereitschaft. Socorro steckte sich mit Hilfe des Spiegels in ihrem Schminkkoffer wieder Pfefferkörner unter die unteren Lider, und ihre Augen füllten sich fast augenblicklich mit Tränen. Rafael weigerte sich diesmal, doch Miguel ließ ihn gewähren. Baudelio hatte seine Kontrollgeräte bereits versteckt, jedoch nicht, ohne sich zuvor ein letztes Mal zu vergewissern, daß die drei Opfer noch immer in tiefer Betäubung lagen und sich in den nächsten ein oder zwei Stunden nicht rühren würden, falls er sie unbeaufsichtigt lassen mußte.
Miguel machte deutlich, daß vorwiegend er reden würde. Die anderen sollten nur auf sein Stichwort hin etwas sagen.
Nach diesen Vorbereitungen war es für keinen mehr ein besonderer Schock, als Underhill den Zoll ankündigte und hinter ihm ein Beamter erschien.
»Guten Abend, Leute.« Amsler gab sich ebenso freundlich wie zuvor schon bei Underhill. Doch gleichzeitig sah er sich um und registrierte die Särge, die auf der einen Seite der Kabine festgezurrt waren, und die Passagiere auf der anderen Seite, von denen drei saßen und einer, Miguel, stand.