Miguel antwortete: »Guten Abend, Officer.« Er hatte ein Bündel Papiere und vier Pässe in der Hand. Die Pässe hielt er dem Beamten als erstes entgegen.
Amsler nahm sie, sah sie aber nicht an, sondern fragte: »Wo fliegen Sie hin, und was ist der Anlaß für diesen Flug?«
Da Amsler den Flugplan gesehen hatte, kannte er das Flugziel bereits und von Underbills Bericht auch den Anlaß. Aber es war typisch für die Beamten von Zoll und Einwanderungsbehörde, daß sie die Leute gleich am Anfang zum Reden brachten; manchmal enthüllten ihre Art oder gewisse Anzeichen von Nervosität mehr als die eigentliche Antwort.
»Es ist eine tragische Reise, Officer, die Trauer hat diese früher so glückliche Familie überwältigt.«
»Und Sie, Sir? Wie heißen Sie?«
»Meine Name ist Pedro Palacios. Ich bin ein enger Freund der Familie und hierhergekommen, um den Trauernden in der Not beizustehen.« Miguel benutzte den neuen Decknamen, auf den sein kolumbianischer Paß lautete. Der Paß war echt, und das Bild wirklich von ihm, aber der Name und die anderen Einträge, darunter ein erst wenige Tage zuvor eingestempeltes US-Einreisevisum, waren geschickte Fälschungen. »Meine Freunde haben mich gebeten, für sie zu sprechen, da ihr Englisch leider nicht ausreichend ist.«
Amsler betrachtete die Pässe in seiner Hand, suchte Miguels heraus und verglich das Foto mit dem Gesicht des Mannes. »Ihr Englisch ist ausgezeichnet, Senor Palacios.«
Miguel überlegte nur kurz und antwortete dann selbstbewußt: »Ich habe einen Teil meiner Ausbildung in Berkeley absolviert. Dieses Land liebe ich sehr. Wenn es nicht ein so trauriger Anlaß wäre, würde ich mich glücklich schätzen, hier zu sein.«
Amsler schlug die anderen Pässe auf und verglich die Fotos mit den Anwesenden. Dann sprach er Socorro an: »Madam, haben Sie verstanden, worüber wir eben sprachen?«
Socorro hob ihr tränenüberströmtes Gesicht. Ihr Herz schlug schnell. Stockend, ihr für gewöhnlich flüssiges Englisch unterdrückend, antwortete sie: »Ja... ein wenig.«
Amsler nickte und wandte sich wieder an Miguel. »Erzählen Sie mir davon.« Er deutete auf die Särge.
»Ich habe alle notwendigen Papiere... «
»Die sehe ich mir später an. Erzählen Sie erst einmal.«
Miguel gab seiner Stimme einen erstickten Klang. »Es war ein furchtbarer Unfall. Die Schwester dieser Dame, deren kleiner Sohn und ein älterer Herr, der ebenfalls zur Familie gehörte, waren hier auf Urlaub. Es passierte auf der Autobahn bei Philadelphia... Ein außer Kontrolle geratener Lastwagen kam quer über die Autobahn geschossen... stieß frontal mit dem Auto der Familie zusammen... alle Insassen wurden getötet. Es herrschte starker Verkehr zu dieser Zeit... weitere Autos kollidierten mit dem Wrack... noch mehr Tote... ein entsetzliches Feuer, das die Leichen - Mein Gott, die Leichen!«
Bei der Erwähnung der Leichen fing Socorro an zu jammern und zu schluchzen. Rafael hatte das Gesicht in den Händen vergraben, seine Schultern zuckten, und Miguel mußte zugeben, daß das noch wirkungsvoller war als Tränen. Baudelio sah einfach blaß und traurig aus.
Während er sprach, hatte Miguel den Zollinspektor sehr aufmerksam beobachtet. Aber der Mann zeigte keine Regung, er stand nur einfach da und hörte mit unergründlicher Miene zu. Nun streckte ihm Miguel die restlichen Unterlagen entgegen. »Es steht alles hier. Bitte, Officer, ich flehe Sie an - lesen Sie selbst.«
Diesmal nahm Amsler die Papiere und blätterte sie durch. Die Totenscheine schienen in Ordnung zu sein, und ebenso die behördliche Freigabe und die Einfuhrgenehmigung für Kolumbien. Dann las er die Zeitungsausschnitte, und bei den Worten »...verbrannte und bis zur Unkenntlichkeit verstümmelte Leichen...« drehte sich ihm der Magen um. Als nächstes kamen die Fotos. Ein flüchtiger Blick genügte, und er steckte sie wieder weg. Ihm fiel ein, daß er ja eigentlich daran gedacht hatte, sich krank zu melden. Warum zum Teufel hatte er das bloß nicht getan? Im Augenblick war ihm schon ganz übel, und der Gedanke an das, was er nun tun mußte, machte ihn noch kranker.
Miguel, der den Inspektor ansah, hatte keine Ahnung, daß Amsler sich genauso unbehaglich fühlte wie er selbst, wenn auch aus anderen Gründen.
Wally Amsler zweifelte nicht an dem, was er bis jetzt gehört und gesehen hatte. Die Papiere waren in Ordnung, Zeitungsausschnitte und Fotos bestätigten die Geschichte, und kein Mensch, so dachte er, konnte die Trauer, die er hier erlebte, nur vortäuschen. Amsler war selbst ein anständiger Familienvater, er hatte Mitleid mit diesen Leuten und wünschte sich, er könne sie einfach abfliegen lassen. Aber das war nicht möglich. Das Gesetz schrieb vor, daß die Särge geöffnet und inspiziert werden mußten, und genau das war der Grund für seinen Kummer.
Denn Wally hatte eine Schwäche. Er konnte den Anblick von Leichen nicht ertragen, und schon der Gedanke, die verstümmelten Überreste ansehen zu müssen, die Palacios selbst und danach der Zeitungsausschnitt erwähnt hatten, erfüllte ihn mit Entsetzen.
Angefangen hatte das Problem damit, daß man Wally als achtjährigen Jungen zwang, seine tote Großmutter, die bereits im Sarg lag, zu küssen. Bei der Erinnerung an das wächserne, leblose Fleisch, das er mit den Lippen berühren mußte, obwohl er protestierend und schreiend um sich schlug, lief ihm noch heute ein Schauer über den Rücken. Von da an wollte Wally nie mehr in seinem Leben eine Leiche sehen. Als Erwachsener erfuhr er dann, daß die Psychiatrie einen Namen für seine Abneigung hatte - Nekrophobie. Doch das half ihm auch nichts. Er wollte nur, daß man ihm die Leichen vom Hals hielt.
Nur ein einziges Mal hatte er in seinen vielen Jahren als Zollinspektor dienstlich mit einem Toten zu tun gehabt. Damals traf spätnachts die Leiche eines Amerikaners aus dem Ausland ein. Amsler arbeitete in dieser Nacht alleine. Im Paß des Verstorbenen war dessen Gewicht mit siebzig Kilo angegeben. Doch das Frachtgut wog über einhundertvierzig Kilo. Auch wenn man das Gewicht des Sargs und des Containers abrechnete, war der Unterschied noch sehr verdächtig, und Amsler ließ deshalb widerwillig den Sarg öffnen. Das Resultat war entsetzlich.
Der Tote im Sarg war fett, er hatte seit der Ausstellung des Passes enorm zugenommen. Doch schlimmer war noch, daß der Tod und eine verpfuschte Einbalsamierung die Leiche fürchterlich aufgebläht hatten; auch hatte die Verwesung bereits eingesetzt, was einen ekelerregenden Gestank verursachte. Als Amsler diesen abscheulichen Geruch einatmete, konnte er gerade noch mit einer verzweifelten Handbewegung andeuten, man solle den Sarg wieder schließen. Dann lief er hinaus und übergab sich. Noch Tage danach war ihm übel, der entsetzliche Gestank ging ihm nicht mehr aus der Nase; und nun kehrte die Erinnerung an diese Abscheulichkeiten zurück.
Doch stärker als diese Erinnerung und stärker als seine Ängste war sein unerbittliches Pflichtbewußtsein. Und deshalb sagte er zu Migueclass="underline" »Es tut mir aufrichtig leid, aber die Vorschriften verlangen eine Öffnung der Särge.«
Genau das hatte Miguel am meisten befürchtet. Er machte noch einen letzten Versuch, den Beamten mit einem Appell an den gesunden Menschenverstand zu überzeugen. »Officer, bitte! Ich flehe Sie an. Es ist doch so schon genug Schmerz, genug Leid. Wir sind Freunde Amerikas. Man wird doch um des Mitleids willen eine Ausnahme machen können.«
Er wandte sich in Spanisch an Socorro: »El hombre quiere abrir los ataüdes.«
Sie schrie entsetzt auf: »Ay, no! Madre de Dios, no!«
»Le suplicamos, senor. En el nombre de decencia, por favor, no!« flehte nun auch Rafael.
Baudelio flüsterte mit aschfahlem Gesicht: »Por favor, no lo haga, senor! No lo haga!«