Ohne die Sätze im einzelnen zu verstehen, begriff Amsler doch das wesentliche von dem, was er eben gehört hatte. Er wandte sich an Migueclass="underline" »Bitte sagen Sie Ihren Freunden, daß ich die Vorschriften nicht gemacht habe. Es macht mir nicht immer Spaß, sie auszuführen, aber es ist meine Arbeit und meine Pflicht.«
Miguel hatte bereits resigniert. Es war sinnlos, diese Farce weiterzuspielen. Der Augenblick der Entscheidung war gekommen.
Der Idiot vom Zoll plapperte weiter. »Ich schlage vor, die Särge aus dem Flugzeug zu nehmen und sie an einen ungestörten Ort zu bringen. Ihr Pilot kann das arrangieren. Er kann von Hangar Eins Hilfe anfordern.«
Miguel wußte, daß er das nicht zulassen durfte. Die Särge durften das Flugzeug auf keinen Fall verlassen. So blieb ihm noch ein Ausweg - Waffengewalt. Sie hatten es nicht bis hierher geschafft, um jetzt vor einem einzigen Zollbeamten, diesem cabrön, zu kapitulieren; er würde den Mann entweder töten oder ihn gefangennehmen und in Peru exekutieren. Die nächsten Sekunden würden das entscheiden. Man mußte auch die Piloten mit Waffengewalt in Schach halten, denn sonst könnten sie sich, aus Angst vor Konsequenzen, weigern zu starten. Miguel ließ die Hand unter die Jacke gleiten. Er spürte die Makarow 9 mm, die er bei sich trug, und entsicherte sie. Er warf Rafael einen flüchtigen Blick zu, der große Mann nickte. Socorro hatte die Hand bereits in ihrer Tasche.
»Nein«, sagte Miguel. »Die Särge bleiben, wo sie sind.« Er veränderte leicht seine Position, so daß er zwischen dem Beamten, den beiden Piloten und der offenen Tür stand. Seine Finger schlossen sich um die Pistole. Es war soweit. Jetzt!
In diesem Augenblick, eine fremde Stimme: »Echo eins-sieben-zwei. Sector.«
Die Stimme überraschte jeden außer Wally Amsler, der an die Meldungen aus dem Walkie-Talkie an seinem Gürtel gewöhnt war. »Sector, hier Echo eins-sieben-zwei.«
»Echo eins-sieben-zwei«, kam krächzend eine Männerstimme. »Verlassen Sie Ihren augenblicklichen Einsatzort, und melden Sie sich unverzüglich über Telefon bei Lima zwei-sechs-acht auf vier-sechs-sieben vierundzwanzig vierundzwanzig. Vermeiden Sie jeden Funkkontakt, wiederhole, kein Funkkontakt.«
»Sector. Zehn-vier. Echo eins-sieben-zwei verstanden und over.« Während Amsler seine Bestätigung durchgab, hatte er Mühe, sich seine Erleichterung nicht an der Stimme anmerken zu lassen. Im allerletzten Augenblick war die Rettung gekommen - ein deutlicher Befehl, den er befolgen mußte. Lima zwei-sechs-acht war der Code des Einsatzleiters für das Einzugsgebiet von Miami, und »unverzüglich« bedeutete in der Ausdrucksweise seines Vorgesetzten: »Setz deinen Arsch in Bewegung!« Amsler kannte auch die Telefonnummer, die man ihm durchgegeben hatte, es war die der Frachtabteilung von Miami International.
Die Nachricht bedeutete höchstwahrscheinlich, daß der Zoll einen Hinweis auf einen hereinkommenden Flug mit Schmuggelware erhalten hatte - die meisten Fahndungserfolge kamen auf diese Weise zustande - und daß man Amsler als Verstärkung benötigte. Und um diesen Hinweis geheimzuhalten, hatte er den Befehl, nicht sein Funkgerät, sondern ein Telefon zu benutzen. Nun mußte er so schnell wie möglich zum nächsten Apparat.
»Man hat mich abberufen, Senor Palacios«, sagte er. »Ich gebe Ihren Flug frei, Sie können starten.«
Während Amsler hastig die notwendigen Unterlagen ausfüllte, merkte er gar nicht, daß die Spannung in der Kabine plötzlich nachließ und sich nicht nur unter den Passagieren, sondern auch den Piloten Erleichterung ausbreitete. Underhill und Miguel wechselten Blicke. Dem Piloten waren die Vorbereitungen zum Waffeneinsatz nicht entgangen, und er fragte sich nun, ob er vor dem Abflug die Aushändigung der Pistolen verlangen sollte. Doch als er Miguels eisigem Blick begegnete, beschloß er, es lieber sein zu lassen. Verzögerungen und Komplikationen hatte es schon genug gegeben. Er zog es vor, so schnell wie möglich zu starten.
Als Amsler wenige Augenblicke später auf den Hangar Eins und das nächste Telefon zulief, hörte er, wie sich die Tür des Learjets schloß und die Turbinen angeworfen wurden. Er war froh, diese Episode hinter sich zu haben, und fragte sich schon, was ihn am Miami International erwartete. Vielleicht die große, entscheidende Sache, auf die er schon so lange hoffte?
Weit oben schwebte der Learjet 55LR durch die Nacht, der Luftraum der Vereinigten Staaten lag bereits hinter ihm, und er nahm Kurs auf Sion in Peru.
Dritter Teil
1
Arthur Nalesworth, der umgängliche, würdevolle Onkel Arthur, wie er inzwischen genannt wurde, war in seinen jüngeren Jahren bei CBA News ein wichtiger Mann gewesen. In den drei Jahrzehnten beim Sender hatte er sich zu einer ganzen Reihe von Spitzenpositionen hochgearbeitet. So war er unter anderem Vizepräsident der Abteilung Internationale Nachrichten, Studioleiter der National Evening News und sogar Vizedirektor der gesamten Nachrichtenabteilung. Dann verließ ihn das Glück, und er wurde, wie viele andere vor und nach ihm, mit achtundfünfzig Jahren auf ein Nebengleis abgeschoben. Man gab ihm zu verstehen, daß für ihn die Tage der Macht vorüber seien und daß er wählen könne zwischen einem frühen Ruhestand oder einer Stellung ohne Einfluß und Befugnisse.
Die meisten, die vor dieser Entscheidung standen, wählten aus Stolz den Ruhestand. Arthur Nalesworth, der wenig Eigendünkel, aber ein breitgestreutes philosophisches Wissen besaß, wollte weitermachen, ganz gleich in welcher Position. Da der Sender diese Entscheidung nicht erwartet hatte, mußte erst einmal eine Beschäftigung für ihn gefunden werden. Inzwischen gab man bekannt, daß er den Titel Vizepräsident behalten würde.
Wie Onkel Arthur selbst es später einmal treffend formulierte: »Hier bei uns gibt es drei Arten von Vizepräsidenten - solche, die arbeiten und ihr Geld wert sind, solche, die nichts tun, aber den Kopf für die hinhalten, die über ihnen stehen, und die >gewesenen< Vizepräsidenten, die nur noch für Heftklammern verantwortlich sind, und ich bin einer von denen.«
Wenn man etwas nachbohrte, erzählte er weiter: »Es gibt eine Sache, auf die sich diejenigen von uns, die in diesem Geschäft Erfolg haben, vorbereiten sollten, es aber meistens nicht tun, und das ist der Tag, an dem wir aufhören, wichtig zu sein. Noch bevor wir den Gipfel erreichen, sollten wir daran denken, daß man uns, schneller als wir glauben, abstürzen läßt, vergißt und durch Jüngere und wahrscheinlich auch Bessere ersetzt. Natürlich« - und an dieser Stelle zitierte er gerne Tennysons Ulysses - »Der Tod schließt alles ab. Doch manchem sei kurz vor dem Ende die letzte ehrenvolle Tat gewährt....«
Es war für beide, den Sender und Onkel Arthur selbst, unerwartet und überraschend, daß er, nachdem er den Zenit seiner Karriere überschritten hatte, doch noch seine ehrenvolle Tat fand.
Sie hatte mit jungen Leuten zu tun, die Arbeit suchten.
Für viele, die beim Fernsehen Macht und Einfluß hatten, war es eine Last und oft auch ein Dilemma, wenn ihnen einen ganze Reihe von Leuten - Freunde, Verwandte, Geschäftskontakte, Politiker, Allgemeinärzte, Zahnärzte, Augenärzte, Börsenmakler, Partygäste und unzählige andere - immer die gleiche Frage stellten: »Können Sie meinem Sohn/meiner Tochter/meinem Neffen/meiner Nichte/meinem Patenkind/ Schüler/Schützling helfen, beim Fernsehen Arbeit zu bekommen?«
Es gab Tage, vor allem kurz nach den Prüfungsterminen der Colleges, da mußte es denen, die bereits im Geschäft waren, so vorkommen, als wolle eine ganze Generation junger Leute die Türen einschlagen und die Sender stürmen.
Einige dieser Möchtegern-Sponsoren konnte man bedenkenlos abwimmeln, aber bei weitem nicht alle. Zu denen, die man nicht abwimmeln konnte, gehörten wichtige Werbekunden oder deren Agenturen, Mitglieder des Aufsichtsrats von CBA, Leute aus Washington mit guten Beziehungen zum Weißen Haus oder zum Capitol Hill, sonstige Politiker, die man nicht brüskieren durfte, wichtige Nachrichtenlieferanten und noch viele andere mehr.