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Zu VOA-Zeiten - die Abkürzung stand für »Vor Onkel Arthur« - verbrachten die CBA-Manager mehr Zeit, als sie eigentlich sollten, damit, sich gegenseitig anzurufen, nach freien Stellen zu fragen und dann diejenigen zu besänftigen, deren Söhne, Töchter und so weiter nicht vermittelt werden konnten.

Doch inzwischen wir das anders. In seiner neuen Stellung, zunächst eher eine Verlegenheitslösung des CBA-Management gewesen war, hatte Arthur Nalesworth dafür zu sorgen, daß seinen Kollegen diese Mühe erspart blieb.

Wenn nun eins der hohen Tiere im Sender vom Fürsprecher eines Fernsehaspiranten angesprochen wurde, konnte er antworten: »Natürlich kann ich Ihnen helfen. Wir haben hier einen Vizepräsidenten, der sich ausschließlich um intelligente junge Leute kümmert. Sagen Sie Ihrem Kandidaten, er soll diese Nummer anrufen und meinen Namen erwähnen. Er oder sie wird dann einen Termin für ein Gespräch bekommen.«

Zu einem solchen Gespräch kam es immer, weil Arthur Nalesworth, in dem winzigen, fensterlosen Büro, das man ihm zugewiesen hatte, mit wirklich jedem sprach. So viele Bewerbungsgespräche hatte es noch nie gegeben, und keins lief unter einer Stunde ab. Es entstand ein reges Frage- und Antwortspiel über weitgefächerte Themenbereiche, man vertraute sich einander an. Am Ende verließen die Leute den Sender mit einem guten Gefühl, wenn auch, wie es meistens der Fall war, ohne Arbeit, und Nalesworth hatte umfassende Einsichten in Persönlichkeit und Fähigkeiten des jungen Menschen gewonnen, der ihm eben gegenübergesessen hatte. Zuerst lächelte man in der Nachrichtenabteilung nur über Anzahl und Dauer der Gespräche, man sprach von »Zeit totschlagen« und der »Schaffung einer Hausmacht«. Und weil Nalesworth jeden Bewerber freundlich ermutigte, bürgerte sich sehr bald auch der Spitzname »Onkel Arthur« ein.

Aber allmählich wich die Skepsis einem anfangs nur sehr widerwillig zugestandenem Respekt, der vor allem darauf beruhte, daß sich die auf Onkel Arthurs Betreiben eingestellten jungen Leute sehr schnell und sehr erfolgreich in die Nachrichtenabteilung eingliederten. Mit der Zeit wurde eine Empfehlung durch Onkel Arthur zu einer Auszeichnung, die fast so viel wert war wie ein Diplom.

Nun, da Onkel Arthur schon beinahe fünfundsechzig und nur noch fünf Monate vom normalen Pensionsalter entfernt war, überlegte man sich in der Führungsriege der Nachrichtenabteilung, ob man ihn nicht bitten sollte zu bleiben. Plötzlich und zur Überraschung aller war Arthur Nalesworth noch einmal wichtig geworden.

Und deshalb traf Onkel Arthur am Sonntagmorgen der dritten Septemberwoche in der Zentrale von CBA News ein, um seinen Teil zur Suche nach Jessica, Nicholas und Angus Sloane beizutragen. Wie Les Chippingham ihm am Abend zuvor am Telefon aufgetragen hatte, ging er in den Konferenzraum der Spezialeinheit, wo Partridge, Rita und Teddy Cooper ihn begrüßten.

Der Mann, dem sie nun gegenüberstanden, war breitschultrig, untersetzt und kräftig, er hatte ein pausbackiges Gesicht und dichte, sorgfältig gekämmte und gescheitelte, silbergraue Haare. Er wirkte sehr selbstbewußt und gelöst. Da der Sonntag kein normaler Arbeitstag war, trug Onkel Arthur statt seines gewohnten dunklen Anzugs ein braunes Sakko aus HarrisTweed, eine hellgraue Hose mit einer rasiermesserscharfen Bügelfalte, eine Fliege und auf Hochglanz polierte Straßenschuhe.

Onkel Arthurs Art zu reden erinnerte fast etwas an Churchill. Ein Kollege hatte einmal bemerkt, wenn Arthur Nalesworth seine Meinung ausdrücke, habe man den Eindruck, seine Worte in Stein gemeißelt vor sich zu sehen.

Nachdem er Partridge und Rita die Hand gegeben und man ihm Cooper vorgestellt hatte, sagte Onkel Arthur: »Ihr braucht also sechzig meiner intelligentesten und besten Leute - falls ich so viele in so kurzer Zeit überhaupt zusammentrommeln kann. Aber zuerst würde ich vorschlagen, daß ihr mir erzählt, worum es eigentlich geht.«

»Das macht Teddy«, sagte Partridge und deutete auf Cooper.

Onkel Arthur hörte aufmerksam zu, während der britische Rechercheur von ihren Versuchen, die Entführer zu identifizieren, und von der Sackgasse, in der sie im Augenblick steckten, erzählte. Cooper umriß dann in groben Zügen seinen Vorschlag, die Immobilienanzeigen sämtlicher in Frage kommender Zeitungen zu durchforsten und so vielleicht den Unterschlupf der Entführer aufzuspüren.

»Wir alle wissen, daß es eine unsichere Sache ist, Arthur«, fügte Partridge hinzu. »Aber im Augenblick haben wir nichts Besseres.«

»Ich weiß aus Erfahrung«, erwiderte Onkel Arthur, »daß man sich, wenn man sonst nichts hat, am besten an genau diese unsicheren Sachen hält.«

»Ich bin froh, daß Sie auch so denken, Sir.«

Onkel Arthur nickte. »Obwohl man dabei selten genau das findet, was man sucht, stolpert man oft über etwas anderes, das einem ebenso weiterhilft.« Dann fügte er, an Cooper gewandt, hinzu: »Sie werden feststellen, junger Mann, daß viele der jungen Leute, die ich jetzt gleich anrufen werde, ebenso beherzt an die Dinge herangehen wie Sie selbst.«

Cooper begleitete Onkel Arthur in dessen kleines Büro, wo der Ältere Akten und Karteikarten über den ganzen Tisch ausbreitete. Dann begann er zu telefonieren - eine lange Reihe von Anrufen, die alle nach ähnlichem Muster abliefen und doch irgendwie persönlich klangen, so als würde ein alter Freund anrufen.

»Also Ian, du wolltest doch jede, auch noch so kleine Chance wahrnehmen, um bei uns einzusteigen. Na, und diese Chance ist jetzt da.« - »Nein, Bernard, ich kann dir nicht garantieren, daß aus diesen vierzehn Tagen Arbeit etwas auf Dauer wird, aber versuch's doch einfach mal.« - »Du hast ja recht, Pamela, daß so ein Gelegenheitsjob für eine Diplomjournalistin nicht gerade viel ist. Aber vergiß nicht, daß einige der größten Namen im Fernsehen auch mal als Laufburschen angefangen haben.« - »Ja, Howard, ich weiß, daß fünf Dollar fünfzig kein Riesengeld sind. Aber wenn es dir nur darum geht, vergiß die Journalistenkarriere und geh an die Wall Street.« - »Felix, ich verstehe ja, daß es dir im Augenblick zeitlich schlecht paßt. Aber wenn du beim Fernsehen Karriere machen willst, mußt du bereit sein, notfalls sogar deine Frau an ihrem Geburtstag sitzenzulassen.« - »Du darfst nicht vergessen, Erskine, daß die Erwähnung eines Sonderauftrags für CBA in deinem Lebenslauf durchaus von Vorteil sein kann.«

Nach einer Stunde und zwölf Anrufen hatte Onkel Arthur sieben sichere Zusagen von Leuten, die gleich am nächsten Tag mit der Arbeit beginnen konnten, und ein »wahrscheinlich«. Er arbeitete sich weiter geduldig durch seine Listen.

Zwischendurch rief er seinen alten Freund und Dekan an der Columbia School of Journalism, Professor Kenneth K. Goldstein, an. Onkel Arthur erklärte ihm das Problem, und der Professor war sofort zur Mithilfe bereit.

Während beide Männer wußten, daß Studenten, die noch vor dem Examen standen, wegen des enormen Lernpensums nicht in Frage kamen, schien es doch möglich, daß Graduierte, die gerade an ihrem Diplom arbeiteten, Interesse und Zeit hatten. Dasselbe galt für frisch Graduierte, die noch keine Beschäftigung gefunden hatten.

»Wir werden den Leuten hier erklären, daß es sich bei der Sache um einen Notfall handelt«, sagte der Professor. »Ich rufe dich später zurück und hoffe, dir dann schon ein paar Namen nennen zu können.«

»Lang lebe Columbia!« rief Onkel Arthur, verabschiedete sich und machte sich wieder an seine Liste.

Teddy Cooper kehrte unterdessen in den Konferenzraum zurück, um für die Hilfskräfte, die bereits am nächsten Tag eintreffen sollten, einen Einsatzplan auszuarbeiten. Seine beiden Assistenten halfen ihm dabei, und zu dritt brüteten sie über dem Editor und Publisher International Year Book, über Landkarten und Telefonbüchern; sie suchten Bibliotheken und Zeitungsredaktionen heraus und stellten Routen und Terminpläne zusammen.