Nebenbei skizzierte Cooper die Kriterien, nach denen die Rechercheure beim Durchsuchen von über einhundertsechzig Zeitungen vorgehen sollten. Und welche Kriterien waren das?
Neben der Grundbedingung, daß sich das Anwesen im Umkreis von fünfundzwanzig Meilen um Larchmont befinden mußte, notierte Cooper folgende Punkte:
- Ein relativ einsames Anwesen in einer wenig besiedelten Gegend, das den Entführern die Möglichkeit bietet, zu kommen und zu gehen, wann sie wollen, ohne Aufsehen zu erregen. Objekte in dichtbesiedelten Gebieten mit hohem Verkehrsaufkommen sind auszuschließen.
- Bei dem Objekt handelt es sich wahrscheinlich um eine kleine ehemalige Fabrik, ein Lagerhaus oder ein großes Wohnhaus. Falls Wohnhaus, dann vermutlich ein altes, heruntergekommenes, für das wenig Nachfrage besteht. Wahrscheinlich mit Nebengebäuden, die groß genug sind, um sechs Fahrzeuge und eine Lackierwerkstatt unterzubringen. Möglicherweise auch ein verlassenes Farmhaus. Da auch andere, vergleichbare Objekte in Frage kommen, sind Eigeninitiative und Phantasie bei der Suche gefragt!
- Wohnraum für mindestens vier oder fünf Leute plus zusätzliche Unterbringungsmöglichkeiten. Da auf normale Wohnbedingungen vermutlich kein Wert gelegt wurde, muß der Wohnraum in der Anzeige nicht unbedingt erwähnt sein. (Mit den »zusätzlichen Unterbringungsmöglichkeiten« meinte Cooper Möglichkeiten zur Inhaftierung der Entführungsopfer, wollte es jedoch nicht so deutlich sagen.)
- Das Objekt kommt für Leute, die normalen Arbeits- oder Wohnraum suchen, wahrscheinlich nicht in Frage. Daher besonders auf Anzeigen achten, die länger inseriert waren und dann plötzlich verschwanden. Die Anzeigenwiederholung könnte ein Zeichen für mangelndes Interesse sein, das plötzliche Verschwinden könnte Anmietung bzw. Kauf für ungewöhnliche Zwecke bedeuten.
- Der Preis für Anmietung oder Kauf des Objekts ist nicht relevant. Man kann mit ziemlicher Sicherheit davon ausgehen, daß die gesuchten Personen Geld im Überfluß zur Verfügung hatten.
Das reicht, dachte Cooper. Er wollte zwar die allgemeine Richtung angeben, dabei aber die Eigeninitiative nicht allzusehr einschränken. Außerdem wollte er mit Onkel Arthurs Leuten reden, sobald sie am folgenden Morgen eintrafen, und er hatte Rita bereits gebeten, einen geeigneten Raum zu besorgen.
Zum Mittagessen traf Cooper sich mit Onkel Arthur in der Cafeteria von CBA News. Onkel Arthur entschied sich für ein Thunfischsandwich und Milch, Cooper für ein rechteckiges Stück Fleisch, das in klebriger Soße schwamm, einen kanariengelben Kuchen und - mit einem resignierten Blick -eine Tasse mit warmem Wasser und einem Teebeutel.
»Leider«, sagte Onkel Arthur entschuldigend, »ist das >21< heute geschlossen. Ein andermal vielleicht.«
Da es Sonntag war, befanden sich nur wenige Leute im Haus, und sie hatten einen Tisch für sich allein. Sobald sie saßen, begann Cooper zu sprechen. »Ich möchte Sie gerne etwas fragen, Sir... «
Mit einer Handbewegung brachte ihn Onkel Arthur zum Schweigen. »Dein britischer Respekt ist ja sehr erfrischend. Aber du bist jetzt im Land der großen Gleichmacherei, in dem das gemeine Volk Könige mit >Joe< und >He, du da< anspricht und nur noch wenige Leute >Mr.< auf den Briefumschlag schreiben. Hier nennt mich die ganze Welt nur beim Vornamen.«
»Okay, Arthur«, erwiderte Cooper etwas verlegen. »Ich wollte Sie fragen, was Sie von den heutigen Fernsehnachrichten halten, verglichen mit... «
»Verglichen mit der Zeit, als ich noch was zu sagen hatte? Meine Antwort wird dich überraschen. Sie sind viel besser. Auch die Korrespondenten und Produzenten sind heute besser als die zu meiner Zeit, mich eingeschlossen. Das kommt einfach daher, daß die Berichterstattung laufend besser wird. Das war schon immer so.«
Cooper hob die Augenbrauen. »Viele Leute denken da aber ganz anders.«
»Mein lieber Teddy, es gibt eben Leute, die an nostalgischer Verstopfung leiden. Was diese Leute brauchen, ist ein mentaler Einlauf. Eine Möglichkeit, den zu bekommen, ist ein Besuch im Museum of Broadcasting hier in New York. Ich war vor kurzen dort und habe mir ein paar alte Sendungen aus den Sechzigern angesehen. Verglichen mit den heutigen wirken die meisten schwach, ja amateurhaft, und ich meine damit nicht nur die technische Qualität, sondern auch die von Recherche und Berichterstattung.«
»Leute, die uns nicht mögen, behaupten, wir würden zu intensiv recherchieren und zu tief bohren.«
»Eine Kritik, die meistens von denen kommt, die etwas zu verbergen haben.«
Cooper lachte amüsiert auf, und Onkel Arthur fuhr fort: »Daß der Journalismus besser geworden ist, merkt man daran, daß weniger verborgen bleibt. Die meisten Betrügereien kommen ans Licht. Natürlich haben darunter auch integre Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens zu leiden. Mit dem Verlust ihrer Intimsphäre zum Beispiel. Aber der Gesellschaft ist damit im Endeffekt besser gedient.«
»Dann glauben Sie also nicht, das die Reporter von früher besser waren als die heutigen?«
»Sie waren nicht nur nicht besser, sondern ihnen fehlte es auch an der Unverfrorenheit, dem Biß und der Respektlosigkeit, die ein erstklassiger Journalist heute braucht. Natürlich waren auch die früheren Reporter nach den Maßstäben ihrer Zeit gut, einige sogar außergewöhnlich. Aber sogar denen wäre es peinlich, wenn sie sehen könnten, mit welchem Heiligenschein man sie heute umgibt.«
Cooper kniff verwundert die Augen zusammen. »Heiligenschein?«
»Oh ja. Weißt du denn nicht, daß wir Reporter unsere Berufung als Religion betrachten? Für uns sind Nachrichten doch ein >geheiligtes Gut<. Wir preisen das >goldene Zeitalter des Fernsehens< - das vergangene natürlich - und sprechen unsere Starjournalisten heilig. Bei CBS gibt's inzwischen den Heiligen Ed Murrow - der ja wirklich ganz hervorragend war, das will ich gar nicht bezweifeln. Und irgendwann wird es dann bei denen auch den Heiligen Cronkite geben, ich fürchte nur, daß Walter da zuerst sterben muß. Ein lebender Mensch kann doch die Last einer solchen Würde gar nicht aushalten. Und da ist ja nicht nur CBS. Die anderen, die jüngeren Sender werden sich mit der Zeit ihre eigenen Heiligen schaffen - ABC zum Beispiel seinen Heiligen Arledge. Schließlich hat Roone mehr als jeder andere die Nachrichten in ihrer heutigen Form geprägt.«
Onkel Arthur stand auf. »Mein lieber Teddy, es war höchst interessant, mit dir zu plaudern. Aber nun muß ich zum allgegenwärtigen Meister unseres Lebens zurückkehren, zum Telefon.«
Am Ende des Tages gab Onkel Arthur bekannt, daß sich achtundfünfzig seiner »Intelligentesten und Besten« am Montagmorgen zur Arbeit melden würden.
2
Früh am Sonntagmorgen flog der Learjet 55LR in den Luftraum der Provinz San Martin in Perus dünnbesiedelter Selva-Region ein.
Fünfeinviertel Stunden nach dem Start in Opa Locka näherte die Maschine sich nun ihrem Ziel - der Landepiste bei Sion in den Ausläufern der Anden. Die Zeit: 4 Uhr 15.
Die beiden Piloten im Cockpit saßen nach vorne gebeugt und spähten angestrengt in die Dunkelheit hinaus. Ihre Flughöhe betrug 3500 Fuß über dem Meeresspiegel, aber nur 1000 Fuß über dem Dschungelboden, der unter ihnen lag. Hohe Gebirgsketten ragten vor ihnen auf.
Vor achtzehn Minuten hatten sie den regulären Luftkorridor mit seinen verläßlichen Richtfunksignalen verlassen und zur Lokalisierung der Landepiste auf ein GNS-5OO VLF-Navigationssystem umgeschaltet, das so präzise war, daß es »einen Pickel auf dem Hintern einer Fliege entdecken konnte«, wie manche Piloten meinten. Doch sobald sie in der Nähe oder über der Piste waren, mußten sie auf Signale vom Boden achten.
Sie hatten die Geschwindigkeit bereits beträchtlich reduziert, flogen aber immer noch mit mehr als 300 Knoten.
Faulkner, der Kopilot, war der erste, der das weiße Licht des Signalscheinwerfers am Boden entdeckte. Er leuchtete nur dreimal auf - lange genug für Faulkner, der im Augenblick das Flugzeug steuerte, um eine Kurve zu fliegen und Kurs auf die Lichtquelle zu nehmen.