Beim Anblick der MPs verließ Underhill der Mut. »Um Himmels willen, ist ja gut!« rief er. Dann sah er von den Waffen zu Miguel. »Sie haben sich deutlich genug ausgedrückt. Lassen Sie uns nur auftanken, und dann verschwinden wir von hier.«
Ohne die Bitte zu beachten, fauchte Miguel ihn an: »Weg vo n der Tür!« Underhill gehorchte, und Miguel nickte noch einmal. Die Waffen wurden wieder gesenkt, und vier der Männer kletterten in das Flugzeug. Der Kopilot begleitete sie und löste die Gurte von den Särgen, die nun, einer nach dem anderen, aus dem Flugzeug gehoben und zur Hütte getragen wurden. Baudelio und Socorro folgten.
Eineinhalb Stunden waren seit der Landung des Learjet vergangen. Inzwischen, wenige Minuten vor Sonnenaufgang, waren die Piste und ihre Umgebung deutlicher zu erkennen. Die Maschine war bereits für den Weiterflug nach Bogota aufgetankt. Mit Hilfe einer tragbaren Pumpe hatten die Männer den Treibstoff aus den Tonnen in den Flugzeugtank eingefüllt. Underhill suchte nun Miguel, um ihn über den bevorstehenden Abflug zu informieren.
Miguel und die anderen seien in der provisorischen Hütte, gab Gustavo ihm mit einem Zeichen zu verstehen. Underhill ging darauf zu.
Die Tür war nur angelehnt, und da er von drinnen Stimmen hörte, stieß der Pilot sie auf. Im nächsten Augenblick blieb er wie erstarrt stehen, entsetzt über den Anblick, der sich ihm bot.
Auf dem Lehmboden der Hütte saßen, mit den Rücken zur Wand, drei Gestalten. Sie ließen die Köpfe hängen, die Münder standen offen, man sah, daß sie betäubt worden waren, aber noch lebten. Zwei der inzwischen leeren und geöffneten Särge standen zu beiden Seiten, um sie abzustützen. Eine einzige Öllampe beleuchtete die Szene.
Underhill wußte sofort, wer die drei waren. Es war unmöglich, es nicht zu wissen. Er hörte täglich die amerikanischen Nachrichten und las amerikanische Zeitungen, die er im Ausland in Flughäfen und Hotels kaufte. Aber auch die kolumbianische Presse berichtete über die Entführung der Familie des berühmten amerikanischen Nachrichtensprechers.
Angst, eiskalte Angst beschlich Denis Underhill. Er hatte schon oft in der Grauzone der Legalität gearbeitet, bei Charterflügen von und nach Lateinamerika war das unausweichlich. Aber noch nie war er in ein solches Kapitalverbrechen verwickelt gewesen. Ohne lange darüber nachdenken zu müssen, wußte er, daß er, falls seine Beteiligung am Transport dieser Leute in den USA bekannt würde, mit einer lebenslangen Freiheitsstrafe rechnen mußte.
Er wußte auch, daß die anderen in der Hütte ihn beobachteten - die drei Männer und die Frau, die von Teterboro über Opa Locka nach Sion seine Passagiere gewesen waren. Auch sie schien sein Eintreten überrascht zu haben.
In diesem Augenblick rührte sich die halb bewußtlose Frau am Boden. Sie hob schwach den Kopf. Als sie Underwood sah, schien ihr Blick plötzlich klar zu werden, und sie bewegte die Lippen, brachte aber zunächst keinen Ton hervor. Schließlich stieß sie keuchend hervor: »Hilfe... bitte helfen Sie... sagen Sie jemand...« Dann wurde ihr Blick wieder trüb, der Kopf sank ihr auf die Brust.
Aus der entfernten Ecke der Hütte kam nun hastig eine Gestalt auf Underhill zu. Es war Miguel. Er hatte eine Makarow 9mm in der Hand und schrie: »Raus!«
Mit Miguel und dessen Pistole im Rücken, verließ Underhill die Hütte. Draußen sagte Miguel beiläufig zu ihm: »Ich könnte Sie jetzt töten. Niemand würde sich darum kümmern.«
Underhill fühlte sich wie betäubt. Er zuckte mit den Achseln. »Ich bin doch eh schon erledigt. Ihr Schweine seid schuld, daß ich in diese Entführungsgeschichte verwickelt bin, und egal wie es jetzt weitergeht, es macht für mich keinen allzu großen Unterschied mehr.« Er sah auf die Makarow hinunter, sie war entsichert. Irgendwann mußte es ja so weit kommen, dachte er. Er hatte schon mehrmals in brenzligen Situationen gesteckt, und nun sah es so aus, als würde er nicht mehr davonkommen. Er kannte Typen wie diesen Palacios, oder wie immer er hieß. Ein menschliches Leben bedeutet denen nichts, die töten, wie andere in den Staub spucken. Er hoffte nur, daß der Kerl gut zielte. So wäre es wenigstens kurz und schmerzlos... Warum hatte er es eigentlich nicht schon längst getan?...Plötzlich packte Underhill trotz all dieser Überlegungen eine verzweifelte Angst. Obwohl ihm der Schweiß in Strömen über den Körper lief, zitterte er. Er öffnete den Mund, um Miguel anzuflehen, aber es hatte sich bereits zu viel Speichel angesammelt, und er brachte keinen Ton heraus.
Und dann merkte er, daß der Mann, der mit der Pistole vor ihm stand, aus irgendeinem Grund zögerte.
Miguel dachte nach. Wenn er den Pilot tötete, mußte er den Kopiloten ebenfalls umbringen, und das hieß, daß der Learjet auf der Piste stehenbleiben würde - eine Komplikation, die er ganz und gar nicht brauchen konnte. Miguel wußte auch, daß der kolumbianische Besitzer des Flugzeugs Freunde im Medellin-Kartell hatte. Und der konnte Schwierigkeiten machen...
Miguel sicherte die Pistole wieder und sagte drohend zu Underhilclass="underline" »Vielleicht haben Sie sich nur eingebildet, etwas gesehen zu haben. Vielleicht haben Sie gar nichts gesehen. Vielleicht haben Sie auf dieser ganzen Reise nichts gesehen.«
Underhills Verstand registrierte die Botschaft. Aus einem Grund, den ich nicht kenne, gibt er mir noch eine Chance. »Das stimmt. Ich habe absolut nichts gesehen«, entgegnete er hastig und atemlos.
»Verschwinden Sie jetzt mit Ihrer verdammten Maschine«, knurrte Miguel »Und danach halten Sie den Mund. Wenn Sie das nicht tun, verspreche ich Ihnen, daß man Sie finden und töten wird. Ist das klar?«
Zitternd vor Erleichterung, weil er wußte, daß er dem Tod noch nie so nahe gewesen und die Drohung zum Abschluß durchaus ernst gemeint war, nickte Underhill. »Ja, es ist klar.« Dann drehte er sich um und ging zur Piste.
Morgennebel und Wolkenfetzen hingen über dem Dschungel. Der Learjet brach daraus hervor. Die aufgehende Sonne war dunstverhangen, das erste Anzeichen eines schwülheißen Tages für die, die am Boden zurückblieben.
Doch Underhill, der seine Handgriffe ganz automatisch ausführte, dachte nur an das, was vor ihm lag.
Er nahm an, daß Faulkner, der jetzt neben ihm saß, die Gefangenen nic ht gesehen hatte und auch nicht wußte, was vor wenigen Minuten passiert war. Und so sollte es auch bleiben. Es gab keinen Grund, Faulkner wissen zu lassen, daß sich in den Särgen Entführungsopfer, das heißt lebende Menschen, befunden hatten, und wenn der Kopilot nichts davon wußte, dann konnte er später schwören, daß auch Underhill selbst nichts davon gewußt hatte.
Denn falls es zu einer Untersuchung kam, und Underhill war überzeugt, daß es dazu kommen würde, war es für ihn lebenswichtig, sich darauf berufen zu können, daß er zu keinem Augenblick etwas von der Entführung der Sloanes gewußt habe.
Ob man ihm das glaubte? Und wenn nicht, dachte er mit wachsender Zuversicht, was machte es schon, solange ihm niemand das Gegenteil beweisen konnte.
Die Frau fiel ihm ein, die ihn angesprochen hatte. Jessica hieß sie, das wußte er aus den Nachrichten. Würde sie ihn wiedererkennen und bei einer Gegenüberstellung überführen? Bei dem Zustand, in dem er sie gesehen hatte, war das eher unwahrscheinlich. Und je länger er darüber nachdachte, desto unwahrscheinlicher schien es ihm auch, daß sie Peru je wieder lebend verlassen würde.
Er gab Faulkner mit einer Handbewegung zu verstehen, er solle das Steuer übernehmen. Während er sich zurücklehnte, huschte ein Lächeln über sein Gesicht. Zu keiner Zeit dachte er an eine mögliche Rettung der entführten Sloanes. Und es kam ihm auch nie in den Sinn, die Behörden über die Identität der Entführer und deren Aufenthaltsort zu informieren.
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Nach weniger als drei Tagen Ermittlungen konnte die Spezialeinheit von CBA News bereits einen bedeutenden Erfolg vorweisen.