In Larchmont war der berüchtigte kolumbianische Terrorist Ulises Rodriguez eindeutig als einer der Entführer und mutmaßlicher Anführer der Bande identifiziert worden.
Am Sonntagmorgen traf, wie tags zuvor versprochen, in der Zentrale von CBA News die Kopie einer Kohleskizze von Rodriguez ein, die ein Kommilitone vor zwanzig Jahren von ihm gezeichnet hatte. Carl Owens, der über seine Kontakte in Bogota und bei der amerikanischen Bnwanderungsbehörde auf Rodriguez' Namen gestoßen war, nahm die Skizze persönlich in Empfang und fuhr etwas später damit nach Larchmont. Ein Kamerateam und ein in aller Eile herbeigerufener New Yorker Korrespondent begleiteten ihn.
Vor laufenden Kameras legte der Korrespondent Priscilla Rhea, der ehemaligen Lehrerin, die Augenzeugin der Entführung geworden war, sechs Fotos vor. Eins der Fotos zeigte die Zeichnung von Rodriguez, die anderen stammten aus dem Archiv und zeigten Männer mit ähnlichem Aussehen. Miss Rhea deutete ohne zu zögern auf Rodriguez' Bild.
»Das ist er. Der hat mir zugerufen, daß sie nur einen Film drehen. Auf dem Bild sieht er jünger aus, aber es ist der Mann.« Schließlich fügte sie noch hinzu: »Ich hatte den Eindruck, als sei er der Anführer der Bande.«
Zu diesem Zeitpunkt hatte CBA diese Information exklusiv.
Später am Abend sprachen bei einer informellen Zusammenkunft vier Mitglieder der Sondereinheit - Harry Partridge, Rita Abrams, Karl Owens und Iris Everly - über diese Entdeckung. Owens, der sich über seinen Durchbruch freute, drängte darauf, die neue Entwicklung bereits in der Montagssendung der Abendnachrichten zu bringen.
Als Partridge zögerte, fuhr Owens schweres Geschütz auf.
»Hör zu, Harry, bis jetzt hat noch niemand sonst diese Information. Wir haben die Nase in dieser Sache vorn. Wenn wir damit morgen auf Sendung gehen, werden es alle anderen von uns übernehmen. Die ganze Bande muß dann unseren Namen erwähnen, einschließlich der New York Times und der Washington Post, denen das bestimmt nicht gefällt. Aber wenn wir die Sache zurückhalten und zu lange damit warten, sickert die Information über Rodriguez irgendwann durch, und wir verlieren unsere Exklusivstory. Die Leute reden eben, das weißt du so gut wie ich. Vielleicht erzählt diese Rhea es ihren Nachbarn, und die geben es weiter. Auch bei uns können einige Leute den Mund nicht halten, und deshalb besteht die Gefahr, daß auch andere Sender davon Wind bekommen.«
»Der Meinung bin ich auch«, sagte Iris Everly. »Du erwartest von mir doch für morgen einen Bericht. Ohne Rodriguez habe ich nichts Neues.«
»Ich weiß«, entgegnete Partridge. »Ich überlege mir auch, ob wir es bringen sollen, aber es gibt eben auch viele Gründe, damit zu warten. Ich werde mich hüten, vor morgen treffe ich eine Entscheidung.«
Die anderen mußten sich damit zufriedengeben.
Insgeheim hatte Partridge bereits entschieden, daß zuerst Crawford Sloane über diese Entdeckung informiert werden mußte. Denn Crawf litt so sehr, daß jede neue Entwicklung, auch eine, die keine direkten Folgen hatte, für ihn eine Erleichterung bedeutete. Trotz der vorgerückten Uhrzeit - kurz vor 22 Uhr - beschloß Partridge, Sloane zu Hause zu besuchen. Denn Telefonieren kam nicht in Frage. Alle Gespräche, die Sloane in Larchmont entgegennahm, wurden vom FBI abgehört, und Partridge wollte diese Information noch nicht dem FBI überlassen.
Von einem Telefon in seinem provisorischen Büro aus bestellte er für sofort ein Auto mit Fahrer zum Haupteingang der CBA-News Zentrale.
»Ich bin dir dankbar, daß du zu mir herausgekommen bist«, sagte Sloane, nachdem Partridge ihm die Neuigkeit erzählt hatte. »Willst du damit morgen auf Sendung gehen?«
»Ich bin mir nicht sicher.« Partridge erklärte ihm, warum, und fügte dann hinzu: »Ich will erst mal darüber schlafen.«
Sie saßen mit Drinks im Wohnzimmer, wo, wie Sloane nun traurig dachte, er sich noch vier Abende zuvor mit Jessica und Nicholas unterhalten hatte.
Ein FBI-Agent hatte Partridge beim Betreten des Hauses neugierig gemustert. Er hatte Otis Havelock abgelöst, der an diesem Abend zu Hause bei seiner Familie war. Doch Sloane hatte die Verbindungstür zwischen Flur und Wohnzimmer fest verschlossen, und die beiden sprachen mit gedämpften Stimmen.
»Gleichgültig, wie du entscheidest«, sagte jetzt Sloane, »ich stehe hinter dir. Aber wäre denn diese Information für dich schon Grund genug, um nach Kolumbien zu fliegen?«
Partridge schüttelte den Kopf. »Nein, denn Rodriguez ist ein bezahlter Killer. Er hat in ganz Lateinamerika gearbeitet, und auch in Europa. Ich muß noch mehr wissen - vor allem, von wo diese Operation ausgeht. Morgen hänge ich mich wieder ans Telefon. Und die anderen auch.«
Partridge wollte vor allem den Anwalt mit den Verbindungen zum organisierten Verbrechen noch einmal anrufen, denn der hatte sich seit ihrem Gespräch am Freitag noch nicht gemeldet. Sein Instinkt sagte ihm, daß jemand, der in den Vereinigten Staaten auf eine Art operierte, wie Rodriguez es offensichtlich getan hatte, Verbindungen zum organisierten Verbrechen haben mußte.
Beim Abschied legte Sloane Partridge die Hand auf die Schulter. »Harry, mein Freund«, sagte er mit bewegter Stimme. »Inzwischen glaube ich, daß nur du mir Jessica, Nicky und meinen Vater zurückbringen kannst.« Er zögerte und fuhr dann fort: »Ich weiß, es hat Zeiten gegeben, in denen wir nicht gerade enge Freunde, ja nicht einmal Verbündete waren, und wenn ich daran schuld war, tut es mir leid. Aber abgesehen davon möchte ich dir einfach sagen, daß das Wichtigste, was ich im Leben habe, in deinen Händen liegt.«
Partridge versuchte, etwas zu erwidern, aber er fand nicht die richtigen Worte. Statt dessen nickte er nur, faßte dann Sloane ebenfalls an der Schulter und sagte: »Gute Nacht.«
»Wohin, Mr. Partridge?« fragte der Fahrer.
Es war bereits kurz vor Mitternacht, und Partridge antwortete müde: »Ins Inter-Continental, bitte.«
Während er sich in die Polster zurücklehnte und an Sloanes Abschiedsworte dachte, fiel ihm ein, daß auch er wußte, was es hieß, jemanden verloren zu haben oder Gefahr zu laufen, jemanden, den man liebte, zu verlieren. In seinem Fall war es, vor langer Zeit, zuerst Jessica gewesen, obwohl natürlich die Umstände damals in keiner Weise mit Crawfords verzweifelter Situation zu vergleichen waren. Und etwas später dann Gemma...
Er unterbrach sich. Nein! Er wollte an diesem Abend nicht an Gemma denken. Die Erinnerung an sie hatte ihn in letzter Zeit immer stärker und immer häufiger überfallen... offensichtlich immer, wenn er müde war... und mit der Erinnerung kam immer der Schmerz.
Statt dessen zwang er sich, wieder an Sloane zu denken, der ja nicht nur um Jessica, sondern auch um ein Kind, seinen Sohn, bangen mußte. Partridge wußte nicht, was es hieß, ein Kind zu haben. Aber dennoch wußte er, daß der Verlust eines Kindes unerträglich sein mußte, vielleicht die unerträglichste Last überhaupt. Er und Gemma hatten immer ein Kind gewollt...
Er seufzte... Ach, liebste Gemma...
Dann gab er es auf. Er saß entspannt in dem Auto, das ihn nach Manhattan zurückbrachte, und ließ nun doch seinen Gedanken freien Lauf.
Seit jener standesamtlichen Trauung in Panama City, als er und Gemma vor dem juez in seiner baumwollenen guayabera ihr schlichtes Gelübde abgelegt hatten, war Partridge überzeugt, daß aus einfachen Zeremonien bessere Ehen hervorgehen als aus spektakulären, pompösen Hochzeitsfeiern.
Er gab zu, daß es ein Vorurteil war, das sich vor allem auf seine eigene Erfahrung gründete. Seine erste Ehe, in Kanada, hatte mit einer »weißen Hochzeit« begonnen, komplett mit Brautjungfern, mehreren hundert Gästen und kirchlichem Zeremoniell - die Mutter der Braut hatte darauf bestanden. Der ganze Ablauf war zuvor minutiös einstudiert worden, so daß die Hochzeit selbst zur Farce wurde. Danach wollte die Ehe einfach nicht funktionieren, was Partridge zur Hälfte sich selbst zuschrieb, und das rhetorische Gelübde »bis daß der Tod uns scheide« wurde - in gegenseitigem Einvernehmen und diesmal vor einem Richter - auf ein Jahr verkürzt.