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Das warf die Frage auf: Warum hatte man sie gefangengenommen? Sie beschloß, die Antwort darauf später zu suchen.

Was im Augenblick wichtiger war: Wo sind wir? Sie hatte bereits einen kleinen, halbdunklen, nur von einer einzigen Öllampe erhellten Raum erkannt. Warum kein Strom? Sie und die anderen saßen offenbar auf einem Lehmboden, und sie konnte Insekten spüren, obwohl sie versuchte, nicht daran zu denken. Es war unglaublich heiß und stickig in diesem Raum, und das verwirrte sie, weil der September in diesem Jahr ungewöhnlich kühl war und der Wetterbericht keine Änderung gemeldet hatte.

Wenn sie also nicht mehr in dem Raum waren, in dem sie Nicky und Angus gefesselt gesehen hatte, wie waren sie dann hierhergekommen? Hatte man sie betäubt? Bei diesen Gedanken fiel ihr etwas anderes ein: die Kompresse, die man ihr in dem Bus auf dem Parkplatz auf Mund und Nase gedrückt hatte.

Sie konnte sich nicht erinnern, was sonst noch in dem Bus passiert war; also hatte man sie wirklich betäubt, und die anderen wahrscheinlich auch. Für wie lange? Eine halbe Stunde, schätzte sie, eine Stunde im Höchstfall. Länger konnte es nicht gewesen sein, denn die Erinnerung an den Überfall auf dem Parkplatz war noch zu frisch.

So waren sie vermutlich noch in der Umgebung von Larchmont, und das hieß, irgendwo in New York State, New Jersey oder Connecticut. Jessica dachte auch kurz an Massachusetts und Pennsylvania, aber das konnte nicht sein. Beide Staaten war zu weit entfernt... Stimmen unterbrachen sie...

»Das Miststück tut nur so«, sagte Miguel.

»Ich weiß«, erwiderte Baudelio. »Sie ist voll wach und glaubt, sie kann uns hinters Licht führen. Die hört alles, was wir reden.«

Miguel streckte den rechten Fuß aus und stieß Jessica die Schuhspitze brutal in die Rippen. »Steh auf, du Miststück! Wir müssen los.«

Jessica zuckte vor Schmerz zusammen, und da ihr die Verstellung nun offensichtlich nichts mehr nutzte, hob sie den Kopf und öffnete die Augen. Sie kannte die beiden Männer, die auf sie heruntersahen - dem einen hatte sie das Gesicht zerschnitten und den anderen kurz im Bus gesehen. Ihr Mund war trocken und ihre Stimme heiser, aber es gelang ihr zu krächzen: »Das wird Ihnen noch leid tun. Man wird Sie fassen und bestrafen.«

»Schweig!« Miguel hatte wieder den Fuß gehoben, diesmal trat er sie in den Bauch. »Von jetzt ab sprichst du nur, wenn man dich etwas fragt.«

Sie hörte, wie Nicky neben ihr sich rührte. »Was ist passiert? Wo sind wir?« fragte er. Sie spürte die gleiche Panik in seiner Stimme, die sie selbst erlebt hatte.

Angus war es, der leise antwortete: »Sieht so aus, mein Junge, als hätten uns einige ziemlich gemeine Leute entführt. Aber bleib ganz ruhig! Sei stark! Dein Dad wird uns schon finden.«

Jessica, die sich nach dem brutalen Tritt noch immer vor Schmerzen krümmte, spürte plötzlich eine Hand auf ihrem Arm und hörte Nicky zärtlich fragen: »Mom, bist du in Ordnung?«

Tränen traten ihr in die Augen, als sie merkte, daß Nicky sich um sie Sorgen machte. Sie drehte den Kopf und versuchte, bestätigend zu nicken, mußte aber zusehen, wie auch Nicky brutal getreten wurde. Warum das alles? dachte sie voller Entsetzen.

»Das Redeverbot gilt auch für dich, du kleiner Trottel!« schrie Miguel. »Vergiß das nicht!«

»Oh nein, der wird das nicht vergessen«, sagte Angus, dessen Stimme trocken und spröde klang, der es aber trotzdem schaffte, Verachtung mitschwingen zu lassen. »Wer wird denn ein Stück menschlichen Abschaums vergessen, das gerade Mut genug hat, um eine hilflose Frau und einen kleinen Jungen zu treten?« Der alte Mann versuchte aufzustehen.

»Angus, nicht!« flüsterte Jessica. Sie wußte, daß kühne Worte ihre Lage nur verschlimmern würden.

Unter Schwierigkeiten fand Angus sein Gleichgewicht und kam auf die Füße. Miguel sah sich unterdessen um und hob einen Ast vom Boden auf. Er ging zu Angus und schlug ihm mit aller Kraft auf Kopf und Schultern. Der alte Mann fiel auf den Rücken und stöhnte vor Schmerzen. Das eine Auge, wo das Holz ihn getroffen hatte, war geschlossen.

»Ich hoffe, das ist eine Lektion für euch alle«, bellte Miguel. »Haltet endlich das Maul!« Dann wandte er sich an Baudelio. »Mach sie endlich fertig zum Aufbruch.«

Socorro war mit einem Wasserkrug in einer Korbhülle und einem Stück groben Seils zurückgekehrt.

»Wir sollten ihnen zuerst Wasser geben«, sagte Baudelio und fügte dann leicht gereizt hinzu: »Das heißt, wenn du sie am Leben halten willst.«

»Zuerst werden sie gefesselt«, befahl Miguel. »Ich will jetzt keine Schwierigkeiten mehr.«

Dann verließ er mit finsterer Miene die Hütte. Draußen, unter der immer höher steigenden Sonne, war die Hitze bereits unerträglich geworden.

Jessica wurde immer verwirrter, was ihren Aufenthaltsort betraf.

Vor wenigen Minuten hatte man sie, Nicky und Angus aus einer, wie Jessica nun sah, grob zusammengezimmerten Hütte gezerrt, und jetzt saßen sie auf der Ladefläche eines verdreckten Lastwagens zwischen Kisten, Schachteln und Säcken. Nachdem man sie mit auf dem Rücken gefesselten Händen aus der Hütte geführt hatte, schoben und zerrten sie verschiedene Hände unsanft über die Bordkante des Transporters. Dann sprang ein halbes Dutzend bunt gekleideter Männer, die bis auf ihre Waffen hätten Landarbeiter sein können, ebenfalls auf den Wagen, gefolgt von dem Mann, den Jessica wegen seiner Schnittwunde insgeheim »Narbengesicht« nannte, und dem anderen, den Jessica noch aus dem Kleinbus kannte. Danach wurde die Ladeklappe hochgezogen und befestigt.

Jessica hatte die ganze Zeit versucht, sich auf ihre Umgebung zu konzentrieren und sich alles einzuprägen, aber da war nichts. Es gab keine anderen Gebäude, nur dichten Wald, und den Lehmpfad, der zur Hütte führte, konnte man kaum eine Straße nennen. Sie versuchte, das Nummernschild des Lastwagens zu sehen, aber wenn der überhaupt eins hatte, dann war es von der heruntergelassenen Ladeklappe verdeckt.

Körperlich fühlte Jessica sich besser, weil sie Wasser getrunken hatte. Kurz vor Verlassen der Hütte hatten auch Nicky und Angus Wasser bekommen, von einer Frau mit mürrischem Gesicht, die Jessica ebenfalls schon einmal gesehen hatte, und zwar, wie sie sich nun erinnerte, während ihres ersten Kampfes mit Narbengesicht.

Jessica hatte versucht, ihr gegenüber einen weichen Ton zu finden, und ihr, während sie von ihr aus einer zerbeulten Blechtasse Wasser erhielt, zugeflüstert: »Vielen Dank für das Wasser. Bitte! - Können Sie mir sagen, wo wir sind und warum?«

Die Reaktion der Frau war grob und unerwartet. Sie stellte die Tasse weg und schlug Jessica zweimal so fest ins Gesicht, daß sie jedesmal zur Seite taumelte. »Du hast den Befehl doch gehört!« zischte die Frau. »Silencio! Wenn du noch einmal den Mund aufmachst, gibt's den ganzen Tag kein Wasser mehr.«

Danach schwieg Jessica. Und Nicky und Angus ebenfalls.

Die Frau saß nun im Führerhaus des Lastwagen neben dem Fahrer, der eben den Motor angelassen hatte. Der Mann, der Jessica und Nicky getreten und Angus geschlagen hatte, saß ebenfalls vorn. Jessica hatte gehört, daß die anderen ihn Miguel nannten; er war offensichtlich der Anführer. Der Lastwagen fuhr an und holperte über den unebenen Pfad.

Die Hitze auf dem Lastwagen war noch schlimmer als in der Hütte. Allen lief der Schweiß über das Gesicht. Wo sind wir nur? Jessicas anfängliche Vermutung, daß sie sich noch irgendwo in der Gegend um New York State aufhielten, wurde von Minute zu Minute unwahrscheinlicher. Sie kannte keinen Ort, an dem es zu dieser Jahreszeit so heiß war. Außer...