War es möglich, fragte sich Jessica, daß sie und die anderen viel länger bewußtlos gewesen waren, als sie ursprünglich angenommen hatte? Und falls das so war, hatte man sie dann vielleicht irgendwohin weiter weggebracht, weiter in den Süden, vielleicht nach Georgia oder Arkansas? Je länger sie über die Landschaft nachdachte, in der sie sich befanden, desto mehr fühlte sie sich an die abgelegeneren Regionen dieser Staaten erinnert, zumal es dort auch heiß war. Der Gedanke machte sie traurig, denn so gab es nur wenig Hoffnung auf eine baldige Rettung.
Weiter auf der Suche nach Hinweisen, begann sie nun, dem Gespräch der bewaffneten Männer zuzuhören. Sie erkannte die Sprache, es war Spanisch, und obgleich sie es selber nicht sprach, verstand sie doch einige Worte.
...»Maldito camiön! Me hace dano en la espalda.«... »Porque no te acuestas encima de la mujer? Elle es una buena almohada.«... Heiseres Lachen.... »No, esperare hasta que termine el viaje. Entonces, ella debe tener cuidado!«... »Los Sinchis, esos cabrönes, torturaron a mi hermano antes de matarlo.«... »El rio no puede llegar tan pronto como yo desearia que llegara. La Selva ve y oye todo.«...
Jessica nahm an, daß es sich um Immigranten handelte; es strömten ja genug Hispanos in die Vereinigten Staaten. Dann fiel ihr der Mann ein, der sie im Supermarkt in Larchmont angesprochen hatte. Sein Englisch hatte einen spanischen Akzent gehabt. Gab es da eine Verbindung? Sie konnte sich nicht vorstellen, welche.
Doch der Gedanke an Larchmont erinnerte sie an Crawf. Welche Qualen er durchzustehen hatte! Ihr fiel der Satz ein, mit dem Angus in der Hütte Nicky getröstet hatte. »Dein Dad wird uns schon finden.« Crawf setzte inzwischen mit Sicherheit Himmel und Erde in Bewegung, um sie aufzuspüren. Er hatte viel Einfluß und ebensoviele einflußreiche Freunde, die ihm helfen konnten. Aber hatten sie überhaupt eine Vorstellung davon, wo sie suchen mußten? Jessica mußte irgendwie herausfinden, wo sie waren, und sich dann überlegen, wie sie es Crawf wissen lassen konnte.
Angus hatte außerdem zu Nicky gesagt, daß sie entführt worden seien. Daran hatte Jessica zuvor noch gar nicht gedacht - wann denn auch! -, aber nun ging sie davon aus, daß Angus recht hatte. Doch warum entführt? Wegen Geld? War das nicht der übliche Grund? Sicher, die Sloanes hatten Geld, aber nicht im Überfluß, nicht so viel wie die »Bonzen aus Industrie und Wall Street«, von denen Crawf manchmal sprach.
Eigentlich war es unglaublich, dachte Jessica, daß Crawf erst am Abend zuvor - falls ihr Zeitgefühl sie nicht täuschte - von der Gefahr gesprochen hatte, selbst entführt zu werden...
Der Anblick Nickys lenkte sie von ihren Gedanken ab. Seit Beginn der Fahrt hatte Nicky Schwierigkeiten, sich aufrecht zu halten, weil er sich mit den gefesselten Händen nicht abstützen konnte, und nun lag er flach auf der Seite, so daß sein Kopf bei jeder Unebenheit auf dem Boden aufschlug.
Jessica, die ihm verzweifelt helfen wollte, aber nicht konnte, wollte schon das Schweigen brechen und Narbengesicht um Hilfe bitten, als sie sah, daß einer der Bewaffneten auf Nickys Notlage aufmerksam wurde und sich auf ihn zubewegte. Der Mann hob Nicky auf und lehnte ihn so gegen einen Sack, daß er sich mit den Füßen an einer Kiste abstützen und nicht mehr wegrutschen konnte. Jessica versuchte, dem Mann mit den Augen und einem schwachen Lächeln zu danken. Als Antwort nickte er kaum merklich. Es war nur ein schwacher Trost, dachte sie, aber wenigstens gab es unter diesen brutalen Leuten jemanden, der ein Herz hatte.
Der Mann saß jetzt neben Nicky. Er flüsterte etwas, das Nicky, der in der Schule seit kurzem Spanisch lernte, zu verstehen schien. Im Verlauf der Reise kam es noch zu zwei weiteren Wortwechseln zwischen dem Mann und dem Jungen.
Nach etwa zwanzig Minuten blieb der Lastwagen an einer Stelle, wo der Pfad im dichten Gebüsch verschwand, stehen. Mit vereinten Kräften hoben und schoben die Männer Jessica, Nicky und Angus vom Lastwagen. Als sie standen, kam Miguel aus der Fahrerkabine und verkündete knapp: »Von hier aus gehen wir zu Fuß weiter.«
Gustavo und die anderen Bewaffneten führten sie durch dichtes Buschwerk über einen unebenen, kaum erkennbaren Pfad. Von beiden Seiten bedrängten sie Äste und Blätter, und obwohl die Baumkronen über ihnen etwas Schatten gaben, war die Hitze ebenso unerträglich wie das unablässige Summen der Insekten.
Manchmal waren die drei Gefangenen eng beieinander. Bei einer Gelegenheit flüsterte Nicky Jessica zu: »Der Weg führt zu einem Fluß, Mom. Von dort fahren wir mit dem Boot weiter.«
»Hat der Mann dir das erzählt?« fragte Jessica ebenso leise.
»Ja.«
Wenig später hörte Jessica Angus murmeln: »Ich bin stolz auf dich, Nicky. Du bist sehr tapfer.«
Es war das erste Mal, daß Jessica seit Verlassen der Hütte Angus' Stimme hörte. Sie war froh, daß der alte Mann sich so gut hielt, aber sie fürchtete die Nachwirkungen dieses entsetzlichen Erlebnisse auf ihn und auch auf Nicky. Jessica hoffte noch immer auf Rettung. - Wie standen ihre Chancen? Wann und in welcher Form würde Hilfe eintreffen?
Nicky wartete den richtigen Augenblick ab und antwortete dann seinem Großvater leise: »Ich mache es so, wie du es mir gesagt hast. Daß man nämlich nicht den Kopf verlieren darf, wenn man Angst hat.«
Jessica erinnerte sich plötzlich gerührt an die Unterhaltung am Frühstückstisch, als sie alle vier, Crawf eingeschlossen, über dem Bombenangriff auf diese Stadt in Deutschland -Schweinfurt? - sprachen. Nicky hatte eben fast wörtlich wiederholt, was Angus ihm damals erzählt hatte. Und wie lange war dieses Frühstück her?... Heute, gestern, vorgestern?... Wieder mußte sie erkennen, daß sie ihr Zeitgefühl verloren hatte.
Etwas später fragte Nicky: »Gramps, wie geht's dir?«
»Es steckt schon noch Leben in dieser alten Haut.« Ein Pause und dann die geflüsterte Frage: »Jessica, was ist mir dir?«
Bei der nächsten Gelegenheit sagte sie: »Ich habe versucht zu erraten, wo wir sind. Georgia? Arkansas? Wo nur?«
Nicky war es, der mit einer Antwort dienen konnte. »Sie haben uns aus Amerika herausgebracht, Mom. Das weiß ich von dem Mann. Wir sind in Peru.«
5
»Noch heute morgen«, sagte Teddy zu den aufmerksamen jungen Gesichtern, die vor ihm saßen, »hatte ich vor, euch ein Märchen aufzutischen, warum ihr hier seid und was man von euch verlangt. Wie ein richtiger Klugscheißer hatte ich mir eine schöne, überzeugende Geschichte zurechtgelegt. Aber nachdem ich jetzt mit ein paar von euch gesprochen habe, weiß ich, daß ihr alle viel zu intelligent seid, um euch von irgendwelchem Gerede einwickeln zu lassen. Also keine Märchen. Ich glaube auch, daß ihr euch mit mehr Begeisterung in die Arbeit stürzt, wenn ihr wißt, was wirklich Sache ist, und daß ich mich auf eure Verschwiegenheit verlassen kann. Also setzt euch aufrecht hin, Kinder. Man wird euch jetzt gleich die Wahrheit anvertrauen.«
Coopers Eröffnung wurde mit Lächeln und ungeteilter Aufmerksamkeit belohnt.
Es war Montag morgen, 9 Uhr 30. In der letzten halben Stunde hatten sich genau sechzig junge Männer und Frauen, wobei beide Geschlechter fast gleich stark vertreten waren, in der Zentrale von CBA News zur Arbeit gemeldet, denn Onkel Arthur hatte am Abend zuvor den Telefonhörer erst aus der Hand gelegt, als die Truppe wirklich komplett war. Nun saßen alle in dem Nebengebäude, das am vergangenen Donnerstag für Crawford Sloanes Pressekonferenz benutzt worden war. Auch diesmal hatte man wieder Stühle und eine Rednertribüne aufgestellt.
Die meisten der Freiwilligen waren etwa zweiundzwanzig Jahre alt und hatten vor kurzem die Universität mit guten Zeugnissen verlassen. Und alle waren sie redegewandt, ehrgeizig und sehr begierig, endlich Fernsehluft zu schnuppern.