»Es ist ein Erfahrungswert, daß die Mehrzahl der Zuschauer, die die Nachrichten einschalten, in den nächsten neunzig Minuten und manchmal noch länger bei diesem Sender bleiben. Und gleichzeitig kommen andere mit dazu.«
»Dann ist's der böse Wind, der gute Nachricht bringt, wie das alte Sprichwort sagt«, bemerkte der Direktor von Forest Products lächelnd.
Margot lächelte zurück. »Da wir hier unter uns sind, stimme ich zu, aber ich möchte damit nicht zitiert werden.«
»Hier zitiert niemand den anderen«, sagte Elliott. »Diese Treffen sind ja dazu da, daß wir offen und ungestört reden können.«
»Weil wir gerade von Anzeigenkunden reden, Margot.« Es war Leon Ironwood von West World Aviation, ein gebräunter, athletischer Kalifornier und einer der drei Kandidaten für Elliotts Posten. Das Unternehmen, dem Ironwood vorstand, war ein erfolgreicher Rüstungsbetrieb, der vor allem Kampfflugzeuge herstellte.
»Wie sieht es eigentlich mit dem Problem der Videorecorder aus? Wie viele Haushalte haben inzwischen einen?«
»Ungefähr fünfzig Prozent«, antwortete Margot, »und es ist in der Tat ein Problem. Fast alle, die Programme aufnehmen, drücken bei den Werbespots, ohne hinzusehen, auf den Schnellvorlauf und vermindern damit unsere Werbewirksamkeit.«
Ironwood nickte. »Das ist vor allem schlimm, weil die Besitzer von Videorecordern eine kaufkräftige Bevölkerungsschicht darstellen. Ich sehe auch so fern.«
»Man darf auch die Stummschaltmöglichkeit, diese MUTEKnöpfe, nicht vergessen. Ich benutze meine bei jedem Spot.«
»Es ist nicht zu leugnen«, sagte Margot, »daß das Problem der Videorecorder und der MUTE-Knöpfe wie eine Gewitterwolke über uns hängt, und deshalb haben sich die Sender auch endlich dazu durchgerungen, die Auswirkungen zu untersuchen. Eigentlich könnten wir schon längst präzise Meßtechniken haben, aber so genau wollen wir die schlechte Nachricht ja gar nicht kennen. Da stehen wir im übrigen nicht allein, denn auch die Werbeagenturen müssen fürchten, daß dieses Wissen ihre Großkunden abschreckt, was für sie, die Agenturen, enorme Verluste bedeuten würde.«
»Ich bin sicher«, meinte nun Elliott, »daß Sie das bei Ihrer Finanzplanung berücksichtigt haben.«
»Natürlich, Theo. Da wir davon ausgehen, daß die Werbeeinnahmen in Zukunft zurückgehen, haben wir uns nach zusätzlichen Einnahmequellen umgesehen. So haben wir angefangen, in aller Stille Kabelsender aufzukaufen, und das werden wir auch weiter tun. Die großen Sender haben genug Kapital, und die Kabelanbieter werden eines Tages aufwachen und merken, daß sie fast alle den großen, überregionalen Sendern gehören. Und gleichzeitig verhandeln wir mit den Telefongesellschaften über Joint Ventures.«
»Joint Ventures?« fragte Ironwood.
»Ich werde es gleich erklären. Man muß zunächst davon ausgehen, daß das terrestrische Fernsehen - also das mit einer herkömmlichen Antenne - keine Zukunft mehr hat. In zehn bis fünfzehn Jahren wird man eine altmodische Fernsehantenne höchstens noch im Smithsonian Institute finden, und die Programmanbieter werden auch keine terrestrischen Sendungen mehr ausstrahlen, weil es unökonomisch ist.«
»Das heißt, Kabel und Parabolantennen anstelle der herkömmlichen Antennen?«
»Zum Teil, aber nicht vollständig.« Margot lächelte. Sie sprach über ein vertrautes Thema und hoffte, damit gleichzeitig ihren Weitblick zu demonstrieren.
»Man muß nun weiter wissen«, fuhr sie fort, »daß reine Kabelanbieter in diesem Geschäft keine Zukunft haben. Um zu überleben, müssen sie sich, wie wir es auch tun werden, mit den Telefongesellschaften zusammenschließen, weil deren Leitungen bereits in jeden Haushalt führen.«
Einige nickten zustimmend, während Margot fortfuhr. »Die Technologie für eine Kombination von Telefon- und Fernsehleitungen ist mit dem Glasfaserkabel inzwischen verfügbar. Jetzt geht es nur noch darum, das theoretisch Machbare in die Tat umzusetzen, und dazu gehört auch, daß Sender wie wir spezielle Kabelprogramme entwickeln. Die Profitmöglichkeiten sind enorm.«
»Aber gibt es denn keine staatlichen Beschränkungen hinsichtlich des Engagements der Telefongesellschaften bei Radio und Fernsehen?« wollte Ironwood wissen.
»Beschränkungen, die der Kongreß aufheben wird. Wir arbeiten daran, es gibt sogar schon eine entsprechende Gesetzesvorlage.«
»Und Sie sind überzeugt, daß der Kongreß mitspielt?«
Elliott lachte. »Wenn er es tut, dann nicht von ungefähr. Die meisten von uns hier kennen doch sicher das Buch The Best Congress Money Can Buy. Eine absolute Pflichtlektüre... Wie heißt der Autor gleich wieder?«
»Philip Stern«, sagte Margot.
»Richtig. Und genauso wie Stern es beschreibt, unterstützt Globanic Industries mit ansehnlichen Beträgen jedes politische Aktionskomitee, das sich um Belange kümmert, die uns angehen. Das heißt, Kongreßstimmen sind gekauft und stehen zur Verfügung, wenn wir sie brauchen. Wenn Margot will, daß diese Beschränkungen fallen, dann kann sie es mich wissen lassen, und ich werde mich darum kümmern.«
Man unterhielt sich auch weiterhin auf diese unverblümte, offene Art. Die Sloane-Entführung wurde jedoch nicht mehr erwähnt.
Etwas später war K. Phocis (»Fossie«) Xenos von Globanic Financial Services mit seinem Bericht an der Reihe.
Noch vor drei Jahren war Tri-Trade Financial Services, wie es damals hieß, ein kleines Unternehmen, das mit Verbraucherkrediten an Mittelschichtsamerikaner Umsatz machte und zusätzlich Lebens- und Unfallversicherungen verkaufte. Globanic übernahm Tri-Trade, denn Elliott betrachtete die Firma als hervorragende Basis für ein größeres Unternehmen, mit dem er internationale Investoren auf der Suche nach dem größeren Ruhm des größeren unternehmerischen Risikos anziehen wollte. Die Leitung dieses Unternehmens übertrug er Fossie Xenos, einem jungen Amerikaner griechischer Abstammung und Absolventen der Wharton Business School, der mit einigen geschickten Investmentbank-Manövern Elliotts Aufmerksamkeit erregt hatte.
Gleich zu Beginn seiner Karriere bei den Financial Services entledigte sich Xenos des Verbraucherkreditgeschäfts, das nur bescheidene Gewinne abwarf, und schloß die kleinen Ladenfilialen der Bank. Bald darauf stellte er auch den Versicherungsverkauf ein, da der in seinen Augen eine »fade Freizeitbeschäftigung für Spatzenhirne« darstellte. Was ihn viel mehr interessierte, war eine noch junge und aufregende Entwicklung auf dem Geldmarkt - Firmenaufkäufe mit Fremdkapital, sogenannte Leveraged Buyouts oder LBOs, die mit Junk Bonds finanziert wurden.
Seit dieser Zeit arbeitete Fossie Xenos mit allem, was in der Finanzszene gerade »heiß« war, und schuf so für Globanic Financial glänzende Gewinne und für sich selbst den Ruf außergewöhnlicher unternehmerischer Dynamik. Vor allem deshalb sah Margot Lloyd-Mason in Fossie, dem dritten Kandidaten für Elliotts Stuhl, ihren schärfsten Rivalen.
Trotz seiner manipulativen Fähigkeiten und Erfolge hatte sich Fossie eine jungenhafte Art bewahrt, die ihn mit seinen einundvierzig Jahren wirken ließ wie einen Mittdreißiger. Er war meistens sehr lässig gekleidet, und seine Frisur war dauernd in Unordnung, weil er sich mit den Fingern ständig durch die Haare fuhr, während er redete wie ein Schnellfeuergewehr. Die verbindliche, überzeugende Art seiner Gesprächsführung und das freundliche Lächeln, das er jedem schenkte, waren seine persönlichen Stärken.
Nun berichtete Fossie Xenos von einem komplexen, heiklen und zum Großteil geheimen Projekt, das sich noch im Anfangsstadium befand, aber eine milliardenschwere Goldgrube für Globanic zu werden versprach. Es ging dabei um sogenannte Debt-to-Equity Swaps, komplexe Umschuldungsstrategien, und um einen riesigen Immobilien-Investmentfonds, und beides betraf Peru, mit dessen Regierung Globanic Hand in Hand arbeitete.
Fossie erläuterte dann seinen Kollegen die einzelnen Schritte und Bedingungen dieses Projekts: