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Aber wenn sie nun in Peru waren, wie hatte man sie hierhergebracht? Es war doch sicher nicht einfach, drei Bewußtlose...

Plötzlich durchzuckte sie die Erinnerung wie ein Blitz. Das Bild stand wieder klar und deutlich vor ihr, sie hatte es nur bis zu diesem Augenblick total vergessen.

Während ihres kurzen Handgemenges mit Narbengesicht... in diesen verzweifelten Augenblicken hatte sie zwei leere Särge bemerkt, der eine kleiner als der andere. Der entsetzliche Anblick hatte sie überzeugt, daß man sie und Nicky töten würde.

Doch jetzt erkannte Jessica erschaudernd, daß man sie anscheinend in diesen Särgen ins Land gebracht hatte - wie Tote! Die Vorstellung war so entsetzlich, daß sie nicht daran denken wollte, ja es nicht konnte. Statt dessen konzentrierte sie sich wieder auf die Gegenwart, so grausam und schmerzlich sie auch war.

Jessica, Nicky und Angus taumelten mit gefesselten Händen weiter über den schmalen, von dichtem Buschwerk eingesäumten Pfad. Einige der Bewaffneten gingen voraus, die anderen folgten. Sooft die Gefangenen langsamer wurden, riefen die Männer hinter ihnen: »Andale! Apurense!«, und trieben sie mit ihren Gewehren vorwärts.

Es war heiß. Unglaublich heiß. Ihnen allen lief der Schweiß übers Gesicht.

Jessica machte sich Sorgen um die beiden anderen. Sie selbst litt unter entsetzlichen Kopfschmerzen, Übelkeit und den unzähligen umherschwirrenden Insekten, die sie nicht verjagen konnte. Wie lange denn noch? Von Nicky wußte sie, daß sie zu einem Fluß gingen. Es ist bestimmt nicht mehr weit.

Nickys Informant hatte offensichtlich doch recht. Sie waren wirklich in Peru, und als Jessica nun bewußt wurde, wie weit sie von zu Hause weg und wie gering die Chancen einer Rettung waren, hätte sie am liebsten geweint.

Der Boden unter ihren Füßen war aufgeweicht, was das Gehen immer schwieriger machte. Plötzlich hörte Jessica einen Aufschrei und dann einen dumpfen Schlag. Als sie sich umdrehte, sah sie, daß Angus hingefallen war. Er lag mit dem Gesicht im Schlamm.

Müde versuchte der alte Mann aufzustehen, schaffte es aber wegen der gefesselten Hände nicht. Die Bewaffneten hinter ihm lachten. Einer von ihnen sprang vor und wollte Angus den Lauf seines Gewehrs in den Rücken stoßen.

Jessica schrie den Mann an. »Nein, nein, nein!«

Der Mann sah überrascht hoch, und in diesem kurzen Augenblick der Unaufmerksamkeit lief Jessica zu Angus und fiel neben ihm auf die Knie. Trotz der Fesseln schaffte sie es, ihren Oberkörper aufrecht zu halten, aber Angus helfen konnte sie nicht. Der Mann mit dem Gewehr ging wütend auf sie los, doch Miguels scharfe Stimme stoppte ihn. Von der Spitze des Zugs kam Miguel auf sie zu, Socorro und Baudelio folgten.

Bevor ein anderer etwas sagen konnte, erhob Jessica die Stimme. »Ja, wir sind Ihre Gefangenen«, sagte sie laut und leidenschaftlich. »Wir wissen zwar nicht, warum, aber wir wissen, daß wir nicht fliehen können, und das wissen Sie auch. Warum fesseln Sie uns dann? Wir wollen uns doch nur selbst helfen, damit wir nicht fallen. Sie sehen doch, was passiert, wenn wir es nicht können. Bitte, bitte, haben Sie doch Mitleid! Ich flehe Sie an, nehmen Sie uns die Fesseln ab!«

Zum ersten Mal zögerte Miguel, vor allem, da Socorro leise zu ihm sagte: »Wenn sich einer von denen einen Arm oder ein Bein bricht oder sich auch nur schneidet, kann es zu einer Infektion kommen. Und in Nueva Esperanza haben wir keine Möglichkeit, Infektionen zu behandeln.«

Baudelio, der neben ihr stand, war derselben Meinung. »Sie hat recht.«

Miguel machte eine unwirsche Handbewegung und bellte auf Spanisch einen Befehl. Einer der Bewaffneten trat vor, es war derselbe, der Nicky im Lastwagen geholfen hatte. Er zog ein Messer aus der Scheide an seinem Gürtel und trat hinter Jessica. Sie spürte, wie sich das Seil an ihren Gelenken lockerte und zu Boden fiel. Nicky war der nächste. Angus wurde gestützt, während man auch ihm die Fesseln löste, und dann halfen Jessica und Nicky ihm beim Aufstehen.

Auf einen barschen Befehl hin setzte sich der Zug wieder in Bewegung.

In diesen wenigen Minuten hatte Jessica trotz ihrer Verzweiflung einiges erfahren. So wußte sie jetzt, daß ihr Ziel Nueva Esperanza hieß, obwohl ihr das im Augenblick nichts sagte. Auch den Namen des Mannes, mit dem Nicky sich angefreundet hatte, kannte sie - jemand hatte ihn Vincente genannt, als er die Fesseln aufschnitt. Und schließlich hatte sie gemerkt, daß die Frau, die mit Miguel getuschelt und die ihr in der Hütte den Schlag versetzt hatte, medizinisches Wissen besaß. Narbengesicht ebenso. Vermutlich war einer der beiden ein Arzt, vielleicht auch beide.

Sie prägte sich diese Informationsbruchstücke ein, denn ihr Instinkt sagte ihr, daß alles, was sie erfuhr, später einmal nützlich sein konnte.

Wenige Augenblicke später tauchte nach einer Biegung im Pfad ein breiter Fluß vor ihnen auf.

Miguel erinnerte sich daran, in seinen frühen Tagen gelesen zu haben, ein erfolgreicher Terrorist müsse alle konventionellen menschlichen Empfindungen ablegen und erreiche seine Ziele nur, wenn er denjenigen, die sich seinen Wünschen widersetzen, Angst und Entsetzen einflößt. Sogar der Haß, der bis zu einem gewissen Grad durchaus stimulierend wirkt, kann im Übermaß schaden, da er dann das Urteilsvermögen beeinträchtigt.

In seiner Terroristenkarriere hatte Miguel diese Grundsätze immer gewissenhaft befolgt und ihnen noch einen weiteren hinzugefügt: Ein Terrorist braucht die stimulierende Wirkung von Aktion und Gefahr. Er selbst war darauf angewiesen wie ein Drogensüchtiger auf seinen Stoff.

Und das war auch der Grund, warum er sich über das Bevorstehende wenig Illusionen machte.

Seit vier Monaten, seit seinem Flug nach London und der illegalen Paßbeschaffung, wurde er angetrieben von der allgegenwärtigen Gefahr, der Lebensnotwendigkeit sorgfältigster Planung und ständiger Wachsamkeit und in den letzten Tagen schließlich von dem berauschenden Gefühl des Erfolgs.

Doch nun, im Dschungel des peruanischen Hinterlands, war die Gefahr nicht mehr so groß. Man mußte zwar immer damit rechnen, daß plötzlich Regierungstruppen auftauchten, die zuerst ihre Maschinenpistolen sprechen ließen und dann Fragen stellten, aber ansonsten war kaum etwas zu befürchten. Und hier, oder genauer in Nueva Esperanza, das sie in wenigen Stunden erreichten, mußte Miguel auf zunächst unbestimmte Dauer bleiben, denn der Sendero Luminoso wollte es so.

Warum, wußte er nicht.

Auch wußte er nicht genau, wozu man die Gefangenen brauchte und was jetzt mit ihnen passieren würde. Er wußte nur, daß sie streng bewacht werden mußten. Vermutlich hatte man deshalb auf seiner Anwesenheit bestanden, da er für seine Verläßlichkeit bekannt war. Alles andere lag höchstwahrscheinlich in den Händen von Abimael Guzman, dem Gründer von Sendero Luminoso, der sich selbst für den unbefleckten maoistischen Jesus hielt, für Miguel aber inzwischen nur noch ein rasender Irrer war. Natürlich nur, wenn Guzman noch lebte, denn Gerüchte über seinen Tod kamen mit der Beständigkeit - und der Unzuverlässigkeit - des Dschungelregens.

Miguel haßte den Dschungel, die Selva, wie die Peruaner ihn nannten. Er haßte die allgegenwärtige Feuchtigkeit, die Fäulnis und den Zerfall, das Gefühl des Eingeschlossenseins in diesem schnell wachsenden, undurchdringlichen Dickicht, das unaufhörliche, dissonante Summen der Insekten, bei dem die Sehnsucht nach wenigen Minuten der Stille und der Erholung immer stärker wurde, die unzähligen, lautlos dahinhuschenden Schlangen. Und dieser Dschungel war riesig, fast doppelt so groß wie Kalifornien; er bedeckte drei Fünftel der Fläche Perus, während sich nur fünf Prozent der Bevölkerung in ihm verloren.