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Zu ihnen gehörte M. Porcius Cato, Sohn eines römischen Ritters aus dem Municipium Tusculum. Es ist nicht verwunderlich, wenn Cato wegen seiner Herkunft immer ein Außenseiter der römischen Nobilität geblieben ist.

Die unendlich vielen Kreuz- und Querverbindungen zwischen den einzelnen Familien schufen ein für den Fernerstehenden schwer durchschaubares Netz von Freundschaften und Feindschaften  (amicitiae inimicitiaeque),  Konstellationen, die oft auch für politische Entscheidungen in die Waagschale fielen. Mit Stolz rühmen sich die einzelnen Familien der Oberämter, der Consulate, Präturen und Censuren, die ihre Mitglieder errungen haben. Die großen Taten der Vorfahren leben weiter in den Inschriften auf den Ahnenbildern, die man beim Tode eines Familienmitglieds dem Leichenzuge voranzutragen pflegt. Stolz auf die  res publica  und Ahnenstolz stehen im Mittelpunkt des Denkens der römischen Nobiles. Nicht wenige unter ihnen haben sich als hervorragende Politiker erwiesen. Ganz besonders gilt dies von den  principes civitatis,  die oft starke Gruppen des Senats um sich versammeln; diese Männer haben entscheidend zum Aufbau des römischen Weltreichs beigetragen.

Die neuere Forschung hat immer wieder versucht, die römische Politik im Großen als ein Spiegelbild der Familiengeschichte der bedeutendsten römischen  gentes  zu sehen. Sowenig es zu leugnen ist, daß die zwischen den einzelnen einflußreichen Familien hin- und herlaufenden Verbindungen auf dem Gebiet der großen Politik virulent geworden sind, so wenig ist es wahrscheinlich, daß die römische Außen- und Innenpolitik primär aus den Daten der Familiengeschichten und aus ihren gegenseitigen Verflechtungen zu erklären ist. Man muß dazu noch wissen, daß das erhaltene Material weithin auf reinem Zufall beruht. Die Ergebnisse der Prosopographie der römischen Republik, so erhellend sie in einzelnen Fällen auch sein mögen, dürfen eben nicht überfordert werden, sie haben nicht als Tummelplatz weitgespannter Kombinationen zu dienen, die oft nur auf reiner Vermutung beruhen. Da das urkundliche Material für die Zeit der römischen Republik bei aller scheinbaren Reichhaltigkeit relativ gering ist, müssen für das 3. Jh. und das erste Drittel des 2. Jh. v. Chr. vor allem Polybios und die Partien des Livius die Grundlage liefern, die, soweit sie auf der Annalistik beruhen, stets einer strengen Nachprüfung bedürfen.

Das Vermögen der führenden Schicht, der Nobilität, bestand vor allem im Grundbesitz, oft von recht beträchtlicher Ausdehnung. Der Grundbesitz verlieh den Nobiles, und insbesondere den Senatoren unter ihnen, die wirtschaftliche Unabhängigkeit, so daß sie sich, oft jahrelang, dem Staatsdienst widmen konnten. Da gelegentlich sämtliche männliche Mitglieder einer Familie im Dienst des Staates standen, mußten abhängige Pächter die Landgüter verwalten, dazu wurden in steigendem Umfang Sklaven notwendig, die seit dem 2.

Punischen Kriege überall für billiges Geld zu haben waren. Zu dem Senatorenstand aber kam der  Ritterstand (ordo equester), seine Anfänge reichen in das 3. Jh. v. Chr. zurück. Die Ritter sind eine vermögende Mittelschicht, sie hatten sich durch Handelsgeschäfte und vor allem durch die lukrativen Kriegslieferungen großen Reichtum erworben. Bei den Rittern, insbesondere aber im Besitz der  sodetates publicanorum,  floß ein bedeutender Teil des privaten Kapitals zusammen, das in der Wirtschaft wie auch in der Steuerpacht eingesetzt wurde und wiederum hohen Gewinn abwarf. Die im Jahre 218 erlassene  lex Claudia  untersagte den Senatoren die Beteiligung an Handelsgeschäften. Wenn dieses Verbot auch nicht immer streng eingehalten worden ist, so konzentrierte sich dennoch das Vermögen und die Wirtschaftskraft von nun an immer stärker in den Händen des Ritterstandes. Da sich die Zahl der Senatoren nicht nur durch die verlustreichen Kriege, sondern auch durch das Aussterben so mancher Familie ständig verringerte, sind immer wieder einzelne Ritter zu den höchsten Ämtern des römischen Staates aufgestiegen; M'.Acilius Glabrio und M'. Porcius Cato sind hierfür zwei besonders bekannte Beispiele. Wie groß der Einfluß der Ritter schon vor der Mitte des 2. Jh. geworden war, zeigen die Vorgänge der Censur des Jahres 169. Die Censoren C. Claudius Pulcher und Ti. Sempronius Gracchus haben damals zahlreichen Rittern das Staatspferd genommen, sie wurden aus der Liste der  equites equo publico  gestrichen. Außerdem wurden durch ein censorisches Edikt gewisse Erschwerungen für die Versteigerung öffentlicher Einnahmen und Ausgaben angeordnet, eine Bestimmung, die natürlich gleichfalls vor allem die Ritter treffen mußte. Die Ritter aber gewannen den Volkstribunen P. Rutilius für sich, worauf der Censor C. Claudius Pulcher nur mit Mühe der Verurteilung durch das Volk entgangen sein soll. Das Geld war zu einer Großmacht im römischen Staate geworden, in der Verbindung von Rittern und Volkstribunat ist bereits die künftige

Entwicklung vorgezeichnet.

Auch auf geistigem Gebiet hat sich im beginnenden 2. Jh. eine bedeutende Umwälzung vollzogen, sie ist auf den steigenden Einfluß der griechischen Kultur und der hellenistischen Religiosität zurückzuführen. Bereits wenige Jahre nach dem Antiochoskriege mußte der römische Senat gegen die Ausbreitung des Dionysoskults in Italien einschreiten (186). Unter Androhung schärfster Strafen versuchte der Senat Kontrolle über den Dionysoskult zu erlangen - nicht wenigen Römern wird die Ausbreitung der orgiastischen Riten als ein Abfall von der Religion der Väter erschienen sein. Überhaupt waren alle Geheimlehren der römischen Staatsführung durchaus zuwider: so wurde im Jahre 181 die Verbrennung der pythagoräischen Schriften, der angeblichen Bücher des Numa, durch den Prätor Q. Petilius angeordnet.

Cato war sicherlich nicht der einzige, der sich der Überfremdung Roms und Italiens durch die griechische Zivilisation entschlossen entgegenstellte. Von dem humanistischen Wert des Hellenentunis wollte Cato gar nichts wissen, bezeichnend is t sein geradezu vernichtendes Urteil über Sokrates. Die griechischen Fachwissenschaften hielt er dagegen für wertvoll. Dies zeigen vor allem seine  Libri adfilium,  eine Enzyklopädie, in die Cato so manches griechische Wissen eingearbeitet hat. Aber auch hier stand nicht die von den Griechen so hoch geschätzte Theorie, sondern die Praxis im Vordergrund. Ganz ablehnend hat sich Cato über die griechische Schulmedizin geäußert, vielleicht ist sein Urteil durch das wenig erfolgreiche Wirken des griechischen Arztes Archagathos in Rom (man gab ihm den Spitznamen  carnifex,  «Henker») mitbestimmt worden. Die historischen Schriften Catos sind dagegen, obwohl in lateinischer Sprache verfaßt, ohne die griechischen Vorbilder nicht denkbar. Dies gilt insbesondere von den  «Origines»,  die schon in ihrem Titel (griechisch  ktiseis) die Abhängigkeit von der entsprechenden griechischen

Literaturgattung offenbaren. Cato aber war ein origineller Kopf, er wußte, was Rom den Latinern und den anderen Italikern verdankte, daher sein Interesse für die italischen Völker und Städte. Auch in Spanien hat er sich im Lande und unter den Menschen umgesehen. Der zu seiner Zeit üblichen römischen Geschichtsschreibung hat Cato eine schroffe Absage erteilt: er habe kein Interesse daran, sagte er, zu schreiben, was alles auf der Tafel der Pontifices stände, wie oft eine Teuerung und wie oft eine Mond- oder Sonnenfinsternis stattgefunden habe. Ganz besonders verhaßt aber waren ihm, dem  homo novus,  die Lobreden auf die großen Männer, er konnte sie nicht mehr hören. In seinem Geschichtswerk stellte er die Kriege des römischen Volkes dar, ohne auch nur einen einzigen der Feldherrn, weder einen Römer noch einen Punier, mit Namen zu nennen. Der römische Staat sei das Ergebnis einer langen Reihe von Generationen, seine Größe verdanke er nicht der Einzelpersönlichkeit, sondern dem Heldengeist des römischen Volkes  (ingenium populi Romani).  Seine Reden zeigen Cato als einen Mann mit hoher Zivilcourage, der nirgends ein Blatt vor den Mund nimmt. Daß er seine eigenen Verdienste nicht unter den Scheffel stellt, wird niemand einem echten Römer verargen, seine Zeitgenossen haben allerdings sein Selbstlob vielfach getadelt. Übrigens zeigen auch seine Reden, daß er in der rhetorischen Kunst bei den Griechen in die Schule gegangen ist.