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Im Winter 149/48 starb Massinissa, der Freund und Bundesgenosse der Römer. Die Nachfolge des Numiderkönigs wurde durch eine römische Kommission, der auch der Jüngere Scipio angehörte, in der Weise geregelt, daß Numidien unter seine drei Söhne, Micipsa, Gulussa und Mastanabal, geteilt wurde. Von ihnen nahm jedoch nur Gulussa auf römischer Seite am Kriege gegen Karthago teil. Die Römer erhielten aber Zuzug durch Phameas, den Führer der libyschen Reiterei des Hasdrubal. Auch der neue Consul L. Calpurnius Piso und sein Legat L. Hostilius Mancinus (148) vermochten außer der Einnahme der Stadt Neapolis (in der Nähe von Clupea) nur wenig Fortschritte zu erzielen, doch auch den Karthagern machten innere Zwistigkeiten zu schaffen. Sie nahmen aber Verbindungen mit den Mauri in Afrika und mit dem makedonischen Prätendenten Andriskos (s. S. 113) auf. In Rom richteten sich aller Augen auf P. Cornelius Scipio Aemilianus, den Sohn des Aemilius Paullus; die Comitien wählten ihn zum Consul, obwohl er erst 38 Jahre alt war und nur für das Amt des kurulischen Aedilen kandidiert hatte. Ein besonderer Volksbeschluß übertrug ihm dazu das Oberkommando in Afrika. Schon seine ersten Taten waren vom Glück begünstigt. Unmittelbar nach seiner Ankunft auf afrikanischem Boden befreite er L. Hostilius Mancinus aus einer prekären Lage, in die er durch einen Handstreich auf Karthago gekommen war. Im Frühjahr 147 begann der Endkampf. Die Römer brachen in die Vorstadt Megara ein, kamen aber wegen Geländeschwierigkeiten nicht vorwärts. Es zeigte sich, daß eine planmäßige Belagerung der Stadt vonnöten war. Der Isthmus wurde durch ein riesiges System von Befestigungswerken gesperrt, außerdem wurde quer zur Hafenmündung eine Mole errichtet. Ein Versuch der Belagerten, mittels einer Flotte die Zernierung zu durchbrechen, wurde von den Römern vereitelt. Im Winter 147/46 unterwarfen sich die libyschen Stämme den Römern, Karthago war von nun an vollständig isoliert. Als die

Römer (im Frühjahr 146) in zwei Kolonnen unter Scipio und Laelius zum Angriff antraten, kämpften die Karthager einen letzten Verzweiflungskampf, besonders erbittert wurde um die Byrsa, die Burg, gerungen, erst am siebenten Tage ergab sich die Zitadelle, 900 römische Überläufer kamen in den Flammen des Eschmun-Tempels ums Leben, Hasdrubal aber wurde verschont. 50000 Einwohner, Männer, Frauen und Kinder, gerieten in römische Gefangenschaft, sie wurden als Sklaven verkauft. Die erbeuteten karthagischen Waffen ließ Scipio verbrennen, die Mauern der Stadt wurden geschleift, über die tote Stadt sprach man einen Fluch aus: sie sollte für alle Zukunft unbewohnt bleiben. Das ehemals karthagische Gebiet wurde als Provinz  Africa  einem römischen Prätor unterstellt, er nahm seinen Amtssitz in der Stadt Utica.

Der Untergang Karthagos ist ein Ereignis von ungeheurer Tragweite in der Geschichte des Mittelmeerraumes. Die Stadt war auf dem Altar des römischen Sicherheitsbedürfnisses geopfert worden. Dennoch war mit der Vernichtung Karthagos keine eigentliche Lücke entstanden. Ist doch der Beitrag der Punier zur Geschichte der menschlichen Zivilisation mehr als bescheiden, die punische Kunst ist sogar von einer abstoßenden Häßlichkeit, für die es im Altertum schwerlich Parallelen gibt. Den karthagischen Künstlern mangelt es nicht nur an Originalität, sondern auch an jeglicher Grazie. Und die punischen Inschriften, mehrere Tausend an der Zahl, sind zumeist Grabinschriften oder Weihungen von ermüdender Einförmigkeit. Allerdings hat es so etwas wie eine karthagische Literatur gegeben, Juba von Mauretanien erwähnt  libri Punici, auch eine  Punica historia,  erwähnt von Servius in seinem Vergilkommentar (I 343), hat existiert, jedoch ist ihr Inhalt unbekannt, und von einer Schönen Literatur fehlt, sicher nicht durch Zufall, jede Spur. Es gab aber einen Traktat über die Landwirtschaft, ein Fachbuch, das einem Karthager namens Mago zugeschrieben wurde, und ein anderer Punier,

Kleitomachos, hat es als Schulhaupt der Neuen Akademie zu Athen, als Nachfolger des Karneades, zu hohem Ansehen und zu literarischer Berühmtheit gebracht, er soll über 400 Bände geschrieben haben. Im ganzen ist jedoch die Hinwendung der Punier zu ausschließlich kommerziellen Interessen für die karthagische Zivilisation kein Segen gewesen. Besonders abstoßend waren die Menschenopfer, die in Karthago dem Baal und der Tanit, der Himmelsgöttin, dargebracht wurden, eine grausige Sitte, die durch Funde von Tausenden von Urnen mit Kinderknochen in einem Heiligtum unweit vom Kothon, dem Handelshafen, bestätigt wird. In der Welt des Mittelmeeres waren die Karthager Fremdlinge, sie hatten sich nicht den anderen Völkern angeglichen, sondern ihre Eigenart bewahrt, ein Volk mit einer höchst einseitigen Begabung, das in seinem Todeskampf wenig Sympathien und keine Bundesgenossen gefunden hat.

13. Die römische Gesellschaft in der Mitte des 2. Jahrhunderts v. Chr.

Im 2. Jh. v. Chr. hat sich eine weitgehende Umschichtung der römischen und italischen Gesellschaft vollzogen, sie ist eine Folge der großen Kriege in Ost und West. Mit dem Niedergang des freien Bauerntums verbindet sich eine umfassende Kommerzialisierung: das Geld wird zu einer Großmacht, es hat auch auf die Politik maßgebenden Einfluß gewonnen. Doch nicht das Geld und das Streben nach Gewinn allein hat die Menschen in Italien geprägt, viel wesentlicher ist die Annäherung zwischen der römischen und der hellenistischen Kultur, insbesondere die Rezeption der griechischen Philosophie, die von größter Bedeutung für die Entwicklung des römischen Geisteslebens geworden ist. Es ist der Grieche Panaitios von Rhodos  (etwa 180-100 v. Chr.) gewesen, der den Römern den Zugang zu einer Philosophie mit neuen Perspektiven, auch für das politische Leben, erschlossen hat. Panaitios, aus vornehmer rhodischer Familie stammend, ist in Verbindung mit dem Jüngeren Scipio getreten. Auf der Gesandtschaft, die den Römer, wahrscheinlich im Jahre 140/39, in den Vorderen Orient führte, war Panaitios sein Begleiter. Später nach dem Tode Scipios, war er das Haupt der Mittleren Stoa in Athen. Vor allem durch seine im Scipionenkreis entstandene Schrift «Vom Staat» hat Panaitios das Denken der führenden römischen Männer entscheidend beeinflußt. Zwar ist diese wichtige Schrift als solche verloren - wir besitzen im übrigen kein einziges Fragment des Panaitios in griechischer Sprache -, aber sie läßt sich mit Hilfe einiger Schriften Ciceros, vor allem der Bücher  De re publica  und  De officiis,  in den Umrissen wiederherstellen. In diesem Werk hat der Grieche zwei Grundsätze propagiert: die Idee der «gemischten Verfassung»  (res publica mixta),  einen Gedanken, für den sich auch Polybios (Buch VI) erwärmt hat, dazu den Grundsatz, daß es die vornehmste Pflicht eines jeden Staates sei, seine Bürger zur Sittlichkeit zu erziehen. Hinzukommt noch die Idee vom antiken Führertum. Der Führer müsse von allen geachtet und verehrt werden, seine Kardinaltugend sei die Gerechtigkeit. Doch hat sich der Rhodier vor Übertreibungen wohl in acht genommen: auch die größten Feldherrn, meinte er, hätten ohne die Masse nichts erreichen können. Ganz besonders wertvoll und fruchtbar aber waren die Gedanken des Panaitios zum antiken Völkerrecht. Nach den Grundsätzen des griechischen Philosophen hätten allerhöchstens die Verteidigungskriege eine gewisse Berechtigung; vor allem aber seien nach errungenem Siege die Feinde zu schonen, soweit sich diese keine Verbrechen zuschulden kommen ließen: «Wenn aber der Sieg errungen ist, dann sind diejenigen Feinde zu schonen, die sich im Kriege nicht grausam, nicht wie wilde Tiere benommen haben ... Ich halte dafür, daß man stets nach einem Friedensvertrag streben muß, der keinerlei Tücken in sich birgt ... Auch für diejenigen, die man durch Gewalt niedergeworfen hat, muß man sorgen. Und insbesondere sind die, die erst nach der Niederlegung der Waffen sich dem Schütze des feindlichen Feldherrn anvertraut haben, auch wenn schon die Sturmböcke die Mauern erschüttert haben, zu schonen.» Hatten die Römer diese Pflichten gegenüber den unglücklichen Bewohnern von Karthago, Korinth und Numantia erfüllt? - Von Panaitios stammt die theoretische Rechtfertigung des römischen Imperialismus. Hierin hat er die Herrschaft der Römer als vereinbar mit der Gerechtigkeit erklärt. Die römische Herrschaft beruhe nicht auf dem Recht des Stärkeren, sondern des sittlich Besseren, das Endziel, dem sie zustrebe, sei die Wohlfahrt aller Untertanen. Panaitios war zutiefst davon durchdrungen, daß das römische Volk nicht nur zur Herrschaft berufen sei, sondern daß es diese auch im besten Sinne auszuüben imstande sei. Um die große von der Stoa den Römern gestellte Aufgabe, die unterworfenen Völker zu wahrer Humanität zu erziehen, haben sich vor allem die Besten unter den Römern bemüht, und es ist wahrlich kein Zufall, wenn sich gerade die sittlich am höchsten stehenden Männer der späteren römischen Republik zur Lehre der Stoa bekannt haben. Sie hatten ihre Prägung durch die Pflichtenlehre des rhodischen Philosophen empfangen, und dieser selbst sah das Ideal des stoischen Weisen, ausgezeichnet durch die Kardinaltugend der Megalopsychia  (magnitudo animi),  der Großherzigkeit, in Scipio Aemilianus verkörpert. Den inneren Halt aber fanden Scipio und seine Gesinnungsgenossen in der stoischen Idee der  pronoia,  der Vorsehung, die über das Schicksal des Weltganzen und der einzelnen Menschen wacht. Doch kannte Panaitios auch die Schattenseiten der menschlichen Natur zur Genüge. Es gäbe kein Verbrechen, was so verabscheuenswert wäre, daß es nicht dem Menschen vom Menschen angetan werde.