Bereits die athenische Philosophengesandtschaft des Jahres 155 hatte das Interesse für philosophische Fragen unter der gebildeten Jugend der Römer geweckt. Auch ein Mann wie der Arkader Polybios hat durch seine Freundschaft mit dem Jüngeren Scipio den Boden für die griechische Wissenschaft in Rom bereitet. Panaitios, der wahrscheinlich kurz nach dem Ende des 3. Punischen Krieges nach Rom gekommen ist, fand hier Zugang zum Herzen des Scipio Aemilianus, mit dem er eine lange Zeit, bis gegen 130, eng verbunden blieb. Die Symbiose griechischer Ethik und römischen Staatsdenkens ist ein neues Element in der abendländischen Geistesgeschichte. In Scipio Aemilianus glaubte Panaitios das Vorbild für seine Führergestalt gefunden zu haben. Für beide, für den Griechen wie für den Römer, war der Gedanke selbstverständlich, daß sich der Bürger dem Dienst am Staate zu widmen habe, und ferner, daß dieser Staat durch das aristokratische Lebensideal geprägt werden müsse. Nicht wenige Römer, die in der Politik der späteren Republik eine hervorragende Rolle spielen, haben dem scipionischen Kreise angehört. Unter ihnen finden sich Männer wie Q. Aelius Tubero, der auch ein astronomischmeteorologisches Werk verfaßte, im übrigen ein Jurist und Politiker, Enkel des Aemilius Paullus, ferner C. Laelius mit seinen Schwiegersöhnen C. Fannius (cos 122) und Q. Mucius Scaevola, der Letztgenannte ein vortrefflicher Redner und ein ebenso vorzüglicher Jurist, dazu vor allem aber eine Figur wie die des Rutilius Rufus, ein Mann, der später als Legat in Asia sein Amt ganz nach den strengen Grundsätzen der stoischen Ethik geführt hat, einer der wenigen, der dem erpresserischen Treiben der Publicani ohne Rücksicht auf seine eigene Person entschlossen entgegengetreten ist. Dazu kommen noch Sp. Mummius, der Bruder des L. Mummius, des Zerstörers von Korinth, ein hochgebildeter Mann, dessen Reisebriefe aus Griechenland noch von Cicero gelesen worden sind, endlich L. Furius Philus, der es bis zum Consulat und bis zum Proconsul in Spanien gebracht hat, ein treuer politischer Gesinnungsgenosse des Scipio Aemilianus. Die Wirkung des Scipionenkreises aber erstreckt sich bis tief hinein in die Geschichte der späteren Republik, Cicero, dem einzelne Männer noch persönlich bekannt waren, hat vor allem in seiner Schrift
De re publica dem Jüngeren Scipio und seinen Freunden ein unvergängliches Denkmal gesetzt. Und durch Cicero ist das Gedankengut der Mittleren Stoa in die Ideologie des Prinzipats eingegangen. Polybios, der Freund des Scipio Aemilianus, hat in dem 6. Buch seiner Historien das Lob der römischen Verfassung damit begründet, daß sie Elemente der Monarchie, der Aristokratie und der Demokratie in sich vereinige und dadurch das Ideal der Gemischten Verfassung verwirkliche. Der griechische Historiker hat diese Kapitel wohl um 150 v. Chr. niedergeschrieben. Gewisse pessimistische Betrachtungen dürften gleichfalls schon aus dieser Zeit stammen, wenn es auch nicht unmöglich ist, daß sie erst unter dem Eindruck der gracchischen Revolution Eingang in das Geschichtswerk gefunden haben. Da Polybios viele Jahre hindurch Augenzeuge des politischen Lebens und Treibens in Rom gewesen ist, so wird es ihm nicht verborgen geblieben sein, daß sich die eigentliche Regierung in den Händen einer zahlenmäßig begrenzten Oberschicht befunden hat. Es war dies die Nobilität, der Amtsadel, der sich in jenen Familien verkörperte, von denen es ein Vorfahre zum höchsten Amt der Republik, zum Consulat, gebracht hatte. Theoretisch war allerdings der populus Romanus in den Comitien souverän, hier wurde über Krieg und Frieden abgestimmt, ebenso auch über die vom Senat vorgelegten Gesetze. Aber das Volk war zu einem beträchtlichen Teil mit den großen Adelsfamilien durch Bande der Klientel verbunden, es besaß ferner keine eigene Initiative, denn die Zeit der großen Demagogen sollte erst noch kommen. In Wahrheit war allein der Senat dominierend, er führte, um nur einige Einzelheiten zu nennen, die Aufsicht über die Staatsfinanzen, er bestellte aus seiner Mitte die Richterkommissionen, er wählte die Zehnmänner, denen die Ausführung der Friedensverträge übertragen ward. Von «Parteien» im modernen Sinne kann weder im Senat noch in den Comitien die Rede sein, wohl aber waren die nobiles in zahlreiche factiones mit stark wechselndem Charakter gespalten, die vielfach gegeneinander, gelegentlich aber auch miteinander den politischen Kurs bestimmten. Wer im Senat etwas erreichen wollte, tat gut daran, sich der Unterstützung Gleichgesinnter, insbesondere aber der Hilfe der Häupter der großen Familien, der principes civitatis, zu versichern. Hatte eine Familie eine überragende Führergestalt hervorgebracht wie die Cornelier den Älteren Scipio, so konnte dieser seine politischen und strategischen Ideen mit Hilfe seiner Freunde nicht nur im Senat, sondern auch in den Comitien durchsetzen. Ein im ganzen sicherlich zutreffendes Bild der herrschenden römischen Oligarchie enthalten die Consularfasten: von den 108 Consuln der Jahre von 200 bis 146 gehören nur acht solchen Familien an, die vorher dem Staat noch keine Consuln gestellt hatten, d. h. die novi homines sind an Zahl verschwindend gering. Zu den führenden Familien im 2. Jh. v. Chr. zählen außer den Corneliern noch die Valerier, Claudier, Servilier, Aemilier und Fabier, aber auch noch einige andere Familien haben kürzere Zeit in der römischen Nobilität dominiert wie etwa die Fulvier und die Postumier. Alles in allem sind es etwa 30 bis 40 Familien, denen das Schicksal des ganzen römischen Volks anvertraut ist. Trotz mancher Schwächen im einzelnen haben diese Männer die schwierigen Aufgaben vortrefflich gemeistert, im ganzen werden die politischen Entscheidungen des Senats der Wirklichkeit durchaus gerecht, wenn auch eine übertrieben konservative Haltung ganz unverkennbar ist.