Um die Mitte des 2. Jh. v. Chr. haben, soweit wir wissen, zum ersten Male auch Frauen eine Rolle in der römischen Politik gespielt, es sind dies Aemilia, die Gattin des Älteren Scipio, über deren Prachtentfaltung Polybios so manches zu berichten weiß, und vor allem Cornelia, ihre Tochter, die Gattin des Älteren Ti. Sempronius Gracchus, durch den sie die Mutter der beiden Gracchen, des Ti. und des C. Gracchus, geworden ist. Als sie verwitwet war, soll Cornelia die Hand des Ptolemaios VIII. Euergetes II. ausgeschlagen haben. Im übrigen führte sie ein großes Haus, sie war befreundet mit griechischen Gelehrten, ihre Söhne ließ sie durch Diophanes von Mytilene und Blossius von Cumae unterrichten. Ihre Tochter Sempronia wurde die Gemahlin des Scipio Aemilianus, während ihr ältester Sohn Tiberius eine Tochter des Ap. Claudius Pulcher heimführte. Ap. Claudius aber, der Schwiegervater, war ein geschworener Feind des Scipio Aemilianus. Auch der jüngere Sohn, C. Gracchus, der in die Familie der Sulpicier einheiratete, fand dadurch Anschluß an eine gens, die mit den Corneliern verfeindet war.
Um die Mitte des 2. Jh. v. Chr. beginnt in Rom die Macht des Kapitals zu wachsen. Es befindet sich in den Händen der Ritter (equites), die sich vor allem auf dem Gebiet der Staatspacht betätigen. Für die Ausführung der öffentlichen Bauten haben sie die Voraussetzungen geschaffen, denn sie allein sind imstande, die für die Baukontrakte notwendigen Kapitalien vorzustrecken. Ob es sich um die Pflasterung von Straßen, um den Bau von Tempeln, Säulenhallen, Brücken und Aquädukten handelt - überall ist das Geld der Ritter mit im Spiel. Außerdem pachten sie die Hafenzölle (portoria) und die allgemeinen Abgaben (vectigalia), dabei schließen sich die Pächter in der Regel zu Gesellschaften (societates) zusammen. Die zumeist recht zufälligen Angaben der Überlieferung zeigen zum mindesten soviel, daß das ritterliche Kapital bei vielen Gelegenheiten gewinnbringend eingesetzt wurde, insbesondere bei der Ausbeutung der Bergwerke. So waren beispielsweise die Goldminen von Victumulae (bei Placentia) ebenso in den Händen der Publikanen wie die berühmten Silberbergwerke von Neukarthago, die 40000 Arbeiter beschäftigt haben sollen. Dem römischen Volk brachten sie alljährlich 9 Millionen Drachmen. Die Finanzgesellschaften haben zum Aufbau einer rationellen Wirtschaft zweifellos das ihre beigetragen, doch waren sie rücksichtslos auf ihren Profit bedacht, von sozialem Empfinden ist bei ihnen ebensowenig zu verspüren wie etwa in der Schrift des Älteren Cato über die Landwirtschaft. Der Senat aber hat diese Entwicklung sogar noch gefördert.
Der mittlere und kleinere Bauernstand hatte in Italien durch den 2. Punischen Krieg schwere Schläge erlitten, von denen er sich niemals mehr erholen sollte. Die Bauern litten insbesondere unter der Konkurrenz der Großbetriebe, die ganze Scharen von Sklaven beschäftigten. Die Latifundien ließen sich rationeller bearbeiten, und das aus Übersee eingeführte Getreide gelangte billiger auf den Markt. Allein in den gebirgigen Zentrallandschaften Mittelitaliens hielt sich das Kleinbauerntum, hier war kein Raum für größere Landgüter. Weite Strecken Süditaliens dagegen wurden zu ausgesprochenem Weideland. Noch bedenklicher aber war die
Abwanderung der ländlichen Bevölkerung nach Rom, hier begann sich ein umfangreiches Proletariat zu bilden. Da man ihre Stimmen in den Comitien nicht entbehren konnte, mußte man sie durch Spenden und Getreidezuteilungen bei guter Laune halten. Das älteste Beispiel für ein congiarium stammt übrigens vom Älteren Scipio (213 v. Chr.). Besondere Berühmtheit aber erlangten die Spenden des M'.Acilius Glabrio, als er sich m Jahre 189 um die Zensur bewarb. Im ganzen wird die erste Hälfte des 2. Jh. v. Chr. in Rom und weithin in Italien durch den Rückgang eines leistungsfähigen Mittelstandes, in den Städten wie auf dem Lande, gekennzeichnet. Auch die zahlreichen, oft sehr blutigen Kriege haben die Zahlen der römischen Bürger verringert, an die Stelle der freien Arbeit ist die Arbeit der Sklaven getreten, der Substanzverlust der Mittelklassen hat schwerwiegende soziale Verwicklungen hervorgerufen: der Zusammenballung großer Kapitalien in den Händen der Reichen steht ein Absinken weiter Schichten in die bitterste Armut gegenüber. Es ist das geschichtliche Versäumnis der führenden Kreise in Rom, diese Entwicklung nicht nur geduldet, sondern vielfach noch begünstigt zu haben, bis die Revolution an die Tore klopfte.
14. Die spanischen Kriege der Römer (154-133 v. Chr.)
Die Geschichte der spanischen Kriege, beginnend mit dem Aufstand der Beller, gipfelnd in der Erhebung des Viriatus und endend mit der Zerstörung von Numantia, ist kein Ruhmesblatt der römischen Geschichte. Ganz davon abgesehen, daß hier zum erstenmal mehr römische Niederlagen als Siege zu verzeichnen sind, haben die spanischen Kriege auch die innere Schwäche des römischen Heerwesens in schonungsloser Weise vor aller Welt bloßgestellt. Dazu kommen sehr bedenkliche Erscheinungen in Rom, insbesondere bei der Aushebung; die römischen Magistrate vermögen sich nicht mehr durchzusetzen, da ihnen von den Volkstribunen Schwierigkeiten bereitet werden. In ihrem Verhalten gegenüber den Spaniern sind die Römer weder vor Hinterlist noch vor Treulosigkeit, ja nicht einmal vor Meuchelmord zurückgeschreckt. Viele römische Heerführer erscheinen als absolut unfähig, um so leuchtender steht ihnen die Heldenfigur des Lusitaniers Viriatus gegenüber, ein Mann, der seiner historischen Bedeutung nach in die Reihe der großen Feinde Roms, des Mithradates VI. Eupator, des Vercingetorix und des Arminius, gehört. Im übrigen aber ist der über 20 Jahre andauernde spanische Krieg das außenpolitische Vorspiel der gracchischen Revolution; die Mißstände in Rom, in Italien und auf dem spanischen Kriegsschauplatz haben die Tätigkeit der Gracchen geradezu herausgefordert, die Vorgänge der Innenpolitik sind ohne die außenpolitischen Ereignisse nicht zu verstehen - Unter der Statthalterschaft des Ti. Sempronius Gracchus, des Vaters der beiden Gracchen, war im diesseitigen Spanien im Jahre 179/78 v. Chr. wieder Ruhe eingetreten, die trotz aller Wechselfälle im einzelnen über ein Vierteljahrhundert Bestand gehabt haben. Für beide Teile, für die Römer ebenso wie für die Spanier, war es ein Verhängnis, daß Gracchus keine ebenbürtigen Nachfolger finden sollte. Schon im Jahre 174 berichten die Quellen von ernsten Unruhen, die angeblich auf die Tätigkeit des Proconsuls Ap. Claudius zurückzuführen sind. Der Statthalter hat im übrigen dem römischen Staatsschatz eine gewaltige Summe Gold und Silber eingebracht. Die Lage in Spanien im Jahre 171 beleuchtet ein Senatsbeschluß, der die Hauptbeschwerden der Provinzialen, insbesondere die Bedrückungen bei der Besteuerung des Getreides, zu lindern versuchte. Mit dem Jahre 167 bricht der erhaltene Teil des livianischen Geschichtswerks ab, so daß die Entwicklung der nächsten 13 Jahre im Dunkel liegt.