Keiner der beiden Gracchen hat etwas Dauerndes erreicht. Der Versuch, die aus griechischer Umwelt stammende Idee von der Volkssouveränität nach Rom zu verpflanzen, ist gänzlich fehlgeschlagen. Der wesentliche Grund für das Scheitern der gracchischen Bewegung aber liegt in dem ganz unnatürlichen Bündnis zwischen dem großstädtischen Proletariat und dem Großkapital, das sich im Ritterstand verkörperte. Die gesellschaftlichen Beziehungen wiesen den Ritterstand nach oben, an die Seite der Senatoren, nicht nach unten. Dazu kam der unüberwindliche Widerstand des ersten Standes, der Senatoren; sie konnten in den Bestrebungen der Gracchen nichts anderes als eine Auflösung der alten Staatsordnung sehen, und von ihrem Standpunkt aus hatten sie nicht einmal unrecht. Wie sein Bruder Tiberius, so ist schließlich auch C. Gracchus zum Revolutionär geworden, er hat Tausende mit ins Verderben gerissen.
Die weitere Entwicklung der römischen Agrargeschichte ist allerdings ohne die gracchischen Reformen nicht denkbar. Die Gesetze blieben in Geltung, doch wurden sie beträchtlichen Änderungen unterworfen. Auch die Ackerkommissionen haben ihre Tätigkeit bis zum Jahre 119 fortgesetzt. Die Unveräußerlichkeit der neuen Bauernstellen wurde jedoch bald aufgehoben, und die Lex Thoria verbot weitere Landanweisungen, die possessores erhielten ihren Anteil am ager publicus als volles Eigentum gegen Entrichtung einer geringen Abgabe. Den Schlußstrich aber zog ein Gesetz (vom Jahre 111?), das sowohl das okkupierte wie das assignierte Land des ager publicus zum Privateigentum erklärte. Die Kolonie Junonia wurde jedoch bald wieder aufgehoben, an ihrer Statt in Südgallien die Kolonie Narbo Martius (Narbonne) gegründet (118 oder 117 v. Chr.). Der Kampf der Gracchen war also nicht ganz umsonst gewesen, eine große Zahl von capite censi hatte Landzuweisungen erhalten, und selbst der Senat hatte sich der Notwendigkeit agrarischer Reformen nicht ganz verschließen können. Aber das Agrarproblem ist weiterhin in der Schwebe geblieben, es hat immer wieder sein Haupt erhoben, es ist in Rom niemals gelöst worden.
Die Sklavenkriege: Im Zeitalter der Gracchen ist zum ersten Male auch das Sklavenproblem für den römischen Staat zu einer Gefahr geworden. Die römischen Feldzüge im Osten, vor allem die Kriege gegen Makedonien und das Seleukidenreich, hatten die Zahl der Sklaven in Italien beträchtlich vermehrt. Das flache Land hatte einen großen Bedarf an Arbeitskräften, zumal die Zahl der freien Bauern zurückging. Zum Einsatz gelangten die Sklaven vor allem auf den großen Latifundien. Im übrigen ist aber die Sklavenfrage keineswegs nur ein Kennzeichen Roms und Italiens, sie gehört vielmehr in den Rahmen einer Gesamtgeschichte des Mittelmeerraums, mag die soziale Lage der Sklaven im Osten und in Griechenland auch anders gewesen sein als in Italien. Es existierten jedoch unzählige Kanäle, durch welche die Sklaven des Ostens und des Westens miteinander in Verbindung treten konnten, und in der Tat sind die Sklavenaufstände ohne diese Kommunikation historisch kaum zu verstehen.
Ganz verfehlt wäre es jedoch, in den Aufständen der Sklaven, der unfreien Arbeiter, den Beginn eines regelrechten Klassenkampfes zu sehen. Die Sklaven haben sich nie und nirgends erhoben, um die Sklaverei als Institution abzuschaffen. Vielmehr wandten sie sich gegen die teilweise unmenschliche Behandlung, sie erstrebten eine Verbesserung ihrer Lage, zum mindesten aber Verständnis für ihre soziale Situation. Von der Idee der Weltrevolution kann keine Rede sein, daher sind die immer wieder gezogenen Parallelen zur modernen Entwicklung nicht nur schief, sondern sogar ganz unhaltbar. Richtig ist allerdings, daß vielfach die Nichtbesitzenden, und unter ihnen vor allem weite Kreise der kleinen Handwerker, mit den Sklaven sympathisierten. Der Gegensatz ist vielfach nicht Sklaven und Nichtsklaven, sondern Besitzende und Habenichtse. Doch kann von irgendeiner gemeinsamen Ideologie nirgends die Rede sein. Ist es ein reiner Zufall, wenn die Sklavenbewegungen in der antiken Welt etwa um die Mitte des 2. Jh. v. Chr. einsetzen? Stehen die Sklavenaufstände in Zusammenhang mit den Erhebungen der einheimischen Völker in Palästina (Aufstand der Makkabäer, seit 166), in Ägypten, vielleicht sogar in Spanien (seit 154)? Haben sich Nationalismus und soziale Probleme miteinander verbunden? Auf jeden Fall treten die Sklaven gelegentlich in nationalen Gruppen auf. So haben sich auf Sizilien vor allem die syrischen Sklaven zusammengeschlossen.
Schon die Erhebung des Andriskos in Makedonien (149-147), aber auch die Umwälzungen im Achäischen Bund unmittelbar vor der letzten Auseinandersetzung mit den Römern zeigen gewisse Züge, die unverkennbare Ähnlichkeit mit Vorgängen der etwas späteren Sklavenaufstände aufweisen: das flache Land wird durch Banden von Abenteurern in Furcht und Schrecken versetzt, das Eigentum der Reichen wird geplündert, überall dringt der Bodensatz der Bevölkerung an die Oberfläche, die Besitzenden werden drangsaliert und von Haus und Hof vertrieben. Dazu sind im Achäischen Bunde unter der Führung des Strategen Kritolaos viele Tausende von Sklaven freigelassen worden (angeblich 12000).
Der erste Sklavenstaat, von dem die Geschichte kündet, hat sich im Jahre 135 in Sizilien gebildet. Ein syrischer Sklave namens Eunus stellte sich an die Spitze seiner Genossen; er bemächtigte sich der Stadt Henna im Zentrum der Insel, ließ sich zum König ausrufen und nannte sich Antiochos. Sein Volk aber bezeichnete er als «Syrer». Was Eunus-Antiochos hier zu errichten versuchte, war offensichtlich ein hellenistisches Königtum und ein hellenistischer Staat nach dem Vorbild der Seleukiden. Gegen die sizilischen Sklaven konnten sich die Römer erst nach mehreren Jahren durchsetzen. P. Rupilius (Consul 132) zog den Schlußstrich, er eroberte die Stadt Tauromenion zurück, die von den Sklaven besetzt worden war. Die Römer ließen den Sklavenkönig Eunus-Antiochos am Leben, auch sonst verlautet nichts von Hinrichtungen. Offenbar wollte man die Latifundien nicht ihrer besten Arbeitskräfte berauben. Die Gesamtzahl der am ersten sizilischen Sklavenaufstand Beteiligten soll nicht weniger als 70000 betragen haben. Die Unruhen hatten übrigens auch auf Italien übergegriffen. In Rom, Sinuessa und Minturnae kam es zu Erhebungen, in Minturnae sollen 450 Sklaven den Kreuzestod erlitten haben. Auch die Unruhen in Athen und auf Delos stehen wahrscheinlich mit den Ereignissen in Sizilien in