Einer Expansion des pontischen Reiches in Kleinasien standen weniger die anatolischen Fürstentümer als die Römer im Wege. Die nominell selbständigen Staaten an den Grenzen des pontischen Reiches - Kappadokien, Galatien, Paphlagonien und Bithynien - bildeten für die Aspirationen des Mithradates keine großen Hindernisse. Am bedeutendsten war noch Bithynien, es war ein aufstrebender Staat mit reichen natürlichen Hilfsquellen, vor allem das Holz seiner Wälder war in aller Welt sehr begehrt. Mithradates war so klug, mit dem König von Bithynien, Nikomedes III. Euergetes, eine Übereinkunft zu schließen, und zwar auf Kosten Paphlagoniens, das zwischen den beiden Herrschern geteilt wurde. Die Römer, mit den Kimbern und Teutonen beschäftigt, begnügten sich mit einem lahmen Protest, der von niemandem ernst genommen wurde. Nachdem die beiden aggressiven Könige auch zur Teilung von Galatien geschritten waren, kam es jedoch zwischen ihnen wegen Kappadokien zu Zwistigkeiten, Mithradates aber setzte als der Rücksichtslosere mit Mord und Verrat seinen Willen durch. Einer seiner Söhne, ein Knabe von acht Jahren, der fortan den Namen Ariarathes führte, wurde als König in Kappadokien eingesetzt, er hat hier etwa fünf oder sechs Jahre lang regiert, und zwar unter der Vormundschaft eines Kappadokers, des Gordios, der das besondere Vertrauen des Königs Mithradates genoß. Seine Regierung fällt wahrscheinlich in die Zeit von 100 bis 95 oder 94 v. Chr. Der bithynische König Nikomedes III. aber appellierte an die Römer. Diese verfügten, daß beide Herrscher, Mithradates ebenso wie Nikomedes, ihre Eroberungen in Kleinasien wieder herausgeben sollten. Kappadokien erhielt in Ariobarzanes einen neuen König (95 oder 94).
Mithradates war nun an einem Wendepunkt seiner Politik angelangt. Hatte er sich bisher bemüht, mit Hilfe seines bithynischen Bundesgenossen ein Reich in Zentralanatolien aufzubauen, so wandte er jetzt seinen Blick nach dem Osten. Er brauchte Hilfe, denn es war ihm klar geworden, daß Rom einer weiteren Expansion nicht tatenlos zusehen würde. Wollte jedoch Mithradates den Römern mit einiger Aussicht auf Erfolg entgegentreten, so brauchte er Bundesgenossen, und hier bot sich ihm sein Schwiegersohn, der König Tigranes von Armenien, an. Das Land Armenien lag weit außerhalb der römischen Einflußsphäre, es war eng verbunden mit dem Partherreich. Mithradates und Tigranes waren, wenn sie zusammenstanden, allen anderen Mächten in Kleinasien überlegen. Der armenische Herrscher eröffnete die Offensive, er fiel in Kappadokien ein und vertrieb den König Ariobarzanes, worauf Gordios wiederum als Regent des Königreichs eingesetzt wurde. Ariobarzanes aber eilte schnurstracks nach Rom, sein Gold trug entscheidend dazu bei, daß sich die Römer endlich aus ihrer Lethargie aufrafften: sie beauftragten L. Cornelius Sulla, den Proprätor von Kilikien, Ariobarzanes in sein Reich zurückzuführen. Sulla hat diese Aufgabe vorzüglich gelöst, die Scharen der Kappadoker und Armenier wichen vor ihm bis an den Euphrat zurück. Hier empfing ihn ein Abgesandter des Partherkönigs mit Namen Orobazos. Er verkündete dem Römer, daß der Euphratstrom fortan die Westgrenze des Partherreiches sein solle. Bei der Zusammenkunft hat Sulla die Würde des römischen Imperiums in eindrucksvoller Weise zur Geltung gebracht. Auf hohem Thronsessel sitzend, erteilte er dem parthischen Bevollmächtigten Audienz; dem Orobazos und dem Kappadokerkönig Ariobarzanes waren niedrigere Sitze zugewiesen worden (92).
In Italien waren die Jahre von 89 bis 85 eine Zeit schwerster innerer Kriege. Mit dem Bundesgenossenkrieg (s. S. 147 ff.) verquickte sich die blutige Auseinandersetzung zwischen den Optimaten und Populären. Hervorgegangen waren die Zwistigkeiten aus dem Streit zwischen dem Senat und den Rittern wegen der Besetzung der Gerichte. Und zwar hatte der Volkstribun M. Plautius Silvanus ein Gesetz eingebracht, wonach die Richter aus dem Volk, je 15 aus jeder Tribus, gewählt werden sollten. Außerdem gab es Unruhen zwischen Gläubigern und Schuldnern, bei denen der Prätor A. Sempronius Asellio sein Leben verlor. Rom machte eine wirtschaftliche Krise durch, die durch den Bürgerkrieg noch verschärft wurde. Am verderblichsten aber war der Antagonismus zwischen Sulla und Marius. Zuerst stritten sie sich um das Kommando im Kriege gegen Mithradates, der Senat übertrug es im Jahre 88 dem Sulla. Marius verband sich daraufhin mit dem Volkstribunen P. Sulpicius Rufus, einem begabten Redner, der von der Hocharistokratie zu den Populären übergewechselt war. Die beiden setzten nicht nur die Aufnahme der Bundesgenossen in alle Tribus durch, sie erreichten es auch, daß das lukrative Kommando im mithradatischen Kriege dem Marius zugesprochen wurde, und zwar auf Volksbeschluß. Sulla, der mit seinen Legionen vor Nola stand, ließ sich dies nicht bieten, er zog gegen Rom und überrumpelte die Stadt. Eine Anzahl von Gegnern Sullas wurde zu hostes publici erklärt. Sulpicius Rufus fand den Tod, seine Gesetze wurden wieder gestrichen. Marius konnte nach Afrika entkommen. Obwohl Sulla darauf brannte, den Krieg gegen Mithradates aufzunehmen, fand er doch noch die Zeit, eine Anzahl reaktionärer Maßnahmen in Rom durchzuführen. So beschnitt er die Rechte der Volkstribunen, die Beschlüsse der Comitien wurden von der Genehmigung des Senats (patrum auctoritas) abhängig gemacht. Außerdem ernannte er 300 neue Senatoren aus der Nobilität. Dies waren die ersten sullanischen Gesetze, ihre Dauer aber war nur sehr kurz, denn zu Beginn des Jahres 87 verließ Sulla Italien, seine Gegner haben die von ihm getroffenen Anordnungen bald wieder rückgängig gemacht.
Der 1. Mithradatische Krieg (89-85) hat sich an der Nachfolgefrage in Bithynien entzündet. Hier hatte Mithradates versucht, nach dem Ableben des Nikomedes III. Euergetes, eines grausamen und haltlosen Tyrannen, dessen Halbbruder Sokrates Chrestos auf den Thron zu bringen. Dieses Mal handelten die Römer; sie nahmen sich der beiden Fürsten, des Ariobarzanes von Kappadokien und des Nikomedes IV., an und ließen sie durch den Consular M'.Aquillius wieder in ihre angestammten Reiche zurückführen (90-89). Ihre Dienste wollten sie sich jedoch von den beiden Fürsten bezahlen lassen, sie verlangten von ihnen die Erstattung der Kosten, die ihnen durch die Bereitstellung von Ausrüstung und Bewaffnung entstanden waren. Da aber in den königlichen Kassen Ebbe herrschte, gaben die Römer den Königen den Rat, sich an Mithradates schadlos zu halten! Und wirklich ließ sich Nikomedes IV. zu einem Einfall in das Reich des pontischen Königs hinreißen, Mithradates hielt sich klugerweise zurück, verlangte aber von M'.Aquillius Genugtuung, die ihm jedoch verweigert wurde. Die Römer mußten ihr Intrigenspiel teuer bezahlen, Mithradates stand auf dem Höhepunkt seiner Macht, Heer und Flotte waren für den Kampf aufs beste gerüstet, mit einer Reihe von benachbarten Fürsten und Königen hatte er Verträge geschlossen; insbesondere mit dem Herrscher von Armenien und dem parthischen Großkönig war er eng verbunden, so daß er für seine Ostgrenze nichts zu befürchten hatte. In Italien aber brannte immer noch die Fackel des Bürgerkrieges. Die Schuld, Rom in einen Krieg mit ganz unabsehbaren Folgen gestürzt zu haben, fällt eindeutig dem M'.Aquillius und seinen Ratgebern zur Last. Gegenüber dem buntscheckigen Heere, bestehend aus Bithynern, den Kontingenten anderer kleinasiatischer Dynasten und wenigen römischen Soldaten, konnte sich denn auch Mithradates ohne große Mühe durchsetzen. In einem Blitzfeldzug unterwarf er fast das ganze westliche Kleinasien, nur wenige Griechenstädte leisteten erfolgreichen Widerstand, unter ihnen Stratonikeia und Tabai in Karien sowie Magnesia am Sipylosberge. Auch Rhodos und die lykischen Gemeinden hielten auf römischer Seite aus. Mithradates aber erließ im Jahre 88 von Ephesos den berüchtigten Blutbefehl, der die Ermordung sämtlicher Italiker (nicht nur der Römer unter ihnen) in der Provinz Asia anordnete. In dieser Provinz hatte sich in den 40 Jahren römischer Herrschaft ein ungeheurer Haß gegen die Römer, insbesondere gegen die Steuerpächter, die Publikanen, angesammelt, der sich in geradezu furchtbarer Weise Luft machte. Angeblich sind 80000 Menschen ums Leben gekommen. In vielen Städten, vor allem aber in den großen Heiligtümern der Provinz, spielten sich erschütternde Schreckensszenen ab, zahlreiche Römer, unter ihnen auch M'.Aquillius, wurden den Schergen des Mithradates überliefert. Wenn auch die Kämpfe in Italien zwischen den Römern und den Italikern sowie der Bürgerkrieg zwischen den Marianern und den Anhängern Sullas in der rücksichtslosesten Weise geführt worden sind, so ist doch ein derartiger Massenmord in der gesamten Geschichte des Altertums ohne