»Wir haben bis jetzt Geduld genug, ja nur zuviel gehabt,« unterbrach ihn der König, »und werden, da der Zweck Deiner Sendung nur der gewesen zu sein scheint, Uns zu beleidigen, jemand in Unserm Namen an den Herzog von Burgund senden – überzeugt, daß Du in Deinem Benehmen gegen Uns die Grenzen Deines Auftrages überschritten hast.«
»Im Gegenteil,« sprach Crevecoeur, »ich habe mich meines Auftrages noch nicht vollständig entledigt. Höret denn, Ludwig von Balois, König von Frankreich, hört mich, Ihr Edle und Herren, die Ihr etwa zugegen seid, höret mich, all Ihr guten und getreuen Leute – und Du, Toison D'Or« (hier wandte er sich an den Herold) »verkündige mir nach! ich, Philipp Crevecoeur von Cordes, Reichsgraf und Ritter des ehrenfesten und fürstlichen Ordens vom Goldenen Vließe, im Namen des sehr mächtigen Herrn und Fürsten, Karls von Gottes Gnaden, Herzogs von Burgund und Lothringen, von Brabant und Limburg, von Luxemburg und Geldern, Grafen von Flandern und Artois, Pfalzgrafen von Hennegau, Holland, Seeland, Namur und Zütphen, Markgrafen des heiligen römischen Reiches, Herrn von Friesland, Salins und Mecheln, tue Euch, König Ludwig von Frankreich, hiermit öffentlich kund und zu wissen, daß Er sich, da Ihr Euch geweigert habt, den mancherlei Beschwerden und Unbilden und Beeinträchtigungen, die durch Euch oder durch Euer Anstiften Ihm und seinen lieben Untertanen zugefügt worden sind, sich durch meinen Mund von aller Lehnsverbindlichkeit und Treue gegen Eure Krone und Würde lossagt, Euch für falsch und treulos erklärt und Euch als Fürsten und Mann in die Schranken fordert. Hier liegt mein Handschuh zum Zeugnis dessen, was ich gesprochen.«
Mit diesen Worten zog er den Handschuh von seiner Rechten und warf ihn auf den Boden des Saales hin. Bis zu diesem höchsten Grade von Verwegenheit hatte in dem königlichen Gemache während dieser außerordentlichen Szene das tiefste Schweigen geherrscht; allein der Schall des niedergeworfenen Handschuhs, begleitet von dem Ausrufe des burgundischen Herolds: »Es lebe Burgund!« wurde kaum vernommen, so erhob sich unter den Anwesenden ein allgemeiner Aufruhr. Während Dunois, Orleans, der alte Lord Crawford und einige andre, die ihr Rang zu einer Einmischung berechtigte, sich darum stritten, wer den Handschuh aufheben dürfe, schrien die andern im Saale: »Nieder mit ihm! haut ihn in Stücke! kommt er her, den König von Frankreich in seinem eignen Palaste zu beschimpfen?«
Der König besänftigte den Aufruhr, indem er mit donnernder Stimme rief: »Ruhe, Ruhe, meine Getreuen! lege keiner Hand an diesen Mann, noch berühre er diesen Handschuh ... Und Ihr, Herr Graf, woraus besteht denn Euer Leben, daß Ihr es auf einen so gefährlichen Wurf setzt? oder ist Euer Herzog aus einem andern Metall, als die übrigen Fürsten, daß er seine vermeintlichen Ansprüche auf solch ungewöhnliche Weise geltend macht?«
»Allerdings ist er von andrem, edlerm Metall, denn alle übrigen Fürsten Europas,« sprach der unerschrockene Graf; »denn da kein anderer es wagte, Euch – Euch, König Ludwig, Schutz zu geben – als Ihr aus Frankreich verbannt waret, verfolgt von dem Grimme väterlicher Rache, und all der Macht des Reiches, da war Er es, der Euch wie einen Bruder aufnahm und beschützte, und Ihm habt Ihr seinen Edelmut so schlecht vergolten! – Lebt wohl, Sire, mein Auftrag ist ausgerichtet.« Mit diesen Worten verließ Graf Crevecoeur plötzlich den Saal. »Ihm nach – ihm nach – hebt den Handschuh auf und ihm nach!« rief der König. »Ich meine Euch nicht, Dunois, auch nicht Euch, Mylord Crawford; Ihr dünkt mir für einen solchen Strauß zu alt; noch Euch, Vetter Orleans; Ihr seid zu jung dazu ... Herr Kardinal, Herr Bischof von Auxerre – Euer heilig Amt ist es, Frieden zu stiften unter Fürsten; hebt Ihr den Handschuh auf und stellt Graf Crevecoeur die Sünde vor, die er begangen hat, indem er einen großen Fürsten an seinem eignen Hofe also höhnte und ihn zwang, die Drangsale des Krieges über sein und seines Nachbars Land zu bringen.«
Auf diese persönliche Aufforderung trat Kardinal Balue vor, den Handschuh aufzuheben; doch tat er es mit solcher Behutsamkeit, als müßte er eine Natter berühren, so groß war sein Abscheu vor diesem Sinnbilde des Krieges – und augenblicklich verließ er das königliche Gemach, dem Herausforderer nachzueilen.
Ludwig schwieg und blickte rund in dem Kreise seiner Hofleute umher, von denen die meisten, außer denen, die wir bereits bezeichnet haben, Leute von niederm Stande, und zu dem hohen Range an des Königs Hofe durch andre Eigenschaften als durch Mut und Waffentaten erhoben waren. Diese sahen einander bloß an, indem sie sichtbar einen höchst unerfreulichen Eindruck von dem Auftritte, der soeben vorgefallen, erhalten hatten. Ludwig blickte sie mit Verachtung an und sagte dann mit lauter Stimme: »Obgleich der Graf ein anmaßender, übermütiger Herr ist, so muß ich doch gestehen, daß der Herzog an ihm einen so kühnen Diener hat, wie nur je einer eine Botschaft für einen Fürsten übernahm. Ich möchte gern wissen, wo ich einen Gesandten finden könnte, der ihm ebenso treu meine Antwort überbrächte.« – »Sire, Ihr tut den Edeln Eures Reiches unrecht,« nahm Dunois das Wort, »nicht einer von Ihnen bedächte sich, auf seines Schwertes Spitze dem Burgunder eine Herausforderung zu überbringen.« – »Sire,« bemerkte der alte Crawford, »auch den schottischen Adeligen, die Euch dienen, tretet Ihr zu nahe. Ich und jeder meiner Untergebenen von erforderlichem Range nähme nicht einen Augenblick Anstand, den stolzen Grafen zur Rechenschaft zu ziehen; mein eigner Arm ist hierzu noch stark genug, wenn mir Eure Majestät die Erlaubnis hierzu geben wollen.« – »Aber Eure Majestät,« nahm wieder Dunois das Wort, »wollen nun einmal uns zu keinem Dienste verwenden, wo wir uns selbst Ihrer Majestät und Frankreichs Ehre gewinnen könnten.« – »Sagt lieber,« versetzte der König, »daß ich der ungestümen Leidenschaft nicht Raum gebe, auf eine eitle Ehrengrille hin, Euch, den Thron und Frankreich aufs Spiel zu setzen. Keiner unter Euch ist, der nicht recht gut wüßte, wie kostbar jede Stunde Freuden für Frankreich ist, wie not es tut, die Wunden des zerrütteten Reiches zu heilen; und doch ist jeder von Euch augenblicklich bereit, auf die Erzählung eines wandernden Zigeuners hin oder zugunsten eines irrenden Dämchens, deren Ehre vielleicht es kaum verlohnt, sich in einen Krieg zu stürzen. – Doch hier kommt der Kardinal und, wie Wir hoffen, mit friedlicheren Nachrichten. – Nun, habt Ihr den Grafen zur Vernunft und Mäßigung gebracht?« – »Sire,« antwortete Balue, »mein Geschäft hat viel Schwierigkeiten gehabt. Ich stellte dem stolzen Grafen vor, daß der anmaßende Vorwurf, mit dem er seine Botschaft abgebrochen, von Eurer Majestät so angesehen werden müsse, als komme er nicht von seinem Herrn, sondern von seiner eignen unziemlichen Art sich zu benehmen, her, und daß er dadurch der Willkür Eurer Majestät zu beliebiger Bestrafung verfallen sei.« – »Da habt Ihr gut gesprochen,« erwiderte der König; »und wie lautete seine Antwort? Vermochtet Ihr ihn, nach zu bleiben?«