»Noch vierundzwanzig Stunden, und mittlerweile den Fehdehandschuh wieder an sich zu nehmen,« antwortete der Kardinal; »er ist im Gasthofe zur Lilie abgestiegen.« – »Sorget dafür, daß er auf unsere Kosten anständig bedient und bewirtet werde,« befahl der König, »denn solcher Diener ist ein Juwel in eines Fürsten Krone ... Vierundzwanzig Stunden?« fuhr er fort, vor sich hinmurmelnd, indem er die Augen dabei so weit öffnete, als wollte er in die Zukunft schauen; »eine kurze Frist! doch zweckmäßig und mit Geschick verwendet, mögen sie ein Jahr in den Händen eines trägen und unbeholfenen Unterhändlers aufwiegen ... Gut! ... Jetzt hinaus in den Wald! in den Wald!« rief er; »die Eberspieße zur Hand! Euren Speer, Dunois! nehmt meinen, denn er ist zu schwer für mich ... Zu Roß, zu Roß, meine Herren!«
Und die Jagdgesellschaft ritt davon.
Neuntes Kapitel
So groß auch die Kenntnis war, die der Kardinal von dem Gemüte seines Herrn zu besitzen meinte, so hinderte sie ihn bei der gegenwärtigen Gelegenheit doch nicht daran, in einen argen politischen Irrtum zu verfallen. Seine Eitelkeit bewog ihn anzunehmen, er sei weit glücklicher gewesen, den Grafen Crevecoeur zu einem längern Aufenthalt in Tours zu vermögen, als es bei jedem andern Vermittler, den der König hätte gebrauchen können, aller Wahrscheinlichkeit nach der Fall gewesen wäre; und da er wußte, von welcher Wichtigkeit es für Ludwig war, einem Kriege mit Burgund auszuweichen, so konnte er nicht umhin, es merken zu lassen, welch großen und willkommenen Dienst er hiermit dem Könige geleistet zu haben meinte. Er drängte sich darum näher zu der Person des Königs heran, als er es sonst zu tun gewohnt war, und suchte ihn zu einem Gespräch über die Vorgänge des Morgens zu veranlassen. Hingerissen, wie es auch dem Vorsichtigsten zuweilen geschieht, von seiner selbstgenügsamen Stimmung, ritt der Kardinal immer dem Könige zur Rechten und lenkte, so oft es möglich war, die Unterhaltung auf Crevecoeur und dessen Sendung, – ein Gegenstand, der den König zwar im Augenblick am meisten beschäftigen mochte, über den er aber am wenigsten geneigt war, sich in eine Unterhaltung einzulassen. Endlich gab Ludwig, der ihm zwar mit Aufmerksamkeit zugehört, allein auf keine Weise zur Fortsetzung des Gesprächs beigetragen hatte, dem nicht weit von ihm reitenden Dunois ein Zeichen, an die andre Seite seines Pferdes zu kommen.
»Wir sind der Jagd und des Vergnügens halber hierher gekommen,« sagte er. »Allein der ehrwürdige Vater möchte gar zu gern einen Staatsrat abhalten. Was sagt denn Ihr, Dunois, zu Unsers Vetters Begehr?« – »Ich will Euch, Sire, darauf antworten, wenn Ihr mir aufrichtig sagen wollt, ob Ihr Krieg oder Frieden braucht,« antwortete Dunois mit einer Freimütigkeit, die, weil sie aus der ihm angeborenen Offenheit und Unerschrockenheit seines Wesens entsprang, ihn von Zeit zu Zeit zu einem großen Lieblinge Ludwigs machte, der gleich allen schlauen und verschmitzten Menschen die Herzen anderer in demselben Grade zu ergründen wünschte, in welchem er das seinige verschlossen hielt ... – »Bei meiner Ehre, Dunois,« sagte der König, »ich möchte Dir das von Herzen gern sagen, wenn ich es nur selbst erst genau wüßte. Aber gesetzt, ich erklärte mich für Krieg, was sollte ich mit jener reichen, jungen und schönen Erbin anfangen? angenommen, sie befände sich auf meinem Gebiete?« – »Sie einem Eurer eignen, tapfern Diener vermählen, der ein Herz hat, sie zu lieben, und einen Arm, sie zu beschützen, erwiderte Dunois. – »Dir zum Beispiel? hahaha!« lachte der König. »Sapperlot! Du bist bei all Deiner Offenherzigkeit staatsklüger als selbst ich geglaubt hätte.« – »Nein, Sire, ich mag alles andre eher sein, nur nicht staatsklug. Bei unserer lieben Frau von Orleans, ich gehe gerade auf mein Ziel los, wie ich mein Pferd beim Ringelreiten auf den Ring zureite. Eure Majestät ist dem Hause Orleans doch wenigstens eine glückliche Heirat schuldig, sollte ich meinen.« – »Und diese Schuld, Graf, will ich bezahlen!« rief der König; »seht Ihr nicht dort das schöne Pärchen?« Er wies dabei auf den unglücklichen Herzog von Orleans und die Prinzessin, die, weil sie weder in zu großer Entfernung hinter dem Könige zurückbleiben, noch sich vor seinen Augen zu trennen wagten, zwar zusammen ritten, jedoch mit einem Zwischenraume von reichlich zwei Ellen, den weder Schüchternheit auf der einen, noch Abneigung auf der andern Seite zu schmälern vermochten, den man aber auf beiden Seiten auch nicht zu erweitern sich getraute ... Dunois sah nach der vom Könige bezeichneten Richtung hin, mußte aber, obgleich er dem heuchlerischen Despoten keine unmittelbare Antwort zu geben wagte, unwillkürlich mit dem Kopfe schütteln. Ludwig schien seine Gedanken zu erraten.
»Es wird einen geruhsamen Ehestand geben,« meinte er, »nicht eben gestört durch viel Kinderlärm! wenigstens bedünkt es mich so. Kinder sind ja auch nicht allemal ein Segen.« Vielleicht war es die Erinnerung an die eigne Undankbarkeit gegen den Vater, die den König veranlaßte, eine Pause zu machen, und das höhnische Lächeln, das auf seiner Lippe zitterte, in etwas umwandelte, das einem Ausdrucke von Zerknirschung glich. Allein augenblicklich fuhr er in einem andern Tone fort: »Aber, frei heraus, Dunois, mir wäre schon lieber, so viel Ehre ich auch dem heiligen Sakramente der Ehe zolle« (hier bekreuzte er sich) »das Haus Orleans zeugte mir solche tapfern Krieger wie Deinen Vater und Dich, die vom königlichen Blute Frankreichs abstammen, ohne auf seine Rechte Anspruch zu erheben; statt daß das Reich gleich England durch Kriege von Verwandten zerrüttet werde, die ihre Rechte an die Krone in Geltung setzen. Der Löwe sollte eben nie mehr als ein Junges haben.« – »Da Eure Majestät,« erwiderte Dunois, nachdem er erst eine Weile geschwiegen hatte, weil er wußte, daß ein Widerspruch gegen den Despoten bloß den Interessen seines Verwandten schaden, ihm selbst aber nie von Nutzen sein könnte ... »einmal angespielt haben auf meines Vaters Geburt, muß ich allerdings gestehen, daß er, die Schwachheit seiner Eltern beiseite gesetzt, vielleicht als der Sohn ungesetzlicher Liebe glücklicher zu preisen war, als wenn er im ehelichen Hasse gezeugt worden wäre.« – »Dunois,« sagte der König, »Du bist ein rechtes Lästermaul, daß Du Dir herausnimmst, in solcher Weise von der heiligen Ehe zu sprechen. Aber, zum Teufel mit all dem Geschwätz! der Eber ist aufgescheucht. Im Namen des heiligen Hubertus! laßt die Hunde los! Haha! tralala! lirala lirala!« und das Horn des Königs schallte fröhlich durch die Felder, während er vorwärts sprengte, begleitet von einigen Leuten seiner Leibwache, unter denen sich auch unser Freund Quentin befand.
Hier müssen wir eine kleine Episode einflechten, die aus der Vorliebe des Königs, seinen Spott mit dem Kardinal Balue zu treiben, entsprang. Es gehörte nämlich zu den Schwächen dieses Staatsmannes, wie wohl schon angedeutet wurde, sich einzureden, er sei, wenn auch von niederem Stande und von mangelhafter Erziehung, dennoch geschickt und fähig, den Hofmann und Kavalier zu spielen. Ritt er auch nicht in die Schranken wie Beckett und warb er auch nicht Soldaten wie Wolsey, so war doch der Dienst bei den Damen sein Lieblingsfach, und ebenso gab er sich mit Vorliebe für einen großen Freund der Weidmannskunst aus. Allein soviel Glück er auch hin und wieder bei gewissen Damen hatte, bei denen für die Mängel seiner äußeren Erscheinung und seiner Sitten sein Reichtum und sein Einfluß als Staatsmann als Ersatz galten, so waren doch die stattlichen Rosse, für die ihm kein Preis zu hoch war, für die Ehre, einen Kardinal zu tragen, völlig unempfindlich und zollten ihm keinen größeren Respekt, als sie seinem Großvater, dem Schneider, mit dem er sich etwa in der Reitkunst messen durfte, gezollt hatten. Der König wußte das, und indem er sein Pferd bald antrieb, bald anhielt, brachte er das Roß des Kardinals, den er immer dicht sich zur Seite zu halten wußte, in einen solchen Zustand der Widerspenstigkeit gegen seinen Reiter, daß es offenbar schien, beide könnten nicht mehr lange friedlich nebeneinander herlaufen; und während nun das Kardinalroß stutzte, sprang, sich bäumte und hinten ausschlug, brachte der königliche Plagegeist den Reiter selbst noch dadurch in Verwirrung, daß er sich mit ihm über allerhand Staatsgeschäfte unterhielt und ihm ziemlich deutlich zu verstehen gab, er wolle die jetzt grade so günstige Gelegenheit nicht vorbeigehen lassen, ihn mit den Staatsgeschäften vertraut zu machen, die der Kardinal noch vor so kurzer Zeit um alles in der Welt gern in Erfahrung gebracht hätte.