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»Nun, nun, John,« erwiderte der Küster mit freundlich-feierlichem Tone, »unsere Erzählungen sind in wesentlichen Dingen nicht verschieden; ich wußte nicht, daß Ihr den Mann gesehen habt. Der Wahrsager also, meine Freunde, hatte dem Kinde Böses geweissagt, und sein Vater nahm einen gottseligen Geistlichen an, der Tag und Nacht bei dem Knaben sein mußte.«

»Ja, das war Magister Sampson,« sprach der Fuhrmann.

»Der ist ein Erzpinsel,« fiel der Krämer ein. »Man sagt, er habe nie mehr als fünf Worte von einer Predigt herausbringen können, seit er aus dem Magister-Examen gekommen.«

»Nun ja,« hob der Küster wieder an, mit der Hand winkend, als hätte er gern wieder allein das Wort führen wollen. »Er bewachte den jungen Laird Tag und Nacht. Als nun der Knabe fünf Jahre alt war, da begab es sich, daß der Laird seinen Irrtum erkannte, und beschloß, die Zigeuner zu verjagen. Und Francis Kennedy, ein wilder Bursche, der sich immer mit Flüchen vermaß, wurde abgeschickt, sie hinauszuwerfen. Und er verfluchte und verwünschte sie, und Meg Merrilies, die mit dem Feinde des Menschengeschlechts im Bunde war, schwor ihm zu, sie werde ihn mit Leib und Seele haben, ehe drei Tage über sein Haupt gegangen. Meg Merrilies erschien dem Laird – das hab ich von guter Hand – als er von Singleside heimritt, und drohte ihm, was sie an den Seinigen tun wollte. Doch ob's Meg war oder ein böser Geist in ihrer Gestalt, das weiß ich nicht; denn sie war dicker als ein sterbliches Wesen, wie mir der Reitknecht erzählte.«

»Und das Ende von allem diesen?« fiel der Fremde ungeduldig ein.

»Nun,« fuhr der Küster fort, »der Erfolg und das Ende war: als sie in die See hinaus sahen, wo ein königliches Schiff einen Schleichhändler verfolgte, da riß Kennedy plötzlich aus, niemand wußte, warum – nicht Stricke und Bande hätten ihn halten können – und fort ging's zu dem Walde von Warroch, was das Pferd laufen konnte. Unterwegs traf er den jungen Laird und den Lehrer, und er nahm den Knaben aufs Pferd und schwor, wenn er behext wäre, so sollte der Knabe mit ihm gleiches Schicksal haben. Und der Geistliche folgte, so schnell er konnte, und fast so schnell als sie, denn er war wundersam schnell zu Fuße, und er sah, wie Meg Merrilies, oder ihr Meister in ihrem Ebenbilde, plötzlich aus der Erde stieg und das Kind dem Zöllner aus den Armen riß. Dann zog er sein Schwert, denn Ihr wißt, wer den Tod finden soll, und ein Hengst, die fürchten auch den Teufel nicht. Aber sie packte ihn und schleuderte ihn, wie einen Stein über die Felsenspitze von Warroch, wo man ihn am Abend fand. Was aber aus dem Knaben geworden, weiß ich nicht zu sagen. Der Pfarrer, der sonst hier war, meinte, der Knabe wäre nur auf einige Zeit ins Feenland gebracht worden.«

Der Fremde hatte bei dieser Erzählung zuweilen gelächelt; aber ehe er antworten konnte, hörte man draußen lauten Hufschlag; und alsbald kam ein zierlich gekleideter Diener in die Küche, der, den Fremden bemerkend, ehrerbietig zu ihm trat und ihm einen Brief überreichte ... »Der Laird von Ellangowan ist in großer Not und nicht imstande, Besuch anzunehmen.«

»Ich weiß es,« erwiderte der Fremde und bat darauf die Wirtin, ihm die Stube einzuräumen, die durch das Ausbleiben der erwarteten Gäste frei geworden war.

Geschäftig leuchtete Frau Mac Candlish dem Fremden. Der Krämer reichte dem jungen Diener, der in der Küche blieb, sein Glas ... »Es wird Euch schmecken nach Eurem Ritte.«

Der Diener trank es auf des Krämers Gesundheit, der darauf wieder anhob: »Und wer ist denn Euer Herr, mein Freund?«

»Der berühmte Oberst Mannering aus Ostindien.«

»Wie? von dem wir in den Zeitungen gelesen haben?«

»Ja, eben der. Er hat Cuddiburn entsetzt, Chingalor verteidigt und den großen Maharatten-Fürsten, Ram Tscholli Bundelmann, geschlagen. Ich war meist bei ihm auf seinen Feldzügen.«

»Gott segne uns!« rief die Wirtin. »Ich muß nur gleich zu ihm gehen und fragen, was er zu Abend speisen will. O, daß ich ihn auch hier konnte sitzen lassen!«

»Das war ihm gerade recht, Mutter. Ihr habt in Eurem Leben keinen schlichteren Mann gesehen als den Obersten, und doch hat er auch etwas vom Teufel im Leibe.«

Zwölftes Kapitel

Der Oberst ging gedankenvoll auf und nieder, als die geschäftige Wirtin hereintrat und nach seinen Wünschen fragte ... »Habe ich recht verstanden,« sprach er, »so verlor Herr Bertram seinen Sohn im fünften Lebensjahre?«

»Allerdings, edler Herr,« antwortete sie, »aber über das Wie dabei hat man schon viel tolles Zeug geschwatzt. Es ist nun schon eine alte Geschichte. Das Kind ging in seinem fünften Jahre verloren; die Edelfrau war hochschwanger, und als man ihr die Nachricht unvorsichtig brachte, hatte sie den Tod davon in selbiger Nacht. Seit jenem Tage konnte der Laird nie wieder aufkommen und war gleichgiltig gegen alles. Als seine Tochter groß wurde, wollte sie wieder Ordnung ins Haus bringen; aber was konnte sie tun, das arme Kind? Jetzt werden sie von Haus und Hof getrieben.«

Der Oberst fragte, um welche Zeit das Kind verloren gegangen, und nach einigem Besinnen antwortete die Wirtin, es wäre gerade im Anfange des November 17 ... gewesen ...

Der Fremde ging eine Weile schweigend auf und nieder ... »Habe ich recht verstanden,« hob er endlich wieder an, »so soll die Herrschaft Ellangowan verkauft werden?«

»Ja, verkauft. Uebermorgen wird sie dem Meistbietenden zugeschlagen und Hausrat und Habe versteigert. Alle Leute sagen, man habe schändlicherweise den Verkauf zu dieser Zeit betrieben, wo wegen des bösen Kriegs in Amerika so wenig Geld im Lande ist. Da ist jemand, der das Gut um ein Spottgeld haben will. Der schwarze Tod soll über ihn kommen!« setzte die Wirtin im Zorn über die vermeintliche Ungerechtigkeit hinzu.

»Und wo soll der Verkauf vor sich gehen?« fuhr der Oberst fort.

»In Ellangowan, so viel ich weiß.«

Der Fremde erkundigte sich darauf, wer über die Angelegenheit ihm genauere Nachweisungen geben könne; und als die Wirtin Herrn Mac Morlan, den Unter-Sheriff der Grafschaft, genannt und ihn als einen wackern Mann gerühmt hatte, der, wie sie sagte, eben im Dorfe wäre, ersuchte sie der Oberst, den Beamten zu ihm einzuladen, aber niemand ein Wort von der Sache zu sagen.

»Nicht ein Wort,« erwiderte sie lebhaft. »Ich wollte, Euer Gnaden, oder sonst ein edler Herr, der für das Vaterland gefochten hat, könnte das Gut haben, da es die alte Familie doch einmal verlassen muß, wenn's nur der Schuft, der Glossin, nicht kriegt, der auf den Untergang seines besten Freundes sein Glück gebaut hat.«

Nach diesen Worten eilte die Wirtin fort, den erhaltenen Auftrag auszurichten, und in einigen Augenblicken saß Oberst Mannering, mit der Feder in der Hand, vor seinem Tische. Wir blicken über seine Schulter und teilen unsern Lesern mit, was er niederschreibt. Es ist ein Brief an Arthur Mervyn zu Mervyn-Hall, in Westmoreland. Nach einer kurzen Nachricht über des Schreibers Reise von dem Landsitze seines Freundes bis nach Schottland hieß es weiter:

»Und wollen Sie mir noch immer meine Schwermut vorwerfen, lieber Mervyn? Glauben Sie denn, ich könnte nach Verlauf von fünfundzwanzig Jahren, wo ich Schlachten, Wunden, Gefangenschaft und Mißgeschick aller Art erdulden mußte, noch immer der lebhafte muntere Guy Mannering sein, der mit Ihnen den Skiddow erklomm und Haselhühner auf dem Croßfell schoß? Daß Sie, der Sie im Schoße häuslichen Glückes blieben, sich wenig verändert haben, daß Ihr Schritt noch so leicht, Ihre Seele noch voll heiteren Sonnenscheins ist, das nenne ich die glückliche Wirkung der Gesundheit und der Gemütsstimmung, die Wirkung der Zufriedenheit und einer ruhigen Fahrt auf dem Strome des Lebens. Auf meiner Laufbahn aber fand ich nur Beschwerden, Zweifel, Irrungen, Wirrungen. Seit meiner Kindheit war ich ein Spiel des Zufalls, und obgleich der Wind mich oft in einen Hafen führte, so war's doch selten der Hafen, wohin der Steuermann seinen Lauf gerichtet hatte. Ich will Ihnen, doch nur mit wenigen Worten, die seltsamen Schicksale meiner Jugend und das Mißgeschick meines Mannesalters zurückrufen.