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Diese Bemerkung war indessen das Werk eines Augenblicks; denn seine Aufmerksamkeit wurde sogleich von dem Zusammentreffen der Prinzessin mit diesen fremden Damen in Anspruch genommen. Sie war bei ihrem Eintreten stehen geblieben, um sie zu empfangen, vielleicht weil sie wußte, daß ihre Haltung im Gehen ihr nicht vorteilhaft anstehe. Da sie etwas Verlegenheit zeigte in der Art, wie sie den Gruß der Damen empfing und erwiderte, so veranlaßte dies die ältere Fremde, die den Rang derjenigen, an die sie sich wandte, nicht kannte, sie so zu begrüßen, als ob sie durch diese Unterredung mehr Ehre erzeigte, als empfinge.

»Es freut mich,« sprach sie mit einem Lächeln, das zugleich Herablassung und Ermutigung ausdrücken sollte, »daß es uns endlich vergönnt ist, die Gesellschaft einer so achtbaren Person, wie Ihr zu sein scheint, genießen zu dürfen. Ich muß sagen, daß meine Nichte und ich eben nicht viel Ursache haben, dem Könige Ludwig für seine Gastfreundschaft vielen Dank zu wissen. Ei, Nichte, so zupft mich nur nicht am Aermel! – Ich bin gewiß, – ich lese in den Augen dieser Dame Mitgefühl für unsere Lage. Seitdem wir hierher gekommen, schöne Dame, wurden wir um weniges besser, denn als Gefangene behandelt, und nach tausend Aufforderungen, unsere Sache und unsere Personen unter den Schutz Frankreichs zu stellen, hat uns der allerchristliche König eine elende Dorfschenke zu unserem Aufenthalt, und nun einen Winkel seines verwitterten Palastes angewiesen, aus dem wir erst gegen Sonnenuntergang hervorkriechen dürfen, als ob wir Fledermäuse oder Eulen wären, deren Erscheinung beim Tageslicht für eine üble Vorbedeutung gehalten wird.« – »Es tut mir leid,« sprach die Prinzessin, verlegen ob der unangenehmen Lage, in welche die Unterhaltung sie versetzte, »daß wir bisher nicht imstande waren, Euch nach Würden aufzunehmen. – Eure Nichte ist, wie mir scheint, etwas mehr zufriedengestellt.«

– »Mehr, – mehr, als ich auszudrücken vermag,« antwortete die junge Gräfin. »Ich suchte bloß Schutz und habe Einsamkeit und Zurückgezogenheit zumal gefunden. Die Abgeschiedenheit unseres früheren und die noch größere Einsamkeit des uns jetzt angewiesenen Aufenthalts erhöhen in meinen Augen noch die Gnade, die der König uns Unglücklichen angedeihen ließ.«

– »Schweig, einfältiges Mühmchen,« entgegnete die ältere Dame, »und laß uns sprechen, wie wir's fühlen, da wir endlich mit einer Person unsers Geschlechts allein sind. – Ich sage allein, denn der schöne, junge Soldat ist ja eine bloße Bildsäule, da ihm der Gebrauch seiner Glieder, und wie man mir auch sagte, auch der seiner Zunge, wenigstens in einer gebildeten Sprache zu fehlen scheint. – Da uns also niemand, als diese Dame zu verstehen vermag, so gestehe ich offen, daß ich nichts so sehr bedaure, als hierher nach Frankreich gereist zu sein. Ich erwartete einen so glänzenden Empfang, Tourniere, Ringelrennen, Bankette und Festlichkeiten, und fand statt dessen lediglich Abgeschiedenheit und Verborgenheit; und die beste Gesellschaft, die der König bei uns einführte, war bis jetzt noch ein herumstreichender Zigeuner, durch den wir mit unseren Freunden in Flandern in Briefwechsel treten sollten. – Vielleicht,« fuhr die Dame fort, »ist es gar sein Plan, uns hier absterben zu lassen und beim Erlöschen des alten Hauses von Croye sich unserer Lande zu bemächtigen. Der Herzog von Burgund war nicht so grausam; er bot meiner Nichte einen Gemahl an, wenn's gleich ein schlechter war.« – »Ich dächte,« sprach die Prinzessin, die mit Mühe Gelegenheit fand, ein Wort dazwischen zu sprechen, »einem schlechten Ehegemahl müßte der Schleier immer vorzuziehen sein.« – »Man will wenigstens die Wahl haben, Madame,« versetzte die redselige Dame. »Der Himmel weiß es, ich spreche nur für meine Nichte; was mich betrifft, so habe ich es längst aufzugeben, mich mit dem Gedanken an die Möglichkeit der Veränderung meiner Lage zu befassen. Ich seh Euch lächeln, aber bei allem, was heilig ist, ich rede reine Wahrheit; – allein dies entschuldigt den König nicht, dessen Benehmen, wie sein Aufzug, mehr dem des alten Michaud, des Geldmaklers zu Gent, als dem Nachfolger Karls des Großen gleicht.« – »Still!« sprach die Prinzessin, »bedenkt, daß Ihr von meinem Vater sprecht!« – »Von Eurem Vater!« erwiderte die burgundische Dame erstaunt. – »Von meinem Vater,« wiederholte die Prinzessin mit Würde. »Ich bin Johanna von Frankreich. – Aber seid ohne Furcht, Madame,« fuhr sie in dem ihr eigenen milden Tone fort, »Ihr habt keine Beleidigung zur Absicht gehabt, und ich habe auch keine gefunden. Verfügt über meinen Einfluß, Euch und dieser liebenswürdigen jungen Dame Euer Exil erträglicher zu machen. Leider vermag ich nur wenig; allein, was ich vermag, steht Euch gerne zu Diensten.«

Tief und demütig war die Verbeugung, womit die Gräfin Hameline von Croye – so hieß die ältere Dame – das verbindliche Anerbieten der Prinzessin annahm. Sie hatte lange an Höfen gelebt, war der Sitten, die man sich dort aneignet, völlig mächtig und hielt die von den Hofleuten aller Zeiten befolgte Regel hoch, die, wenn sie auch die Fehler und Schwächen ihrer Gebieter, sowie etwa erlittene Beleidigungen und Hintansetzungen zum Gegenstand ihrer Privatunterhaltung machen, doch in Gegenwart des Fürsten oder seiner Familie niemals auch nur einen diesbezüglichen Wink fallen lassen würden.

Die Dame war deshalb über den Mißgriff, in Gegenwart der Tochter Ludwigs so unziemlich gesprochen zu haben, äußerst beschämt. Sie hätte es an Entschuldigungen und Abbitten sicher nicht fehlen lassen, hätte die Prinzessin ihr nicht Stillschweigen auferlegt und sie beruhigt, indem sie sie in dem freundlichsten Tone, der aber in dem Munde einer Tochter von Frankreich das volle Gewicht eines Befehls hatte, bat, nichts Weiteres mehr zur Entschuldigung oder Rechtfertigung vorzubringen.

Die Prinzessin Johanna nahm sich dann mit einer Würde, die ihr wohl anstand, einen Sessel und nötigte die beiden Damen, sich zu ihren Seiten zu setzen, was denn auch die jüngere mit ungekünstelter, achtungsvoller Schüchternheit, die ältere aber mit großem Aufgebot von tiefer Ehrfurcht und Demut tat. Sie sprachen zusammen, aber in so leisem Tone, daß die Schildwache nichts von ihrem Gespräche verstehen konnte.

Die Unterredung hatte noch keine Viertelstunde gedauert, als am andern Ende der Halle die Tür sich öffnete und ein Mann, in einen Reitermantel gehüllt, eintrat. Eingedenk der Befehle des Königs, und entschlossen, sich nicht zum zweiten Male lässig finden zu lassen, schritt Quentin sogleich auf den Eintretenden zu, stellte sich zwischen ihn und die Damen und forderte ihn auf, sich sogleich wieder zu entfernen.

»Auf wessen Befehl?« fragte der Fremde im Tone hochmütiger Verwunderung. – »Auf Befehl des Königs,« erwiderte Quentin mit Festigkeit, »ich stehe hier, ihn zu vollstrecken.« – »Nicht gegen Ludwig von Orleans,« sprach der Herzog, seinen Mantel abwerfend.

Der junge Mann zögerte einen Augenblick, aber wie sollte er den Befehl gegen den ersten Prinzen von Geblüt, der dem allgemeinen Gerüchte zufolge im Begriff stand, mit des Königs Familie selbst in Verwandtschaft zu treten, geltend machen?

»Ew. Hoheit Willen,« sprach er, »vermag ich nichts entgegen zu setzen. Ich hoffe, Ew. Hoheit wird es mir bezeugen, daß ich meine Schuldigkeit getan habe, soweit es Euer Wille mir erlaubt hat.« – »Laß es gut sein, junger Mann, es soll Dir nichts zur Last gelegt werden,« sagte Orleans und begrüßte, einen Schritt vortretend, die Prinzessin mit einem Ausdruck von Gezwungenheit, der jedesmal, so oft er sich an sie wandte, bei ihm bemerklich wurde. – »Er habe,« sagte er, »bei Dunois gespeist, und wie er da gehört, daß in der Rolandshalle Gesellschaft sei, habe er gewagt, die Zahl der Mitglieder durch seine Gegenwart um eins zu vermehren.«