Выбрать главу

Die Röte, welche die bleichen Wangen der unglücklichen Johanna überzog und ihren Zügen für den Augenblick einen gewissen Reiz verlieh, zeugte davon, daß dieser Zuwachs der Gesellschaft ihr keineswegs gleichgiltig war. Sie stellte den Prinzen sogleich den beiden Gräfinnen von Croye vor, die ihn mit der seinem hohen Range gebührenden Ehrerbietung empfingen, und ersuchte ihn, auf einen Sessel deutend, an ihrer Unterhaltung teilzunehmen.

Der Herzog lehnte das Anerbieten ab, in solcher Gesellschaft einen Sessel einzunehmen, zog dagegen ein Kissen von einem der Sessel, legte es zu den Füßen der schönen Gräfin von Croye und ließ sich auf dasselbe nieder.

Anfangs schien es, als ob dieses Benehmen die ihm bestimmte Braut mehr freute als kränke. Sie munterte den Herzog in seinen Artigkeiten gegen die schöne Fremde auf und schien sie als eine ihr selbst erwiesene Gefälligkeit anzusehen. Aber der Herzog, obgleich gewohnt, dem strengen Joche seines Oheims, des Königs, sich in dessen Gegenwart zu fügen, hatte doch fürstlichen Sinn genug, um seinen Neigungen zu folgen, wenn dieser Zwang nicht vorhanden war, und da sein hoher Rang ihm ein Recht gab, sich über die gewöhnlichen Förmlichkeiten hinwegzusetzen und sogleich in einen vertrauteren Ton überzugehen, wurde sein Lob der Schönheit der Gräfin Isabelle am Ende so feurig und floß mit so rücksichtsloser Freiheit von den Lippen, vielleicht unter besonderem Einflusse des Weins, den er bei Dunois, der eben kein Feind des Bacchusdienstes war, in zu reichlichem Maße zu sich genommen hatte, daß er zuletzt ganz in Leidenschaft geriet und die Anwesenheit der Prinzessin so gut wie ganz vergessen hatte. Der Ton der Schmeichelei, den er sich erlaubte, gefiel indes nur einer einzigen Person in dem Kreise; denn die Gräfin Hameline sah schon im Geiste eine glänzende Verbindung des ersten Prinzen von Geblüt mit ihrer Nichte voraus, deren Geburt, Schönheit und große Besitzungen solch einen ehrgeizigen Plan keineswegs unmöglich machten, wenn die Pläne Ludwigs XI. hätten außer Berechnung bleiben dürfen. Die jüngere Gräfin hörte des Herzogs Schmeicheleien mit Aengstlichkeit und Verlegenheit an und warf dann und wann einen bittenden Blick auf die Prinzessin, als wollte sie dieselbe ersuchen, ihr zu Hilfe zu kommen. Allein die Empfindsamkeit und Schüchternheit Johannas von Frankreich ließen es zu keinem Versuch kommen, der Unterhaltung eine allgemeinere Richtung zu geben.

Aber ich darf nicht vergessen, daß noch eine dritte Person, die unbeachtete Schildwache, zugegen war, die ihre schönen Träume wie Wachs an der Sonne schmelzen sah, als der Herzog in dem warmen Tone seiner leidenschaftlichen Aeußerungen ungestört fortfuhr. Endlich machte die Gräfin Isabelle von Croye einen entschlossenen Versuch, einem Gespräche, das ihr, und zwar besonders dadurch, daß das Benehmen des Herzogs die Prinzessin sichtbar kränkte, unerträglich wurde, ein Ende zu machen. Sie wandte sich an letztere und sagte bescheiden, aber mit einiger Festigkeit, daß die erste Gnade, welche sie von dem ihr versprochenen Schutz erbitten müßte, die sei, daß sie den Herzog von Orleans zu überzeugen suchen möchten, daß die Damen von Burgund, obgleich sie an Geist und gefälligen Sitten denen von Frankreich nachständen, doch nicht so ausgemachte Törinnen seien, um an keiner andern Unterhaltung, als an ausschweifenden Lobeserhebungen, Geschmack zu finden.

»Es tut mir leid, Madame,« versetzte der Herzog, einer Antwort der Prinzessin zuvorkommend, »daß Ihr in einer und derselben Rede der Schönheit der Damen von Burgund und der Aufrichtigkeit der Ritter Frankreichs spottet. Wenn wir zu leidenschaftlich und auf übertriebene Art unsre Bewunderung an den Tag legen, so kommt dies daher, daß wir lieben, wie wir fechten, ohne kalter Berechnung Raum zu geben, und uns ebenso schnell der Schönheit ergeben, als wir den Tapfern bekämpfen.«

»Die Schönheit unserer Landsmännin,« sagte die junge Gräfin mit einem schärferen Tone, als sie sich bisher gegen ihren erlauchten Verehrer erlaubt hatte, »ist nicht imstande, auf solche Triumphe Anspruch zu machen, so wenig, als die Tapferkeit der Burgunder sie einzuräumen fähig ist.«

»Ich ehre Eure Vaterlandsliebe,« entgegnete der Herzog, »und will den letzten Teil Eures Satzes solange nicht bestreiten, bis ein burgundischer Ritter die Lanze einlegt, um ihn gegen mich zu verfechten. Was aber die Ungerechtigkeit betrifft, die Ihr gegen die Reize, die Euer Vaterland spendet, begeht, so appelliere ich von Euch an Euch selbst. – Schaut her,« fuhr er fort, auf einen großen Spiegel deutend (ein Geschenk der Republik Venedig, und zur damaligen Zeit von der höchsten Seltenheit und Kostbarkeit), »und sagt mir, wo ist das Herz, das den Reizen widerstände, die sich hier im Abbilde zeigen?«

Die Prinzessin, unfähig, die Vernachlässigung ihres Geliebten länger zu ertragen, sank in ihren Sessel zurück mit einem Seufzer, der auf einmal den Herzog aus dem Lande der Schwärmerei zurückrief und die Gräfin Hameline veranlaßte, zu fragen, ob sich Ihre Hoheit nicht wohl befände.

»Ein plötzlicher Kopfschmerz ergriff mich,« erwiderte die Prinzessin, indem sie zu lächeln versuchte, »doch wird es bald vorübergehen.«

Ihre zunehmende Blässe indessen widersprach ihren Worten, und Gräfin Hameline rief um Hilfe, denn die Prinzessin war wirklich im Begriff, ohnmächtig zu werden.

Der Herzog biß sich in die Lippen und verwünschte die Torheit, seine Zunge nicht im Zaume gehalten zu haben; dann eilte er, die Frauen der Prinzessin, die sich im Nebenzimmer befanden, herbeizurufen; und als sie mit den gewohnten Belebungsmitteln herzukamen, konnte er als Kavalier und Mann von Ehre nicht umhin, zu ihrer Unterstützung seinen Beistand anzubieten. Seine durch das Mitgefühl und die Vorwürfe, die er sich machte, beinahe zärtlich gewordene Stimme war das kräftigste Mittel, die Prinzessin wieder zu sich zu bringen; und gerade in dem Augenblicke, in welchem die Schwäche vorüber war, trat der König selbst in das Zimmer.

Zwölftes Kapitel

Als Ludwig in die Halle trat, zog er auf seine eigene, schon früher beschriebene Art die Brauen zusammen und warf unter dem buschigen, finstern Schatten derselben einen scharfen Blick rings in der Runde herum: so klein, so feurig und durchdringend, wie die einer Natter, wenn sie aufgeschreckt durch das Buschwerk blickt, in dem sie zusammengerollt liegt.

»Ihr hier, mein schöner Vetter?« fragte er, sich zuerst an den Herzog wendend und setzte, an Quentin sich wendend, in finsterm Tone hinzu: »Was hatt' ich Dir befohlen?« – »Vergebt dem jungen Mann, Sire,« sagte der Herzog, »er tat, was seines Dienstes war, aber man sagte mir, die Prinzessin sei in dieser Galerie.«

»Und ich wette, Ihr wolltet Euch nicht abweisen lassen, ihr den Hof zu machen,« sagte der König, der in seiner abscheulichen Heuchelei sich immer noch den Anschein geben wollte, als glaubte er, der Herzog teile die Leidenschaft, die seine unglückliche Tochter für ihn fühlte; »und dazu verführt Ihr mir die Wachen meiner Garde, junger Mann? Allein, was läßt sich nicht einem Liebhaber verzeihen, der einzig nur seiner Liebe lebt!«

Der Herzog erhob das Haupt, als wollte er die in des Königs Bemerkung liegende Meinung berichtigen, aber die instinktmäßige Ehrerbietung oder vielmehr Furcht, unter der er aufgewachsen war, fesselte ihm die Zunge.

»Und Johanna war unwohl?« fragte der König. »Gräme Dich darüber nicht, Ludwig; das geht vorüber; gib ihr den Arm und geleite sie auf ihr Zimmer, indes ich diese fremden Damen in das ihrige zurückführen werde.«

Die Weisung wurde in einem Tone gegeben, der sie zum Befehl machte, und Orleans ging demnach mit der Prinzessin nach dem einen Ende der Galerie zu, während der König, seinen rechten Handschuh ausziehend, höflich die Gräfin Hameline und ihre Nichte in ihr Gemach auf die entgegengesetzte Seite geleitete. Er machte eine tiefe Verbeugung, als sie eintraten, blieb dann etwa eine Minute, nachdem sie verschwunden waren, an der Türschwelle stehen, verschloß langsam die Tür, durch die sie sich entfernt hatten, mit einem großen Schlüssel, zog denselben ab und steckte ihn in seinen Gürtel.