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Mit langsamen, nachdenklichen Schritten, die Augen zu Boden geschlagen, ging Ludwig auf Quentin zu, der, seinen Teil an des Königs Mißfallen erwartend, ihn mit nicht geringer Angst herannahen sah. – »Du hast Dich schwer vergangen,« sprach der König, die Augen aufschlagend und fest auf Quentin heftend, als er noch einige Schritte von ihm entfernt war, – »und verdienst den Tod. – Sprich kein Wort zu Deiner Verteidigung! – Was kümmerten Dich Herzoge oder Prinzessinnen? – Was überhaupt was anderes außer meinem Befehl?« – »Ew. Majestät halten zu Gnaden,« entgegnete der junge Soldat, »was konnt ich tun?« – »Was Du tun konntest, als man vor Deinem Posten mit Gewalt vorüberging?« fragte der König verächtlich. »Wozu hast Du das Gewehr auf der Schulter? Du hättest anlegen, und hätte sich der Rebell nicht im Augenblick zurückgezogen, ihn in dieser Halle über den Haufen schießen sollen! – Geh – begib Dich in jenes Zimmer! In dem ersten findest Du eine breite Treppe, die Dich in den inneren Hofraum bringt; dort findest Du Oliver Dain. Sende ihn zu mir – und dann begib Dich in Dein Quartier! – Wenn Dir Dein Leben lieb ist, laß Deiner Zunge nicht so freien Lauf, als heute Dein Arm säumig war.«

Herzlich froh, so leichten Kaufs davonzukommen, obgleich innerlich empört über die kaltblütige Grausamkeit, die der König von ihm in der Erfüllung seiner Pflicht zu fordern schien, schlug Durward den von ihm bezeichneten Weg ein, eilte die Treppe hinab und machte Oliver, der in dem nahen Hofe wartete, mit dem königlichen Willen bekannt.

Der verschmitzte Bartscher verbeugte sich, seufzte und lächelte, als er mit einer noch sanfteren Stimme als gewöhnlich dem jungen Manne guten Abend wünschte. Sie trennten sich; Quentin ging nach seinem Quartier, und Oliver, um dem König seine Aufwartung zu machen.

Als der begünstigte Diener in die Rolandshalle eintrat, fand er den König in Gedanken vertieft auf dem Sessel sitzen, den seine Tochter vor ein paar Minuten verlassen hatte. Wohlbekannt mit der Gemütsart seines Herrn, schlich er mit geräuschlosem Schritte herbei, bis er die Gesichtslinie des Königs kreuzte, und diesen dadurch von seiner Anwesenheit in Kenntnis setzte. Hierauf zog er sich wieder bescheiden aus dem Gesichte des Monarchen zurück, bis er aufgefordert würde, zu sprechen oder zu hören. Des Königs erste Anrede war nicht sehr erfreulich: »Nun, Oliver, Deine schönen Pläne schmelzen ja wie der Schnee vor dem Südwinde! – Unsere liebe Frau von Embrun möge verhüten, daß sie nicht, gleich den Lawinen, von denen die Schweizer erzählen, über unsere Köpfe herabrollen.« – »Ich habe mit Bedauern vernommen, daß nicht alles so ist, wie es sein sollte, Sire,« antwortete Oliver. – »Nicht wie es sein sollte!« rief der König aus, indem er aufstand und hastig in dem Saale auf und nieder ging. »Alles steht schlecht, Mann – so schlecht, wie es nur irgend stehen kann; – das kommt von Deinem saubern, romantischen Rate, daß ich mich zum Beschützer bedrängter Weiber aufwerfen solle! Ich sage Dir, der Burgunder rüstet sich und steht auf dem Sprunge, ein Bündnis mit England zu schließen. Eduard, der zu Hause freie Hand hat, will mit seinen Tausenden durch das unglückliche Tor von Calais über uns herfallen. Ständen sie einzeln – ja, da würde ich sie mit Schmeicheleien abspeisen oder auch wohl im Kampfe mit ihnen fertig werden! – aber vereint, vereint – und dann die Unzufriedenheit des schändlichen Saint-Paul dazu! – Das ist alles Deine Schuld, Oliver, denn Du hast mir geraten, die Weiber aufzunehmen und mich jenes verwünschten Zigeuners zum Ueberbringer der Botschaften an ihre Vasallen zu bedienen.« – »Ihr kennt ja meine Gründe, Sire,« sprach Oliver. »Der Gräfin Besitzungen liegen zwischen den Grenzen von Burgund und Flandern, ihr Schloß ist beinahe unüberwindlich. Ihre Ansprüche auf die benachbarten Staaten sind von der Art, daß sie, wenn sie gehörig unterstützt werden, bei Burgund große Besorgnis erregen, wenn nur die Dame mit jemand vermählt wäre, der es redlich mit Frankreich meinte.« – »Wahr ist's, es ist ein lockender Köder,« versetzte der König; »und hätten wir ihr Hiersein verborgen halten können, es hätte sich leicht gegeben, daß eine solche Heirat für die reiche Erbin zustande gekommen wäre. – Aber der verdammte Zigeuner – wie konntest Du auch nur solch einen heidnischen Hund zu einem Auftrage empfehlen, bei dem Treue so nötig war?« – »Geruhe Ew. Majestät,« sprach Oliver, »sich zu erinnern, daß Ihr selbst es waret, der ihm viel, viel mehr vertraute, als ich riet. Einen Brief würde er treu genug an den Verwandten der Gräfin überbracht haben, um diesen zu vermögen, das Schloß solange zu halten, bis Hilfe käme; aber Ew. Majestät mußte auch seine prophetischen Gaben auf die Probe stellen; und so kam er denn in den Besitz von Geheimnissen, die sich des Verrats gar wohl verlohnten.« – »Ich schäme mich, ich schäme mich,« sagte Ludwig; »und doch, Oliver, man sagt ja, daß dieses heidnische Volk von den weisen Chaldäern abstamme, die in den Ebenen von Schiras die Geheimnisse der Zukunft in den Steinen lesen.«

Oliver, der wohl wußte, wie sehr sein Gebieter bei all seinem Scharfsinn und seiner Klugheit geneigt war, sich von Wahrsagern, Sterndeutern, Zauberern, und wie die Leute alle heißen, hinters Licht führen zu lassen, überdies selbst einige Kenntnisse in diesen Künsten zu haben meinte, verfolgte diesen Punkt nicht weiter und bemerkte nur noch, daß der Zigeuner in seiner eigenen Sache ein schlechter Prophet gewesen sei, sonst würde er sich wohl gehütet haben, nach Tours zurückzukehren und solchergestalt dem wohlverdienten Galgen zu verfallen.

»Es trifft sich oft,« versetzte Ludwig sehr ernst, »daß solche, die mit prophetischer Weisheit begabt sind, nicht die Macht haben, in Angelegenheiten, die sie selbst angehen, einen Blick in die Zukunft zu tun.« – »Mit Ew. Majestät Erlaubnis,« erwiderte der Vertraute; »das kommt mir gerade so vor, als ob jemand bei dem Schein des Lichts, das er hält, seine eigene Hand nicht sehen könnte, während er doch sonst alles sehen kann.« – »Er sieht sein eigen Gesicht nicht bei dem Lichte, das ihm der andern Lüge zeigt,« entgegnete Ludwig; »dies dürfte wohl ein treffendes Beispiel für unsern Fall sein. Doch dies gehört jetzt nicht zur Sache, – Der Zigeuner hat seinen Teil, und Friede sei mit ihm. – Aber diese Damen? Der Burgunder bedroht uns mit Krieg, weil wir sie beherbergt, und überdies droht ihre Anwesenheit auch, meine Pläne in meiner eigenen Familie zu vereiteln. Mein einfältiger Vetter Orleans hat dieses Dämchen gesehen, und ich prophezeie, daß ihr Anblick ihn in Hinsicht seiner Verbindung mit Johanna weit weniger fügsam macht,« – »Ew. Majestät,« antwortete der Ratgeber, »kann ja die Gräfinnen von Croye zurück nach Burgund senden und so mit dem Herzog Frieden machen. Viele zwar mögen im stillen dies für eine unrühmliche Tat erklären; allein wenn die Notwendigkeit dies Opfer heischt« – »Ja, wenn Vorteil das Opfer heischte, Oliver, so brächte ich es unbedenklich,« antwortete der König. »Ich bin ein alter, erfahrener Lachs, und schnappe nicht nach des Anglers Haken, weil er mit einer Feder, Ehre genannt, aufgestutzt ist. Aber schlimmer als Verlust der Ehre ist, daß wir, wenn wir diese Damen nach Burgund zurücksenden, alle Aussichten auf Vorteil aufgeben müssen, die uns doch eigentlich bewogen, ihnen einen Zufluchtsort bei uns zu gestatten. Es wäre sehr schade, wenn wir die Gelegenheit fahren lassen müßten, uns einen Freund, und für Burgund einen Feind so recht in das Herz seiner Staaten, und so nahe den unzufriedenen Städten Flanderns zu setzen. Oliver, ich kann die Vorteile nicht aufgeben, die unser Plan, das Mädchen mit einem Freunde unseres Hauses zu vermählen, uns von ferne zeigt.« – »Ew. Majestät,« sprach Oliver, nach augenblicklichem Nachsinnen, »könnte ja ihre Hand einem recht treuen Freunde geben, der alle Schuld auf sich nimmt und Euch im stillen dient, indessen Ihr ihn öffentlich verleugnet.« – »Und wo find' ich einen solchen Freund?« fragte Ludwig. »Gebe ich sie einem von unseren aufrührerischen, unzufriedenen Edelleuten, so heißt das ihn vollends unabhängig machen, und war es nicht seit Jahren das Streben meiner Politik, dies auf alle Weise zu verhindern? – Dunois – ja der, der allein! dem könnte ich wohl trauen, er würde für die Krone Frankreichs fechten, in welcher Lage er sich auch immer befände. Aber Ehre und Reichtümer – wie oft haben sie schon der Menschen Herz umgewandelt! Auch Dunois trau ich nicht.«