»Ew. Majestät könnte noch andere finden,« sagte Oliver in einem Tone, der einschmeichelnder war als der, dessen er sich sonst bei seinen Unterhaltungen mit dem Könige, der ihm bedeutende Freiheit ließ, zu bedienen pflegte; »Leute, die ganz von Eurer Gnade und Gunst abhängen und ohne Euern gnädigen Blick ebensowenig leben können, als ohne Sonne oder Luft – Männer, die ihre Kraft mehr im Kopfe als im Arme haben – Männer, die –«
»Männer, die Dir gleichen,« sagte König Ludwig. »Nein, Oliver, meiner Treu, der Pfeil war zu rasch abgeschossen. – Wie? weil ich Dich mit meinem Vertrauen beehre und Dich zum Lohn dann und wann meine Vasallen necken lasse, glaubst Du Dich dazu gemacht, der Gemahl dieses reizenden Geschöpfes und obendrein ein Graf vom höchsten Range zu werden? Du – Du, sag' ich, der niedrig Geborene, noch niedriger Erzogene, dessen Weisheit im höchsten Falle eine Art Verschmitztheit, und dessen Mut mehr denn zweifelhaft ist?«
»Ew. Majestät zeihen mich hier einer Anmaßung, deren ich nie fähig gewesen bin,« entgegnete Oliver.
»Es freut mich, dies zu vernehmen,« erwiderte der König; »in Wahrheit, ich traute Dir auch immer mehr gesunden Menschenverstand zu, als daß Du Dir so etwas träumen ließest. Allein Dein Ton hatte etwas so Sonderbares, als Du auf dieses Kapitel kamst. – Nun, es sei! zur Sache also. – Ich darf diese Schönheit keinem meiner Untertanen zukommen lassen. – Sie darf nicht nach Burgund zurück. – Ich wage es nicht, sie nach England oder Deutschland bringen zu lassen, wo sie leicht einem Manne zuteil werden würde, der sich lieber an Burgund, als an Frankreich anschlösse, der geeigneter wäre, mir meine ehrlichen Trotzköpfe in Gent und Lüttich einzuschüchtern, als ihnen jene heilsame Haltung zu geben, welche Karl den Kühnen zu zügeln vermag, ohne daß er sich zu weit aus seinem Gebiete zu entfernen braucht, und einen solchen Rückhalt an einem kriegerischen Grafen von Croye! – Oliver! – das Plänchen ist zu kostbar, als daß man es ohne Widerrede nur so geradezu aufgeben sollte. – Kann nicht Dein erfinderischer Kopf irgend eine Auskunft ersinnen?«
Oliver schwieg ziemlich lange, endlich erwiderte er: »Wie wär's, wenn ein Ehebündnis zwischen Isabelle von Croye und dem jungen Adolph, Herzog von Geldern, zustande kommen könnte?«
»Wie?« rief der König erstaunt, »sie aufopfern, ein solch liebenswürdiges Geschöpf einem elenden Wüterich opfern, der seinen eigenen Vater absetzte, einkerkerte und oft schon mit dem Tode bedrohte! Nein, Oliver, nein! das wäre zu unaussprechlich grausam, sogar für Dich und mich! Ueberdies ist er zu fern von uns, und wird verabscheut von dem Volke von Gent und Lüttich. Nein, nein – nichts von Adolph von Geldern. – Nenne mir einen andern.«
»Meine Erfindungskraft ist erschöpft, Sire,« versetzte der Ratgeber; »ich kann mich auf niemand besinnen, der als Gemahl der Gräfin von Croye Ew. Majestät Absichten entspräche. Er muß gar zu verschiedene Eigenschaften in sich vereinigen, muß ein Freund Ew. Majestät, ein Feind Burgunds und klug genug sein, um sich mit den Gentern und Lüttichern gut zu stellen, zugleich aber auch hinlängliche Tapferkeit besitzen, um sein kleines Gebiet gegen die Macht Herzog Karls zu verteidigen. – Außerdem soll er, wie Ew. Majestät ausdrücklich verlangt, von hoher Geburt und obendrein von trefflichem, tugendhaftem Charakter sein.«
»Nein, Oliver,« sagte der König, »auf den Charakter lege ich kein Gewicht – das heißt, nicht so sehr viel Gewicht; aber mich dünkt, Isabellens Bräutigam sollte nicht so öffentlich und allgemein verabscheut sein, wie Adolph von Geldern. – Zum Beispiel, um nur selbst einen anzuführen, – wäre nicht Wilhelm von der Mark der Mann dazu?«
»Heilige Jungfrau!« sprach Oliver, »nun darf ich mich nicht mehr darüber beklagen, daß Ihr es auf einen zu strengen Tugendhelden abgesehen habt, wenn der wilde Eber der Ardennen Euch schon genügt. Wilhelm von der Mark! Ha! ha! ha! der ist der verrufenste Räuber und Mörder auf der weiten Grenze – vom Papste wegen tausend Verbrechen in den Kirchenbann getan.«
»Wir wollen ihn lossprechen lassen, Freundchen, – die heilige Kirche ist gnadenreich.«
»Beinahe vogelfrei,« fuhr Oliver fort, »und unter der Acht des Reiches, durch das Urteil des Reichskammergerichts zu Regensburg.« – »Wir lassen die Acht aufheben, Freund Oliver,« fuhr der König in demselben Tone fort, »das Reichskammergericht wird Vernunft annehmen.«
»Und zugestanden, daß er von edler Geburt sei,« sagte Oliver, »so hat er doch die Sitten, die Züge und das Aeußere sowie das Herz eines flämischen Schlächters. – Sie wird ihn nicht zum Gemahl annehmen,«
»Seine Art zu freien,« entgegnete Ludwig, »wenn ich mich anders recht auf ihn verstehe, wird ihr die Wahl wohl überflüssig machen.« – »Fürwahr, ich hatte fehl unrecht, wenn ich Ew. Majestät wegen so großer Bedenklichkeit tadelte,« versetzte der Ratgeber, »so wahr ich lebe, Adolphs Verbrechen sind noch Tugenden gegen die dieses Wilhelm von der Mark! Und dann, wie sollt er denn mit seiner Braut zusammentreffen? – Ew. Majestät ist ja bekannt, daß er außer seinem Ardennenwald sich nirgends blicken lassen darf.«
»Dafür muß gesorgt werden,« sprach der König »zuvörderst muß man den beiden Damen unter der Hand beibringen, daß sie nicht länger an diesem Hofe bleiben können, wenn nicht zwischen Frankreich und Burgund ein Krieg ausbrechen soll, und daß ich, da ich sie nicht gerne meinem schönen Vetter von Burgund überantworte, es äußerst gerne sähe, wenn sie insgeheim meine Lande verließen.« – »So werden sie verlangen, nach England geleitet zu werden,« entgegnete Oliver; »und wir werden das Vergnügen haben, sie von dorther an der Hand eines Insel-Lords, so eines runden Milchsuppengesichts in langen, braunen Locken, hinter den dreitausend Bogenschützen hermarschierend, zurückkehren zu sehen.«
»Nein – nein,« sprach der König, »wir dürfen's nicht wagen – Ihr versteht mich schon – unsern schönen Vetter von Burgund zu beleidigen, daß wir sie nach England ziehen ließen. Das würde seinen Unwillen ebenso erregen, wie wenn wir sie hier behielten. Nein, nein! Dem Schutze der Kirche allein will ich sie anvertrauen; und das Aeußerste, was wir im vorliegenden Falle tun könnten, wäre, die Gräfinnen Hameline und Isabelle von Croye verkleidet und unter einem geringen Geleite an den Hof des Bischofs von Lüttich abziehen zu lassen, der die schöne Isabelle einstweilen unter den Schutz eines Klosters stellen mag.«
»Und wenn dies Kloster sie vor Wilhelm von der Mark schützt, falls dieser einmal von Ew. Majestät günstigen Gesinnungen Wind bekommen hat, so habe ich mich in diesem Manne getäuscht.«
»Nun ja,« antwortete der König, »dank unsern geheimen Geldzuschüssen – Wilhelm von der Mark hat jetzt eine hübsche Handvoll so unbedenklicher Leute beisammen, als nur irgendwo geächtet worden ist, mit denen er sich auch in den Wäldern so gut zu behaupten weiß, daß er sich beiden, dem Herzog, wie dem Bischof von Lüttich, furchtbar macht. Ihm fehlt nichts, als etwas Land, das er sein nennen kann, und da die Gelegenheit so günstig ist, sich dies durch eine Heirat zu erwerben, so denk ich, Pasques-Dieu! braucht es für ihn nur einen Wink von meiner Seite, so wirbt und freit er. Der Herzog von Burgund wird dann einen solchen Dorn in seiner Seite haben, den ihm keine Lanzette in unsern Tagen herausziehen soll. Wenn dann der Eber der Ardennen, den er für vogelfrei erklärt hat, durch den Besitz der Ländereien, Schlösser und Herrschaften dieser schönen Dame verstärkt sein und vollends an der Spitze der mißvergnügten Lütticher stehen wird, die unter solchen Umständen nicht abgeneigt sein werden, ihn zu ihrem Hauptmanne und Anführer zu wählen, – dann laßt ihn an Krieg mit Frankreich denken, wenn er Lust hat; er mag aber eher dem Himmel danken, wenn Frankreich nicht selbst mit ihm Krieg anfängt. – Nun, Oliver, wie gefällt Dir dieses Plänchen, hm?«