»Vortrefflich,« erwiderte Oliver, »das Urteil ausgenommen, nach welchem diese Dame dem wilden Eber der Ardennen zuteil wird. – Heilige Jungfrau, mit etwas mehr äußerem Anstrich von Galanterie wäre der Generalprofoß Tristan am Ende noch der bessere Bräutigam von beiden.«
»Und eben schlugst Du mir noch Meister Oliver, den Barbier, vor,« sprach Ludwig; »aber Freund Oliver und Gevatter Tristan sind mir liebwerte Leute, wenn es gilt, Rat zu schaffen oder einen Plan ins Werk zu setzen, nur sind sie nicht der Stoff, aus dem man Grafen macht. Weißt Du denn nicht, daß die Bürger von Flandern edle Geburt hoch anschlagen, und zwar eben deswegen, weil sie ihnen selbst abgeht? Der Pöbel sucht immer adelige Anführer; und Wilhelm von der Mark stammt aus dem Blute der Fürsten von Sedan. – Doch nun zur Sache. Ich muß die Gräfinnen von Croye zu schleuniger und geheimer Flucht unter sicherem Geleit zu bestimmen suchen. Das wird nicht schwer sein, wenn man verlauten läßt, man müßte sie im Weigerungsfall dem Burgunder überliefern. Du wirst Mittel finden, dem Wilhelm von der Mark von ihren Bewegungen Kunde zu geben und ihn dann Zeit und Ort, wo er seine Bewerbung anzubringen gedenkt, selber bestimmen lassen. – Ich kenne jemand, der sich ganz dazu eignet, sie zu begleiten.«
»Darf ich fragen, wem Ew. Majestät einen so wichtigen Posten anvertraut?« fragte der Barbier.
»Einem Fremden,« antwortete der König, »einem, der in Frankreich weder Verwandte noch Verbindungen hat, um die Ausführung meines Planes zu hintertreiben, und der zu wenig das Land und seine Fraktionen kennt, um von meinen Plänen mehr zu vermuten, als ich ihm zu sagen für gut finde. – Mit einem Worte, ich gedenke den jungen Schotten dazu zu gebrauchen, durch den ich Euch hierher entbieten ließ.«
Oliver schwieg eine Weile, mit einer Miene, als ob er die Zweckmäßigkeit dieser Wahl in Zweifel zu ziehen schiene, dann setzte er hinzu: »Ew. Majestät hat diesem fremden Burschen viel früher, als es sonst Eure Gewohnheit ist, Ihr Vertrauen geschenkt.«
»Ich habe meine Gründe,« antwortete der König. – »Du kennst meine Verehrung gegen den gebenedeiten St. Julian« (hier bekreuzte er sich). »Ich hatte in der vorletzten Nacht spät noch meine Gebete an diesen Heiligen gerichtet und ihn demütig angefleht, er möchte meinen Haushalt mit solchen wandernden Ausländern vermehren, die am besten imstande wären, in unserm Königreiche eine unbedingte Unterwürfigkeit unter unsern Willen zu begründen; und ich gelobte dagegen dem guten Heiligen, daß ich sie in seinem Namen aufnehmen, unterstützen und erhalten wolle.«
»Und da sandten denn der heilige Julian,« sagte Oliver, »Euch auf Euer Gebet diesen langbeinigen Schotten ins Land?«
Obgleich der Barbier wohl wußte, daß sein Gebieter statt der ihm fehlenden Religion eine gute Dosis Aberglauben besaß, und daß man in solchen Fällen ihn leicht beleidigen konnte – obgleich, sage ich, er diese Schwäche des Königs wohl kannte und daher diese Frage in dem sanftesten, unbefangensten Tone tat, so fühlte Ludwig doch das Beißende, das in ihr lag, und warf einen unwilligen Blick auf den Sprecher.
»Schurke,« sprach er, »mit Recht heißest Du Oliver der Teufel, da Du Deines Herrn und der gebenedeiten Heiligen also zu spotten wagst. Wärest Du mir nur um einen Gran weniger notwendig, so hätte ich Dich schon längst an der Eiche dort vor dem Schlosse baumeln lassen, allen zum warnenden Beispiel, die sich vermessen, mit den Heiligen ihren Spott zu treiben!«
Mit diesen Worten nahm der König seinen Hut ab und wählte aus den kleinen, bleiernen Figuren, womit derselbe verziert war, diejenige heraus, die den heiligen Julian vorstellte, setzte sie vor sich hin auf den Tisch, wie er oft zu tun pflegte, wenn irgend eine besondere Hoffnung in ihm aufstieg oder vielleicht Gewissensbisse ihn anwandelten, kniete nieder und betete mit anscheinender tiefer Andacht: »Heiliger Julian, erhöre unser Gebet! Bitte, bitte für uns!« Während er so beschäftigt war, sah sein Günstling ihn mit einem Ausdrucke sarkastischer Verachtung an, die er kaum zu verhehlen suchte. Es war eine der Eigentümlichkeiten dieses Mannes, daß er in seinem Benehmen gegen den König jene katzenartige, süßliche Dienstfertigkeit und Demut, wodurch er sich gegen andere auszeichnete, völlig beiseite setzte; und wenn er noch einige Ähnlichkeit mit einer Katze behielt, so war es die, wenn das Tier auf seiner Hut ist, wachsam, lebendig, und zu plötzlichem Angriffe bereit. Der Grund dieser Umwandlung mochte bei Oliver in der Ueberzeugung liegen, daß sein Gebieter selbst ein zu großer Heuchler sei, um die Heuchelei anderer nicht zu durchschauen.
»Die Züge des Jünglings glichen also, wenn ich fragen darf,« sagte Oliver, »den Zügen dessen, den Ihr im Traume saht?«
»Aufs Haar hin,« versetzte der König, dessen Einbildungskraft, wie es bei allen abergläubischen Leuten zu gehen pflegt, ihn selbst täuschte. – »Ich habe durch Galeotti Martivalle sein Horoskop stellen lassen und erkannte durch seine Kunst und meine eigene Beobachtung ganz genau, daß dieser allein in der Welt stehende Jüngling in mancher Hinsicht mit mir unter gleicher Konstellation steht.« Was auch immer Oliver von den Gründen halten mochte, die Ludwig mit so vieler Zuversicht gab, so wagte er es doch nicht, fernere Einwendungen zu machen.
»Hoffentlich,« sagte er deshalb nur, »ändert er sich mit der Zeit nicht?«
»Wir werden Sorge tragen, daß er keine Gelegenheit bekommt, sich anders zu betragen; denn er soll nichts erfahren, als daß er abgeschickt ist, die Gräfinnen von Croye in die Residenz des Bischofs von Lüttich zu begleiten. Von der wahrscheinlichen Dazwischenkunft Wilhelms von der Mark erfährt er so wenig, als jene. Niemand soll um das Geheimnis wissen, als der Wegweiser; und Tristan oder Du müssen mir jemand ausfindig machen, der zu unsern Absichten taugt.«
»Aber in diesem Falle,« sagte Oliver, »wird sich der junge Mann, nach seinem Vaterlande und seinem Aeußern zu schließen, wohl zur Wehr setzen, sobald der wilde Eber auf sie losstürzt, und möchte wohl dessen Hauern nicht so leicht entkommen, wie diesen Morgen denen Tristans.« – »Wenn es ihm ans Leben geht,« sagte Ludwig ruhig, »so wird der heilige Julian, – gebenedeit sei sein Name, – mir einen andern an seine Stelle senden. Unterdessen müssen wir Anstalten zur Reise der Damen treffen und dann den Grafen Crevecoeur überreden, sie habe ohne ihr Zutun stattgefunden.«
»Der Graf ist vielleicht zu klug, und sein Gebieter zu sehr gegen Euch eingenommen, um das zu glauben.«
»Heilige Mutter Gottes!« entgegnete Ludwig, »wie könnte ein Christ so ungläubig sein! Nein, Oliver, sie sollen uns glauben müssen. Wir wollen in unser ganzes Benehmen gegen unsern lieben Vetter, den Herzog Karl, ein so unbegrenztes Zutrauen legen, daß er ärger denn ein Ungläubiger sein müßte, wenn er nicht glaubte, daß wir's in jeder Hinsicht redlich mit ihm meinten. Ich sage Dir, ich bin so überzeugt, daß ich Karl von Burgund jede beliebige Meinung von mir beibringen könnte, daß ich, um alle seine Zweifel zu beschwichtigen, wenn's nötig wäre, unbewaffnet auf einem Saumrosse ihn in seinem Zelt besuchen wollte, ohne ein anderes Geleit, als Deine Wenigkeit, Freund Oliver.«
»Und ich wollte,« sprach Oliver, »obgleich ich mich nicht rühmen kann, daß ich mit einem andern Stahl, als meinem Schermesser, umzuspringen weiß, lieber gegen ein Bataillon Schweizerlanzen zu Felde ziehen, als Ew. Majestät auf einem solchen Freundschaftsbesuche begleiten! denn der Herzog hat der Gründe zuviele, um versichert zu sein, daß Ew. Majestät nichts als Haß und Feindschaft gegen ihn im Herzen trägt.«