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»Du bist ein Narr, Oliver,« sagte der König – »und das bei allen Deinen Ansprüchen auf Weisheit; Du siehst nicht, daß gerade tiefe Politik zuweilen die Larve der größten Einfalt annimmt, sowie Mut oft hinter bescheidener Schüchternheit sich birgt. Wenn's nötig wäre, so wäre nichts gewisser, als daß ich tun würde, was ich eben sagte, – wenn die Heiligen unser Vorhaben segneten, und die himmlischen Konstellationen in ihrem Laufe für solch ein Unternehmen die gehörige Stellung eingenommen hätten.«

Er entließ seinen geheimen Rat und begab sich sogleich auf das Zimmer der Gräfinnen von Croye. Es brauchte außer seiner bloßen Erlaubnis wenig Ueberredens, um ihre Entfernung von dem französischen Hofe auf den ersten Wink zu bewirken, daß er vielleicht nicht imstande sein würde, sie fernerhin gegen den Herzog von Burgund zu schützen; aber nicht so leicht war es, sie zu bestimmen, Lüttich zu ihrem Zufluchtsort zu wählen. Sie baten aufs angelegentlichste, man möchte sie nach Bretagne oder Calais begleiten, wo sie unter dem Schutz des Herzogs von Bretagne oder des Königs von England solange in Sicherheit verweilen wollten, bis der Herzog von Burgund von seinem harten Vorhaben gegen sie zurückgekommen wäre. Allein keiner dieser Zufluchtsörter wollte in die Pläne Ludwigs passen, und am Ende gelang es ihm, sie zur Annahme desjenigen zu bestimmen, der damit übereinkam. Daß der Bischof von Lüttich sie zu schützen imstande sei, konnte nicht in Zweifel gezogen werden; denn seine geistliche Würde gab ihm die Mittel an die Hand, die Flüchtlinge gegen alle Fürsten der Christenheit zu verteidigen, während auf der andern Seite seine weltliche Macht, wenn auch eben nicht beträchtlich, doch wenigstens hinreichend war, seine Person sowie alle, die unter seinem Schutze standen, vor plötzlicher Gewalttat sicher zu stellen. Die einzige Schwierigkeit war noch, wie sie den kleinen Hof des Bischofs in Sicherheit erreichen könnten; aber dafür versprach Ludwig zu sorgen, daß er ein Gerücht verbreitete, die Gräfinnen von Croye wären aus Furcht vor einer Auslieferung an die burgundische Gesandtschaft bei Nacht aus Tours entflohen, und hätten ihren Weg in der Richtung nach Bretagne genommen. Er versprach ihnen gleichfalls ein kleines, aber treuergebenes Gefolge nebst Briefen an die Befehlshaber der auf ihrem Wege liegenden Städte und Festungen mit der Weisung beizugeben, daß diese ihnen auf ihrer Reise jeden möglichen Beistand zu leisten hätten.

Die Gräfinnen von Croye waren, obgleich sie die ungroßmütige und unhöfliche Art, womit er sie der zugesicherten Freistätte an seinem Hofe beraubte, tief empfanden, doch so weit entfernt, sich gegen die vorgeschlagene schleunige Abreise zu setzen, daß sie seinem Verlangen mit der Bitte entgegenkamen, noch in dieser Nacht abreisen zu dürfen. Gräfin Hameline war bereits eines Aufenthalts überdrüssig, wo es weder bewundernde Höflinge noch Festlichkeiten gab, bei denen man glänzen konnte; Isabelle dagegen glaubte, genug gesehen zu haben, um zu dem Schlusse berechtigt zu sein, daß, wenn die Versuchung nur um weniges stärker würde, Ludwig XI., nicht zufrieden, sie von seinem Hofe zu vertreiben, sie am Ende sogar ohne Bedenken an ihren erbitterten Lehnsherrn, den Herzog von Burgund, ausliefern würde. Ludwig willigte in ihren Entschluß, sogleich abzureisen, um so williger, als er sehnlichst wünschte, den Frieden mit dem Herzog von Burgund nicht zu stören.

Dreizehntes Kapitel

Beschäftigung und Abenteuer schienen auf den jungen Schotten mit der Gewalt einer Springflut einzuströmen, denn er wurde eiligst auf das Zimmer seines Hauptmanns beschieden, wo er zu seinem großen Erstaunen den König selbst gegenwärtig fand. Nach einigen Worten über die Ehre und das in ihn gesetzte Vertrauen, die Quentin schon fürchten ließen, man möchte ihm wieder eine Wache zumuten, wie die bei Graf Crevecoeur, oder vielleicht eine seinen Gefühlen von Ehre und Rechtlichkeit noch mehr zuwiderlaufende Pflicht, fühlte er sich nicht nur gar sehr erleichtert, sondern hocherfreut, als er hörte, daß man ihn, nebst vier unter seinen Befehl gestellten Gefährten, von denen einer der Führer war, auserwählt habe, die Gräfinnen von Croye an den kleinen Hof ihres Verwandten, des Bischofs von Lüttich, und zwar auf möglichst geheime Weise zu geleiten. Er wurde hinreichend mit Verhaltungsbefehlen versehen über das, was er zu tun und zu sagen habe, um die Rolle eines Haushofmeisters »zweier englischer Damen von Rang« zu spielen, die sich auf einer Wallfahrt zu dem heiligen Martin von Tours befänden und jetzt willens wären, die heilige Stadt Köln zu besuchen und die Reliquien der Weisen aus dem Morgenlande anzubeten; denn in dieser Eigenschaft sollten die Gräfinnen von Croye reisen.

Ohne sich über die Ursache seines Entzückens genaue Rechenschaft geben zu können, schlug Quentin Durwards Herz hoch vor Freude bei dem Gedanken, daß er nun der Schönheit vom Türmchen so nahe kommen und in ein Verhältnis zu ihr gesetzt werden sollte, das ihn zu ihrem Vertrauen berechtigte, da ihr Schutz nur größtenteils seinem klugen Benehmen und seinem Mute anvertraut war. Es kam ihm gar kein Zweifel, ob er sie auch glücklich durch die Wagnisse und Fährlichkeiten geleiten könnte. Die Jugend denkt selten an Gefahren, und in Freiheit, Furchtlosigkeit und Selbstvertrauen aufgewachsen, dachte Quentin nur an Gefahren, um ihnen die Spitze zu bieten. Er sehnte sich aus der drückenden Nähe des Königs, um den Gefühlen von Freude freien Lauf zu lassen, womit ihn diese unerwartete Kunde erfüllte, und die er in dieser Gesellschaft durchaus nicht auslassen konnte.

Allein der König gab ihn noch nicht frei. Dieser vorsichtige Monarch mußte sich noch mit einem Ratgeber ganz anderen Schlags, als Oliver »dem Teufel«, besprechen, mit einem, von dem man glaubte, daß er seine Weisheit aus überirdischen, himmlischen Quellen schöpfte, dahingegen die Leute, welche nach den Früchten urteilen, geneigt waren, zu glauben, daß Olivers Ratschläge dem bösen Feinde selbst ihr Entstehen verdankten.

Ludwig ging voran, und der ungeduldige Quentin folgte ihm in einen einzeln stehenden Turm des Schlosses Plessis. Hier hauste mit nicht geringer Bequemlichkeit und mit Glanz, der berühmte Sterndeuter, Dichter und Weltweise Galeotti Marti, oder Martius, oder Martivalle, von Nervi in Italien gebürtig. Er hatte mit Auszeichnung an dem Hofe des berühmten Mathias Corvinus, Königs von Ungarn, gelebt, von welchem er durch Ludwig hinweggelockt wurde, der diesen Monarchen um die Gesellschaft und Ratschläge eines Weisen beneidete, dem der Ruf solche Geschicklichkeit in der Enthüllung der Beschlüsse des Himmels beilegte.

Martivalle war keiner jener asketischen, abgelebten, blassen Bekenner mystischer Weisheit, die in mitternächtlichen Stunden ihre Augen am Schmelzofen verderben und ihre Körper bei der Beobachtung des großen Bären abmagern. Er nahm teil an allen Lustbarkeiten des Hofes und zeichnete sich, bevor er beleibt wurde, in allen kriegerischen Belustigungen und Leibesübungen, sowie auch im Gebrauche der Waffen aus.

Die Gemächer des höfischen und zugleich kriegerischen Weisen waren weit glänzender ausgestattet, als irgend eines, das Quentin in dem königlichen Palaste gesehen hatte. Das Schnitzwerk und die Verzierungen an seinem Bücherschrank sowohl, als die Pracht, die sich in den Tapetenbehängen kundtat, zeugten von dem feinen Geschmack des gelehrten Italieners. Von seinem Studierzimmer führte eine Tür in sein Schlafgemach, eine andere in das Türmchen, das ihm zur Sternwarte diente. Eine große eichene Tafel mitten im Zimmer war mit einem kostbaren türkischen Teppich bedeckt. Auf dem Tische lagen eine Menge von mathematischen und astrologischen Instrumenten, alle von dem reichsten Material und trefflich gearbeitet. Sein Astrolabium von Silber war ein Geschenk des deutschen Kaisers und sein Jakobstab von Elfenbein, mit Gold beschlagen und künstlich eingelegt, war ein Zeichen der Achtung von seiten des Papstes.