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Galeotti Martivalle, ein großer, starker, ungeachtet seiner Körperfülle stattlicher Mann, war längst über die Mittagshöhe des Lebens hinaus. In seiner Jugend hatte er starke Leibesübungen gehalten, die er zwar jetzt noch gelegentlich fortsetzte, die aber dennoch eine natürliche Anlage zur Wohlbeleibtheit nicht bekämpfen konnten. Seine Gesichtszüge, wenngleich etwas stark gezeichnet, hatten einen Ausdruck von Würde und Hochsinn, und ein türkischer Heiliger hätte ihn um die Fülle des schwarzen, weit herabfließenden Bartes beneidet. Er trug einen Schlafrock vom reichsten Genueser Sammt mit weiten Aermeln, die mit goldenen Spangen zusammengehalten wurden und mit Zobel gefüttert waren. Um die Mitte des Leibes hielt ihn ein breiter Gürtel von Jungfernpergament, auf dem ringsherum die Zeichen des Tierkreises in hochroten Charakteren dargestellt waren. Er stand auf und verbeugte sich gegen den König, jedoch mit einer Miene, als ob ihm eine so hohe Gesellschaft nicht ungewohnt wäre.

»Ihr seid beschäftigt, Vater,« sprach der König, einen Blick auf den Tisch heftend, auf welchem ein Buch aufgeschlagen lag, das durch die eben erfundene Druckkunst hergestellt war, »und wie mir deucht, mit der neuerfundenen Weise, durch Anwendung von Maschinen die Handschriften zu vervielfältigen? Können so mechanische und irdische Dinge die Gedanken jemands in Anspruch nehmen, vor dem der Himmel das Buch seiner erhabenen Geheimnisse entfaltet?«

»Mein Bruder,« erwiderte Martivalle, denn also muß der Bewohner dieser Zelle selbst den König von Frankreich nennen, wenn sich dieser herabläßt, ihn als Schüler zu besuchen, – »glaubt mir, daß ich, wenn ich die Folgen dieser Erfindung erwäge, in ihr ebenso sicher, wie durch die Stellung der Himmelskörper, die gewaltigsten und erstaunenswürdigsten Umwandlungen lese. Wenn ich betrachte, wie langsam und dürftig der Quell des Wissens bisher für uns floß; wie schwer selbst es denen ward, die so glühend darnach dürsteten: kann ich wohl ohne Verwunderung und Erstaunen auf das Los der kommenden Geschlechter hinblicken, auf welche die Erkenntnis gleich dem Frühregen und Spätregen herabströmen wird, ununterbrochen, ungehemmt das eine Land befruchtend, das andere überflutend; das ganze gesellige Leben neu gestaltend, Religionen bald gründend, bald umstürzend, und Königreiche hier stiftend, dort zerstörend.«

»Halt, Galeotti,« fiel Ludwig ein, – »weiden diese Veränderungen in unsern Zeiten sich zutragen?«

»Nein, mein königlicher Bruder,« antwortete Martivalle, »diese Erfindung mag mit einem jungen Baume verglichen werden, der erst noch gesetzt wurde, aber für kommende Geschlechter Früchte tragen wird, ebenso verderbliche wie köstliche, wie die im Garten Eden – die Erkenntnis nämlich des Guten und des Bösen.«

Ludwig antwortete nach einer augenblicklichen Pause: »Mag die Zukunft sehen, wie sie damit auskommt – wir sind Männer dieses Zeitalters, und auf dieses wollen wir unsere Sorgfalt beschränken. Jeder Tag hat seine eigene Plage. – Sagt mir, seid Ihr weitergekommen auf dem Horoskop, das ich Euch sandte, und worüber Ihr mir schon einigen Bericht erstattetet? Ich habe den Menschen mitgebracht, damit Ihr, wenn es Euch beliebt, an ihm Eure Handwahrsagekunst versuchen könnt. Die Sache hat Eile.«

Der wohlbeleibte Weise stand von seinem Sitze auf, heftete, als er sich dem jungen Krieger genähert hatte, seine großen, schwarzen Augen auf ihn, als wollt' er jeden seiner Züge und Lineamente entziffern und zerlegen. – Errötend und niedergedrückt durch eine so strenge Untersuchung von seiten eines Mannes, dessen Aeußeres so ehrwürdig und gebietend war, schlug Quentin seine Augen zu Boden, und erhob sie auch nicht eher, als bis ihm der Astrolog mit lauter Stimme befahclass="underline" »Blick auf und fürchte Dich nicht, sondern halte mir Deine Hand her.«

Nachdem Martivalle die Fläche seiner Hand nach den Regeln der geheimen Künste, die er ausübte, betrachtet hatte, führte er den König beiseite. – »Mein königlicher Bruder,« sprach er dann, »die Gesichtszüge des jungen Mannes, zusammengenommen mit den Linien in seiner Hand, bestätigen auf eine wundervolle Art den Bericht, den ich auf sein Horoskop gründete, sowie auch das Urteil, das Ihr vermöge Eurer eigenen Kenntnisse in unsern erhabenen Künsten über ihn zu fällen imstande wäret. Alles verspricht, daß dieser Jüngling tapfer und glücklich sein wird.«

»Und treu?« fragte der König; »denn Tapferkeit und Glück sind nicht immer mit Treue gepaart.«

»Und treu,« sprach der Sterndeuter; »denn es liegt Männlichkeit in Blick und Auge, und seine Lebenslinie ist tief und deutlich gezeichnet, was eine treue und aufrichtige Anhänglichkeit an diejenigen bedeutet, die ihm Wohltaten erweisen oder Vertrauen schenken. Indessen –«

»Nun?« fragte der König, »warum schweigt Ihr plötzlich, Vater Galeotti?«

»Die Ohren der Könige,« sagte der Weise, »gleichen dem Gaumen verwöhnter Patienten, der die zu ihrer Genesung erforderliche bittere Arznei nicht vertragen kann.« »Meine Ohren und mein Gaumen sind empfindlich,« versetzte der König, »laßt mich immer guten Rat hören und die heilsame Arznei verschlucken. Ich mache mir aus der Strenge des einen so wenig, als aus der Bitterkeit des andern. Ich bin nicht durch Ueppigkeit oder zu große Nachsicht verwöhnt worden, habe vielmehr meine Jugend in Verbannung und unter Leiden zugebracht. Meine Ohren sind an strengen Rat gewöhnt und nehmen keinen Anstoß daran.«

»Also frei heraus, Sire,« erwiderte Galeotti, »wenn Ihr bei Euerm Auftrage etwas habt, das – nun kurz – das ein bedenkliches Gewissen stutzig machen könnte – so vertraut es nicht diesem Jüngling an – wenigstens nicht eher, als bis ihn einige Jahre in Euerm Dienst ebenso unbedenklich, wie die andern, gemacht haben.«

»Und dies war es, was Ihr zu sagen Euch scheutet, guter Galeotti? Dadurch glaubt Ihr mich zu beleidigen?« antwortete der König. »Ach, gewiß seht Ihr ein, wie der Pfad königlicher Politik mit den reinen Grundsätzen der Religion und Moral (wie das im Privatleben unabänderlich sein muß) nicht immer übereinstimmen kann. Warum stiften wir Fürsten Kirchen und Klöster, stellen Wallfahrten an und legen uns Büßungen auf, wenn's nicht geschieht, weil uns das allgemeine Beste und die Wohlfahrt unseres Königreiches zu Maßregeln zwingen, die unser Gewissen, als Christen, verdammt? Aber der Himmel ist barmherzig – die Kirche ein unversiegbarer Quell von Verdiensten, und die Fürsprache unserer lieben Frau von Embrun und der gebenedeiten Heiligen ist dringend, dauernd und allmächtig.« Hier setzte er seinen Hut auf den Tisch, und andächtig vor den Bildern an seinem Hutrande sich niederlassend, wiederholte er im ernstesten Tone: »Heiliger Hubert, heiliger Julian, heiliger Martin, heilige Rosalie, ihr Heiligen alle, die ihr zugegen seid, bittet für mich armen Sünder!« Hierauf schlug er an seine Brust, setzte seinen Hut wieder auf und fuhr fort: »Seid versichert, guter Vater, daß, wenn auch in unserm Auftrage etwas der Art läge, wie Ihr angedeutet habt, so soll die Ausführung diesem Jüngling nicht anvertraut werden, noch soll er von diesem Teil unseres Vorhabens Kunde bekommen.«

»Darin,« sprach der Sterndeuter, »mein königlicher Bruder, werdet Ihr weise handeln. – Etwas möchte wohl von der Unbesonnenheit des jungen Mannes zu besorgen sein; ein Fehler, der Leuten von lebhaftem Temperament immer eigen ist. Allein ich halte dafür, daß, soviel ich nach den Regeln der Kunst erforschen konnte, dies eben nicht viel bedeutet in Vergleichung mit den andern Eigenschaften, die in seinem Horoskop und sonst entdeckt worden sind.«

»Ist wohl die nächste Mitternacht eine günstige Stunde, um eine gefährliche Reise anzutreten?« fragte der König. – »Seht, hier sind Eure Ephemeriden – Ihr seht hier die Stellung des Mondes dem Saturn gegenüber und das Aufsteigen des Jupiters – das sollte doch, dünkt mich, ohne jedoch Eurer bessern Einsicht vorgreifen zu wollen, dem, der Zu solcher Stunde die Unternehmung beginnt, Glück prophezeien?«