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Wenige Minuten vor Mitternacht begab sich Quentin, seinem Befehl gemäß, in den zweiten Hofraum und hielt unter dem Dauphinturme, der, wie der Leser weiß, den Gräfinnen von Croye zum einstweiligen Aufenthalt angewiesen war. Er fand an diesem Ort die Mannschaft und die Pferde, die zum Gefolge der Reisenden bestimmt waren, nebst zwei bereits mit dem Gepäcke beladenen Saumtieren und drei Zeltern für die zwei Gräfinnen und eine vertraute Kammerfrau, sowie einem stattlichen Streitrosse für sich selbst, dessen mit Stahl belegter Sattel im blassen Mondschein glänzte. Kein Wort gegenseitiger Erkennung ward gewechselt. Die Männer saßen bewegungslos in ihren Sätteln; und bei dem unvollkommenen Lichte sah Quentin mit Vergnügen, daß sie alle bewaffnet waren und lange Lanzen in den Händen hielten. Es waren ihrer bloß drei; aber einer von ihnen flüsterte Quentin in derber gaskognischer Mundart zu, daß ihr Führer in der Nähe von Tours zu ihnen stoßen würde.

Mittlerweile erblickte man hin und wieder Lichter an den Gittern des Turmes, als ob die Bewohner desselben in Unruhe und mit Zurüstungen beschäftigt wären. Endlich öffnete sich eine kleine Tür, die aus dem Innern des Turmes auf den Hof führte, und es erschienen drei Frauen in Begleitung eines in einen Mantel gehüllten Mannes. Stillschweigend bestiegen sie die Zelter, die für sie bereit standen, während ihr Begleiter voranging und den wachthabenden Posten, an welchem sie nacheinander vorüberkamen, die nötigen Paßworte und Losungszeichen gab. So gelangten sie endlich vor diese furchtbaren Schutzwehren hinaus. Hier hielt der Mann zu Fuß, der bisher ihren Führer gemacht hatte, und sprach in leisem, aber ernstem Tone mit den zwei voranreitenden Damen.

»Möge Euch der Himmel segnen,« sprach eine Stimme, deren Laut in Quentins Ohr drang, »und Euch vergeben, wenn Eure Absichten auch selbstsüchtiger sein möchten, als es Eure Worte vermuten lassen! Mein höchster Wunsch ist bloß der, unter den Schutz des guten Bischofs von Lüttich gestellt zu werden.«

Der Mann, an den sie diese Worte richtete, murmelte einige unhörbare Laute zur Antwort und zog sich durch das äußere Tor zurück, während Quentin beim Mondschein in ihm den König zu erkennen glaubte, den seine ängstliche Sorge für die Abreise seiner Gäste vermutlich veranlaßt hatte, durch seine Gegenwart allen Bedenklichkeiten, die sich entweder ihrerseits oder von seiten der Schloßwache erheben konnten, zu begegnen.

Als sie außerhalb des Schlosses waren, war es einige Zeit notwendig, mit vieler Vorsicht zu reiten, um die Fallgruben, Fußangeln und ähnliche Vorkehrungen, die zur Sicherheit gegen feindliche Angriffe getroffen waren, zu vermeiden. Der Gaskogner besaß indes den untrüglichen Faden zu diesem Labyrinth, und nachdem sie eine Viertelstunde geritten waren, befanden sie sich außerhalb der Grenzen des Parks von Plessis, und nicht mehr weit von der Stadt Tours entfernt.

Der Mond, der soeben aus den Wolken hervorgetreten war, die ihn eingehüllt hatten, goß nun ein herrliches Lichtmeer über eine ebenso herrliche Landschaft hin. Sie sahen die königliche Loire ihre majestätischen Fluten durch die fruchtbarste Ebene Frankreichs dahinrollen und zwischen Ufern sich hinwinden, welche mit Türmen und Terrassen, mit Oelgärten und Weinbergen geschmückt waren. Vor ihnen erhoben sich die Mauern der alten Stadt der Touraine mit ihren Tortürmen und Verschanzungen im weißen Mondlichte, während innerhalb ihres Umkreises der unermeßliche, gotische Bau sichtbar war, den die Frömmigkeit des heiligen Bischofs Perpetus errichtet und der Eifer Karls des Großen und seiner Nachfolger mit einem architektonischen Glänze ausgestattet hatte, der diese Kirche zur prachtvollsten in Frankreich machte.

So bedenklich auch die Lage war, in die sich der junge Schotte versetzt sah, so hinderte sie ihn, der an die öden, aber großartigen Landschaften der heimischen Gebirge und an die Unfruchtbarkeit des Bodens gewohnt war, keineswegs, einen Schauplatz mit Bewunderung und Entzücken zu betrachten, den Natur und Kunst wetteifernd mit ihrem höchsten Glänze ausgestattet hatten. Doch bald wurde er durch die Stimme der ältern Dame, die wenigstens eine Oktave höher klang als jene sanften Töne, die König Ludwig den Abschied zugerufen hatten, an seine Pflicht erinnert. Sie verlangte nämlich den Führer des Zuges zu sprechen. Sein Pferd sogleich vorwärts spornend, stellte sich Quentin den Damen in jener Eigenschaft ehrerbietig vor und mußte sich so einem Verhöre der Gräfin Hameline unterwerfen. Sie fragte ihn zuvörderst: »Wie er heiße, und welchen Posten er bekleide.« Er beantwortete beides. »Ob er des Wegs vollkommen kundig sei?«

»Dies könne er,« war seine Antwort, »eben nicht behaupten, allein er sei mit vollständigen Instruktionen versehen und erhalte auf ihrem ersten Ruheplätze einen Führer, der ihnen für ihre weitere Reise in jeder Hinsicht genügen werde. Indes werde ihnen ein Reiter, der soeben zu ihnen gestoßen sei, bis auf die erste Station zum Führer dienen.«

»Und warum seid Ihr, junger Mann, zu diesem Dienste erwählt worden?« fragte die Dame. »Wenn ich nicht irre, seid Ihr der nämliche, der kürzlich in der Halle Wache stand, in welcher wir mit der Prinzessin von Frankreich zusammenkamen. Ihr scheint zu jung und unerfahren für einen solchen Auftrag, – überdies ein Fremder, und sprecht die Sprache auch als Ausländer.«

»Ich bin verpflichtet, den Befehlen des Königs zu gehorchen, Madame, ohne mir ein Urteil darüber zu erlauben,« antwortete der junge Krieger.

»Seid Ihr von edler Geburt?« fragte die Dame weiter.

»Das darf ich mit Recht behaupten, Madame,« erwiderte Quentin.

»Und seid Ihr nicht,« fragte die jüngere Dame, die ihn jetzt, wiewohl mit schüchternem Tone anredete, »der nämliche, den ich sah, als ich gerufen wurde, in jenem Wirtshaufe dem König aufzuwarten?«

Mit gedämpfter, schüchterner Stimme bejahte Quentin die Frage.

»Dann glaub ich, liebe Muhme,« sagte Fräulein Isabelle, sich an Gräfin Hameline wendend, »dürfen wir uns getrost dem Geleite des jungen Mannes anvertrauen; er sieht wenigstens nicht aus, als ob man ihm die Ausführung eines verräterischen Plans gegen hilflose Frauen anvertrauen könne.«

»Auf meine Ehre, meine Dame,« sagte Durward, »bei dem guten Namen meines Hauses, bei den Gebeinen meiner Ahnen, ich könnte, und wenn Frankreich und Schottland zusammen in der Wage lägen, mich keines Verrates gegen Euch schuldig machen.«

»Gut gesprochen, junger Mann,« sagte Gräfin Hameline; »allein wir sind gewohnt, von dem Könige von Frankreich und seinen Vertrauten schöne Redensarten zu hören. Diese waren es, die uns verleiteten, zu einer Zeit, da wir den Schutz des Bischofs von Lüttich, oder des Wenzeslaus von Deutschland oder Edwards von England noch mit weniger Gefahr, als jetzt, hätten erhalten können, unsere Zuflucht nach Frankreich zu nehmen. Aber auf was liefen die Versprechungen des Königs hinaus? Darauf, daß er uns in ein elendes Dorfwirtshaus unter falschen Namen versteckte. Während wir sonst, wie Du weißt, Marthon (indem sie sich an ihre Dienerin wandte), unsern Kopfputz nie anders als unter einem Baldachin und auf einem Thronsessel mit drei Stufen ordnen ließen, sollten wir uns jetzt, auf dem bloßen Boden stehend, wie zwei Mägde, ankleiden.«

Marthon bekannte, daß ihre Gebieterin eine sehr traurige Wahrheit ausgesprochen habe.

»Das wäre nicht das geringste Uebel gewesen, liebe Muhme,« versetzte Fräulein Isabelle; »ich hätte gern alles Prunkes entbehrt.«

»Aber Gesellschaft nicht,« entgegnete Hameline; »die, liebes Mühmchen, hätten wir unmöglich länger entbehren können.«

»Ich hätte auf alles verzichtet, teuerste Muhme,« antwortete Isabelle mit einer Stimme, die ihrem jungen Geleiter und Beschützer ins Innerste drang, »auf alles, um eine sichere und eine ehrenvolle Zurückgezogenheit. Ich wünsche nicht, und habe es, Gott weiß es, nie gewünscht, die Veranlassung zu einem Kriege zwischen Frankreich und meinem Geburtsland zu werden, oder daß meinetwegen auch nur ein Menschenleben aufgeopfert würde. Ich flehte bloß um die Erlaubnis, mich in das Kloster von Marmoutier oder an einen andern heiligen Ort zurückziehen zu dürfen.«