Выбрать главу

»Ihr sprecht töricht, Nichte,« entgegnete die ältere Gräfin, »und nicht wie die Tochter meines edeln Bruders. Es ist gut, daß noch jemand lebt, der etwas von dem Geiste des edeln Hauses von Croye in sich trägt. Wie sollte sich denn auch das hochgeborene Fräulein von dem sonnenverbrannten Milchmädchen unterscheiden, als dadurch, daß für die eine Lanzen, und für die andere nur Haselstöcke gebrochen werden? Ich sage Dir, Mädchen, daß in meiner ersten Jugendblüte, als ich kaum älter war, als Du, das berühmte Kampfspiel zu Haflinghem mir zu Ehren gehalten wurde; der Ausforderer waren vier, und der Gegner nicht weniger als zwölf. Ja, hättet Ihr nur zur Hälfte die Gesinnungen Eurer edeln Vorfahren, Ihr würdet schon Mittel finden, an einem Hofe, wo noch Frauenliebe und Waffenruhm etwas gelten, ein Turnier zu erhalten, wo Eure Hand der Preis sein müßte, wie es bei Eurer Urgroßmutter, gesegneten Andenkens, bei dem Speerrennen der Fall war; und dann würdet Ihr die beste Lage in Europa gewinnen, um die Rechte des Hauses Croye gegen die Unterdrückung Burgunds und die Politik Frankreichs zu behaupten.«

»Aber, liebe Muhme,« entgegnete die jüngere Gräfin, »meine alte Amme erzählte mir, daß, obgleich der Rheingraf auf dem Turniere zu Straßburg die beste Lanze führte und so die Hand meiner Urgroßmutter gewann, die Ehe doch nicht glücklich war und daß er meine Urgroßmutter, gesegneten Andenkens, oft gescholten, zuweilen sogar geschlagen habe.«

»Und warum sollte er das nicht?« fragte die ältere Gräfin in ihrer romanhaften Begeisterung für das Rittertum; »warum sollte dieser siegreiche Arm, gewohnt, draußen tüchtige Streiche zu führen, zu Haufe seiner Tatkraft Schranken setzen? Tausendmal lieber wollt ich mich des Tags zweimal schlagen lassen von einem Manne, dessen Arm von anderen ebenso wie von mir gefürchtet wäre, als die Frau eines Feiglings zu sein, der weder gegen sein Weib, noch gegen sonst jemand die Hand zu erheben wagte.« »Ich würde Euch zu solch einem Ehegemahl viel Glück wünschen, liebe Muhme,« antwortete Isabelle, »ohne Euch eben zu beneiden; denn wenn man sich auch auf einem Turniere gebrochene Glieder gefallen läßt, so ist dies doch nichts Einladendes für das Frauengemach.«

»Ja, aber Schläge sind ja nicht gerade die notwendigen Folgen der Vermählung mit einem Ritter von großem Waffenruhme; – es ist freilich wahr, unser Ahnherr, der Rheingraf Gottfried, hatte eine etwas rauhe Gemütsart und war dem Genuß des Rheinweins sehr ergeben. – Der vollkommene Ritter ist ein Lamm unter Frauen und ein Löwe unter Lanzen. Da war Tibault von Montigny, – Gott sei mit ihm! – der war die beste Seele von der Welt, und war nicht nur nie so unartig, gegen seine Gattin die Hand zu erheben, sondern, bei unserer lieben Frau! er, der alle Feinde außer dem Hause schlug, fand innerhalb desselben eine schöne Feindin, die ihm viel zu schaffen machte. – Nun, das war seine eigene Schuld, – er war einer der Aufforderer bei dem Speerrennen zu Haflinghem und hielt sich da so wacker, daß er, hätte es dem Himmel und Deinem Großvater gefallen, eine Frau von Montigny gefunden haben würde, die ihn bei seiner Sanftmut sanftmütiger behandelt hätte.«

Die Gräfin Isabelle, die allen Grund hatte, sich vor diesem Speerrennen zu Haflinghem zu fürchten, da dies ein Gegenstand war, bei dem die Muhme immer sehr redselig wurde, ließ das Gespräch fallen. Durward, der als ein wohlerzogener junger Mann besorgte, seine Gegenwart möchte ihrer Unterhaltung einen Zwang anlegen, ritt voraus zu dem Führer, als ob er über den Weg an ihn einige Fragen tun wollte.

Indessen ritten die Damen schweigend fort oder unterhielten sich über unbedeutende Gegenstände bis zum Anbruche des Tages; da sie nun mehrere Stunden zu Pferde gewesen waren, besorgte Quentin, sie möchten ermüdet sein, und wollte wissen, wie weit sie noch von dem nächsten Ruheort entfernt wären.

»In einer halben Stunde,« antwortete der Führer, »werde ich ihn Euch zeigen.«

»Und dann überlaßt Ihr uns eines andern Führung?« fragte Quentin weiter.

»Ja, Herr Bogenschütze,« erwiderte der Mann; »meine Reisen sind immer kurz und geradeaus. Während Ihr und andere den Bogen nehmt, greife ich immer nach dem Stricke.«

Der Mond war längst untergegangen, und das Tagesgestirn begann glänzend und mächtig im Osten sich zu verbreiten und auf dem Spiegel eines kleinen Sees zu schimmern, an dessen Rande sie eine kurze Zeit angeritten waren. Quentin warf einen Blick auf den neben ihm reitenden Mann, und unter dem Schalten eines schlechten niedergekrempten Hutes, der dem Sombrero eines spanischen Bauern glich, erkannte er das lustige Gesicht des nämlichen Petit-André, dessen Finger noch vor kurzem in Gemeinschaft mit denen seines finstern Bruders, Trois-Echelles, so unbehaglich ihm um den Hals gespielt hatten. – Angetrieben durch seine Abneigung, die nicht ganz ohne Beimischung von Furcht war (denn in seinem Vaterlande wird der Nachrichter mit einem beinahe abergläubischen Abscheu betrachtet) lenkte Durward instinktartig den Kopf seines Pferdes zur Rechten und machte, indem er ihm den Sporn in die Seite drückte, eine halbe Wendung, die ihn wenigstens acht Fuß weit von seinem verhaßten Begleiter entfernte.

»Ho! ho! ho!« rief Petit-André aus, »bei unserer lieben Frau von Grêve, unser junger Soldat erinnert sich unsrer noch. Nun, Kamerad, Du hegst doch keinen Groll, hoff ich – jedermann verdient sein Brot hier zu Lande, so gut er kann. Es braucht sich keiner zu schämen, durch meine Hände gegangen zu sein, denn ich nehme es mit jedem auf, der je etwas Lebendiges an einen toten Baum geknüpft hat. – Und Gott ist mein Zeuge, daß ich allemal dabei ein lustiger Geselle war. – Ha! ha! ha! – Ich könnt Euch da Späße erzählen, die ich auf dem Wege von dem Fuße der Leiter bis an den Galgen oben gemacht habe, daß ich, bei meiner Seele, genötigt war, meine Arbeit in Eile abzutun, sonst hätten die Kerle sich noch vorher zu Tode gelacht.«

Mit diesen Worten lenkte er sein Pferd seitwärts, um den Raum, den der Schotte zwischen ihnen gelassen hatte, wieder auszufüllen, und sagte zu gleicher Zeit: »Kommt, Herr Bogenschütze, laßt allen Groll zwischen uns fahren! – Ich für meinen Teil tue immer meine Pflicht ohne Groll und leichten Herzens, und liebe einen Menschen nie mehr, als wenn ich ihm meinen knappen Strick um den Hals geschlungen habe, um ihn zu einem Ritter vom heiligen Patibularius zu schlagen, wie der Kaplan des Profoßen, der würdige Vater Baconeldiablo, den Schutzheiligen der Profossenschaft zu nennen pflegt.«

»Zurück, Elender!« rief Quentin aus, als der Vollstrecker der Gesetze sich ihm abermals zu nähern suchte, »oder ich möchte versucht werden, Dich den Abstand kennen zu lehren, der zwischen Leuten von Ehre und einem Auswurfe der Menschheit, wie Du bist, stattfinden muß.«

»Nun seht einmal, was Ihr doch gleich für ein Hitzkopf seid,« sagte der Kerl; »hättet Ihr gesagt: ehrliche Leute, so wäre doch auch noch etwas Wahres daran gewesen; – aber Leute von Ehre – mit diesen lieber Himmel! stehe ich tagtäglich in so engen Verhältnissen, als es beinahe bei Euch der Fall gewesen wäre. – Aber Friede sei mit Euch, wählt Eure Gesellschaft, wie Ihr wollt, – Wir hätten eine Flasche Auvergnat zusammen getrunken, um allen Groll hinunterzuspülen – aber Ihr verschmäht meine Höflichkeit. – Seid daher so grob, als Ihr wollt, – ich zanke mich nie mit meinen Kunden, meinen lustigen Tänzern, wie Jakob der Schlächter seine Schöpse nennt, kurz mit solchen, die wie Ew. Herrlichkeit die Buchstaben St. R. A. N. G. auf der Stirne tragen. Nein, nein, mögen sie mir's machen, wie sie wollen, sie sollen doch am Ende von mir noch gut bedient werden, und Ihr selbst sollt sehen, wie Petit-André, wenn Ihr wieder in seine Hände kommt, so leicht Beleidigungen vergessen kann.«