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»Meine Jugend, werden Sie sagen, wäre ja eben nicht schrecklich gewesen. Ja, zwar nicht die beste, doch ganz erträglich. Mein Vater, der älteste Sohn eines alten, aber herabgekommenen Hauses, ließ mich mit geringem Vermögen, aber mit den Namen des Stammhalters seines Geschlechts, in dem Schutze seiner glücklichern Brüder, die so vernarrt in mich waren, daß sie sich beinahe um mich zankten. Mein Oheim, der Bischof, wollte mich in den geistlichen Stand bringen und mir eine Pfründe verschaffen; mein Oheim, der Kaufmann, hätte mich gern in seine Schreibstube gesetzt und wollte mir einen Anteil geben an dem schwunghaften Geschäfte des Hauses Mannering und Marshall in der Lombard-Street. So zwischen zwei Stühle gestellt, oder vielmehr zwischen die weichen bequemen gut gepolsterten Lehnsessel der Gottesgelehrtheit und der Kaufmannschaft, schlüpfte ich Unglücklicher mitten hindurch und kam auf einen Dragonersattel zu sitzen. Darauf wollte der Bischof mich mit der Nichte und Erbin des Dechants von Lincoln vermählen, und mein Oheim, der Alderman, mit der einzigen Tochter des großen Weinhändlers Sloethorn, der so reich war, daß er Haarwickel aus Banknoten drehte, aber ich zog meinen Hals aus beiden Schlingen und heiratete die – arme, blutarme Sophie Wellwood.

»Sie werden sagen, ich hätte in Indien, wohin ich mit meinem Regimente ging, doch mit meiner kriegerischen Laufbahn einigermaßen zufrieden sein müssen, und Sie haben recht. Auch werden Sie meinen, daß ich mir doch nicht das Mißfallen der beiden Pfleger meiner Kindheit zugezogen, obgleich ich die Hoffnungen derselben täuschte; daß der Bischof mir, außer seinem Segen, seine handschriftlichen Predigten und eine merkwürdige Mappe vermachte, die drei Bildnisse berühmter Geistlichen der englischen Kirche enthielt, und daß mein Oheim, Paul Mannering, mich zum einzigen Erben seines großen Vermögens einsetzte. Alles dies hilft mir leider nichts. Ich habe Ihnen schon gesagt, es lag etwas auf meiner Seele, das ich wohl mit ins Grab nehmen werde – ein ewiger Aloegeschmack im Kelche des Lebens! Ich will Ihnen die Ursache umständlicher erzählen, wozu ich nicht das Herz hatte, als ich unter Ihrem gastfreien Dache wohnte. Man wird Ihnen vielleicht oft davon erzählen, und vielleicht mit abweichenden Umständen. Ich will Ihnen also ohne Rückhalt alles mitteilen, aber dann möge von dem Ereignisse selbst und von der Schwermut, die es in meiner Seele erweckte, nie wieder die Rede zwischen uns beiden sein.

»Sophie begleitete mich, wie Sie wissen, nach Indien. Sie war unschuldig, munter und froh, zum Unglück für uns beide, beides im gleichen Maße. Mein Leben hatte sich teils durch die gelehrten Beschäftigungen, die ich aufgegeben, teils durch die Liebe zur Einsamkeit gebildet, die sich aber mit meiner Lage als Regimentskommandeur in einem Lande, wo jeder Ansiedler, der auf den Rang eines achtbaren Mannes Anspruch macht, Gastfreundschaft anbietet und erwartet, nicht recht vertrug. Sie wissen, in welcher Verlegenheit wir zuweilen um weiße Gesichter waren, unsere Schlachtlinie in Ordnung zu halten. In solchem schlimmen Augenblick kam ein junger Mann, Namens Brown, als Freiwilliger zu unserm Regimente, und da er das Kriegsgewerbe seiner Neigung angemessener fand als den Handel, dem er sich früher gewidmet, blieb er als Kadett bei uns. Ich muß meinem unglücklichen Opfer Gerechtigkeit widerfahren lassen: er zeigte sich bei jeder Gelegenheit so tapfer, daß man ihm den Anspruch auf die erste erledigte Offizierstelle zuerkannte. Als ich von einer Unternehmung in einer entlegenen Gegend nach einigen Wochen heimkehrte, fand ich diesen jungen Mann als Hausfreund, als gewöhnlichen Gesellschafter meiner Frau und meiner Tochter in meinem Hause. Dies mißfiel mir in mehr als einer Hinsicht, obgleich sich gegen die Sitten oder den Charakter des Mannes nichts sagen ließ. Ich hätte mich jedoch mit seinem Umgange in meinem Hause wohl wieder ausgesöhnt, wenn nicht Ohrenbläserei mich aufgebracht hätte. Wenn Sie den Othello – ich traue mich nie, das Buch aufzuschlagen – lesen, so werden Sie ahnen können, was erfolgte; ich rede von meinen Beweggründen, denn meinen Handlungen war, Gott sei Dank! weniger vorzuwerfen. Wir hatten noch einen andern Kadetten, der nach der erledigten Offizierstelle trachtete. Er machte mich auf die Liebelei meiner Frau mit dem jungen Manne, wie ich, durch ihn verleitet, es nannte, aufmerksam. Sophie war tugendhaft, aber stolz auf ihre Tugend, und durch meine Eifersucht gereizt, beging sie die Unvorsichtigkeit, eine Vertraulichkeit, die, wie sie sah, meinen Argwohn erweckte, zu ermuntern. Zwischen Brown und mir herrschte eine Art innerer Abneigung. Er machte einige Versuche, mein Vorurteil zu beseitigen; aber in meinem Vorurteil schrieb ich diese Schritte einer falschen Ursache zu. Als er sich, und nicht ohne Unmut, abgewiesen sah, ließ er ab, und da er ohne Angehörige, ohne Freunde war, hielt er das Betragen eines Mannes, der beides hatte, desto aufmerksamer im Auge.

»Sonderbar, daß es mir so schmerzlich ist, diesen Brief zu schreiben. Und doch fühle ich mich getrieben, diese Qual zu verlängern, als könnte ich dadurch das Ereignis entfernen, das mein Leben so lange verbittert hat. Doch – es muß erzählt werden, und so soll es denn kurz geschehen.

»Meine Frau, zwar nicht mehr jung, war noch sehr hübsch, und – lassen Sie es mich sagen, wenn es mich rechtfertigen kann – sie hatte es gern, daß man sie dafür hielt. Noch einmal, ich hegte nie Zweifel gegen ihre Tugend, aber durch Archers listige Eingebungen verleitet, glaubte ich, sie sei wenig besorgt für die Ruhe meines Gemütes, und der junge Mann wolle, mir zum Trotze, ihr seine Huldigungen darbringen. Er hielt mich vielleicht für einen herrschsüchtigen Aristokraten und meinte, daß ich meinen Rang in der Gesellschaft und im Heere benutzen wollte, diejenigen zu drangsalieren, die der Zufall mir untergestellt hatte. Wenn er meine törichte Eifersucht bemerkte, so glaubte er wahrscheinlich für die kleinen Tücken, die ich in meiner Lage ihm antun konnte, sich am besten dadurch zu rächen, daß er mich an jener wunden Stelle meines Gemütes faßte. Ein scharfsichtiger Freund wollte die Bewerbungen des jungen Mannes argloser, wenigstens minder beleidigend finden, indem er mich zu überreden suchte, daß Brown seine Absicht auf meine Tochter gerichtet habe, obgleich er sich an die Mutter wende, um die Gunst derselben zu gewinnen. Ich hätte zwar auch in einer solchen Bewerbung eines jungen Mannes, ohne Herkunft und ohne Namen, eben nichts Schmeichelhaftes sehen, aber mich doch durch eine solche Torheit nicht so beleidigt finden können, als ich es durch die Vermessenheit war, die ich argwöhnte. Ja, ich fühlte mich empfindlich beleidigt.

»Ein kleiner Funke wird leicht zur hellen Flamme, wo alles umher liegt, was Feuer fangen kann. Ich habe die nächste Veranlassung des Streits gänzlich vergessen, aber es war eine Kleinigkeit am Spieltisch, die zu heftigen Worten und zu einer Herausforderung führte. Wir trafen uns jenseits der Wälle der Festung, wo ich Befehlshaber war, nicht weit von der Grenze. So war es verabredet zu Browns Sicherheit, wenn er davonkommen sollte. Möchte er davongekommen sein, wenn auch zu meinem Nachteile! Er fiel auf den ersten Schuß. Wir wollten ihm beistehen, aber einige von den einheimischen Räubern, den sogenannten Luti, die überall auf Beute lauern, überfielen uns. Nicht ohne Schwierigkeit gelang es mir und meinem Begleiter Archer, zu unsern Pferden zu kommen, und erst nach einem harten Kampfe, worin Archer gefährlich verwundet wurde, sahen wir uns außer Gefahr. Es war nicht das einzige Unglück des verhängnisvollen Tages. Meine Frau, die meine Absicht geahnt hatte, als ich die Festung verließ, war mir in ihrem Palankin gefolgt und wurde von einem andern Räuberhaufen überfallen und wäre fast in Gefangenschaft geraten. Eine Abteilung unserer Reiterei rettete sie zwar, aber ich kann es mir nicht verbergen, daß die Ereignisse jenes unglücklichen Morgens ihre schon wankende Gesundheit völlig erschüttert haben. Als sich Archer dem Tode nahe glaubte, gestand er, daß er einige Umstände ersonnen und andern die schlimmste Deutung gegeben hätte, um seine Absichten zu erreichen. Es folgte eine offene Erklärung; wir verziehen einander; aber die Krankheit meiner Frau wurde dadurch in ihrem Fortgange nicht gehemmt. Sie starb acht Monate nach dem unglücklichen Vorfall und hinterließ mir eine einzige Tochter, die Ihre Gemahlin einstweilen unter Obhut zu nehmen so gütig gewesen. Auch Julie wurde krank, und zwar so bedenklich, daß ich meine Stelle aufgab, um nach Europa zurückzukehren, wo heimische Luft, Zeit und die Neuheit der Umgebung beigetragen haben, ihre Traurigkeit zu zerstreuen und ihre Gesundheit herzustellen.