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Die zwei Ehrenmänner trennten sich nun, nachdem sie sich gegenseitig nochmals angelobt hatten, bei dem Stelldichein am Kreuze der drei Könige sich pünktlich einzufinden.

Quentin wartete, bis sie ihm aus dem Gesichte waren, und stieg dann aus seinem Verstecke herab, indem ihm das Herz bei dem Gedanken schlug, daß er und seine schöne Schutzbefohlene mit genauer Not einem so tief angelegten Plane von Schurkerei entgangen wären, wenn dies ihnen andern noch gelingen sollte. Da er fürchtete, bei seiner Rückkehr nach dem Kloster auf Hayraddin zu stoßen, so machte er einen langen Umweg auf rauhen Pfaden und gelangte auf einer ganz andern Seite wieder an das Kloster. Unterwegs ging er ernstlich mit sich zu Rate, was nun für ihn am klügsten und sichersten wäre. Als er zuerst Hayraddin seine Verräterei gestehen hörte, hatte er den Entschluß gefaßt, ihn, sobald die Unterredung beendigt wäre und seine Gefährten sich entfernt hatten, zu töten; da der Zigeuner aber sich so sehr für die Rettung seines Lebens bemühte, fühlte er, daß es ihm schwer werden würde, die Strafe, die seine Verräterei verdient hatte, in ihrer ganzen Strenge an ihm zu vollziehen. Er beschloß deshalb, sein Leben zu schonen und sich, soviel wie möglich, noch seiner Dienste als Wegweiser zu bedienen, jedoch mit Beobachtung aller Vorsichtsmaßregeln, damit die Sicherheit seiner ihm so teuren Schützlinge, deren Erhaltung er sein ganzes Leben zu widmen bereit war, nicht gefährdet werde. Aber wohin sollten sie sich wenden? – Die Gräfinnen konnten weder Zuflucht hoffen in Burgund, aus dem sie geflohen, noch in Frankreich, aus dem sie gewissermaßen verstoßen waren. Die Heftigkeit des Herzogs Karl in dem einen Lande war kaum mehr zu fürchten als die kalte, tyrannische Politik König Ludwigs in dem andern. Nach reiflichem Hin- und Herdenken konnte Durward keinen besseren und sicherern Plan für ihre Rettung finden, als mit Umgehung des Hinterhalts den Weg nach Lüttich am linken Ufer der Maas einzuschlagen und sich, wie es die Damen anfänglich beabsichtigt hatten, unter den Schutz des Bischofs von Lüttich zu begeben.

Das Ergebnis aller dieser Betrachtungen Quentins, die, wie gewöhnlich, nicht ohne einige Beziehung auf selbstsüchtige Zwecke blieben, war, daß er, den Ludwig kaltblütig dem Tode oder der Gefangenschaft preisgegeben hatte, dadurch aller Verbindlichkeiten gegen die Krone von Frankreich enthoben sei, weswegen er sich auch gänzlich von demselben lossagen wolle. Der Bischof von Lüttich, so beschloß er, brauche doch auch Soldaten, und durch die Verwendung seiner schönen Freundinnen, die ihn, besonders die ältere Gräfin, mit vieler Vertraulichkeit behandelten, könne er vielleicht eine Befehlshaberstelle oder wohl gar den Auftrag erhalten, die Gräfinnen von Croye an irgend einen sichereren Ort zu bringen, als es die Nachbarschaft von Lüttich war. Endlich hatten die Damen, wenngleich fast nur im Scherz, davon gesprochen, der Gräfin Vasallen aufzubieten und, wie andere in jenen stürmischen Zeiten taten, ihr Schloß dergestalt in Verteidigungszustand zu setzen, daß er jedem Angriffe trotzen konnte; sie hatten im Scherz Quentin gefragt, ob er das gefährliche Amt ihres Seneschalls übernehmen wolle, und als er es mit Freudigkeit und Eifer zusagte, in derselben Stimmung ihm erlaubt, ihnen für die Ernennung zu dieser, großes Vertrauen voraussetzenden, ehrenvollen Anstellung die Hand zu küssen. Ja er glaubte sogar bemerkt zu haben, daß die Hand der Gräfin Isabelle, eine der wohlgebildetsten und schönsten, die je von einem Vasallen geküßt ward, ein wenig zitterte, als seine Lippen einen Augenblick länger auf ihr verweilten, als die Zeremonie es sonst zu erfordern schien, und daß, als sie solche zurückzog, auf ihren Wangen und in ihren Augen einige Verwirrung sichtbar ward. Etwas konnte aus dem allen doch hervorgehen; und welcher brave Mann in Quentins Alter hätte nicht gerne bei den Gedanken, die dadurch erweckt wurden, verweilen und dadurch zu Betrachtungen veranlaßt werden sollen, die auf seine Handlungen einen bestimmten Einfluß äußern mußten?

Nachdem er über diesen Punkt ins reine gekommen war, hatte er zu überlegen, inwieweit er von der ferneren Führung des treulosen Zigeuners Gebrauch machen sollte. Er war von seinem ersten Gedanken, ihn in dem Walde zu töten, zurückgekommen; nahm er aber einen andern Führer, und ließ er diesen leben, so würde er dadurch den Verräter in Wilhelm von der Marks Lager gesandt und diesen von allen ihren Bewegungen in Kenntnis gesetzt haben. Er dachte auch daran, den Prior in sein Geheimnis zu ziehen und ihn zu ersuchen, den Zigeuner mit Gewalt solange festzuhalten, bis sie Zeit gewonnen hätten, das Schloß des Bischofs zu erreichen. Allein bei reiflichem Nachdenken wagte er es nicht, ihm einen solchen Vorschlag zu machen; denn er war ein furchtsamer alter Mann und ein Mönch dazu, für den die Erhaltung und Sicherheit seines Klosters die wichtigste Pflicht sein mußte, und der schon bei dem bloßen Namen des Ebers der Ardennen zitterte. Endlich entwarf Durward einen Operationsplan, auf dessen Gelingen er besser rechnen durfte, da die Ausführung einzig nur von ihm selbst abhing; und im gegenwärtigen Falle fühlte er sich zu allem fähig; und gerade als er mit diesem Manne im reinen war, erreichte er das Kloster.

Auf ein leises Klopfen am Tore wurde ihm durch einen Bruder, den der Prior ausdrücklich dahin gestellt hatte, das Tor geöffnet und zugleich gemeldet, daß sich die Brüder sämtlich bis zu Tagesanbruch im Chore befänden, um den Himmel anzuflehen, daß er der Brüderschaft die mancherlei Aergernisse vergeben möchte, die an diesem Abend in ihrer Mitte stattgefunden hätten. Der ehrwürdige Bruder erteilte Quentin die Erlaubnis, an ihrer Andacht teilzunehmen; aber seine Kleider waren so durchnäßt, daß er diese Einladung ablehnen und um die Erlaubnis bitten mußte, sich an das Küchenfeuer niederzusetzen. Es war ihm besonders daran gelegen, daß der Zigeuner, wenn sie wieder mit ihm zusammenträfen, keine Spuren von seiner nächtlichen Streiferei an ihm entdeckte. Der Klosterbruder gestattete ihm nicht nur sein Gesuch, sondern leistete ihm sogar Gesellschaft, was denn auch Quentin sehr erwünscht war, da er über die zwei Straßen, deren der Zigeuner in seinem Gespräch mit dem Lanzknechte erwähnt hatte, gern genauere Auskunft erhalten hätte. Der Mönch, dem oft Geschäfte außerhalb des Klosters aufgetragen wurden, konnte ihm die gewünschte Auskunft geben; doch machte er ihm bemerklich, daß die Damen, die Durward geleitete, als echte Pilgrime verpflichtet wären, ihren Weg nach dem rechten Ufer der Maas, bei dem Kreuze der drei Könige vorbei, zu nehmen, wo die gebenedeiten Reliquien Kaspars, Melchiors und Balthasars (wie die katholische Kirche die drei Weisen nennt, die mit ihren Gaben aus dem Morgenlande nach Bethlehem kamen) viele Wunder getan hätten.

Quentin erwiderte, die Damen wären entschlossen, alle diese heiligen Andachtsorte mit der größten Pünktlichkeit zu besuchen, und würden unfehlbar entweder auf ihrer Hinreise nach Köln oder, von da zurückkehrend, an dem Kreuze ihre Andacht verrichten, allein sie hätten in Erfahrung gebracht, daß die Straße auf dem rechten Ufer des Flusses gegenwärtig durch die Soldaten des wilden Wilhelm von der Mark unsicher gemacht würde.